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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-14 · Heft 10-11 (14.3.1919) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 10-11 (14.3.1919)
Date
1919-03-14
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 mit einer kleinen, aber sinngemäßen Abänderung des alten Mosesruses rief sie aus: „Wer für Gott ist, der" — wähle die bayerische Volkspartei! Ja, in einem Anfall dichterischer Begeisterung gab sie mit gereimten und doch ungereimten Worten die Losung aus: „Jude oder Christ — wer gottesgläubig ist -- er eile herbei — zur bayerischen Volkspartei!" Das ist die neue Aguda in Bayern, die wir, wie alle großen Errungenschaften der Gegenwart, der glorreichen Revolution zu verdanken haben, ein Bund der Gottesgläubigen aller Bekenntnisse, der die Fahne der Religion mit dem Bilde von drei ineinanderverschlungenen Ringen dem bayerischen Volke zum Kriege und zum Siege durch alle Stürme vorantrageu will. Diese interkonfessionelle Aguda ist nicht etwa, wie man meinen könnte, ein nur Politisches Wahlbündnis, wie es bisweilen aus taktischen Rücksichten unter zeitweiser Zurückstellung von Grundsätzen ad hoc geschlossen zu werden Pflegt, nein, sie ist als ein richtiger Bruderbund aufzufassen. Wer das aber nicht glauben will, der lese folgende Worte in der „Deutsch-israelitischen Zeitung": „Gott sprach zum Volke Israel am Berge Sinai: ,Jhr sollt mir ein Reich von Priestern fein und ein heiliges Volk? Wer sich außerhalb dieses Rahmens stellt, hört auf unser Brüder zu sein, wenn er auch den allerjüdischsten althebräischen Namen trüge. Dagegen sind die Christen, welche für Gott, zehn Gebote und Heilige Schrift öffentlich Zeugnis ablegen, unsere Brüder." (Jahrg. 1918, Nr. 52, S. 6.) Kaum glaublich! Unsere Alten in ihrer ehrlichen Frömmigkeit meinten: „Wenn auch der Israelit gesündigt hat, er bleibt doch dein Bruder." Anderseits hat Nathan der Weise zum Tempelbruder gesagt: „Was mich dir zum Christen macht, das macht dich mir zum Juden", aber als Bruder hat nicht einmal Nathan der Weise den Tompelbruder bezeichnet. Wie ganz anders aber malt sich die Welt in den Köpfen der Weisen von Regensburg: der gläubige Nichtisraelit ist unser Bruder, der ungläubige Stammesgenosse ist nicht mehr unser Bruder! Die neue Aguda ist endlich nicht nur ein aufrichtiger Bruderbund, sondern sogar ein Geistesbund verwandter Weltanschauungen. Wer das aber nicht glauben will, der lese die folgenden Worte in der „Deutsch-israelitischen Zeitung" iJahrg. 1919, Nr. 1, S. 2): „Die christliche Weltanschauung ist die der Heiligen Schrift. Das ist auch die j ü d i s ch e." Wir hatten bisher die Lehrmeinung des Apostels Paulus für das Wesentliche im Baue der christlichen Weltanschauung gehalten und gemeint, daß es dahin vom Standpunkte der jüdischen Weltanschauung keine Verbindungsbrücke geben könne. Nun aber sind die Theologen beider Bekenntnisse darüber belehrt, daß es sich eigentlich nur um eine Namensverschiedenheit bei gleichem WesensinhE des Christentums und des Judentums bandelt. Ohne vom nichtorthodoxen Standpunkte dazu «tellung nehmen zu wollen, wünschen wir der neuen Aguda der Gottesgläubigen aus allen drei Bekennerschasten, daß dieselbe einen festeren und dauerhafteren Bestand haben möge als der selige Dreibund, den der Weltkrieg zertrümmert hat. Auch Einer. Sie Woche. Berlin, den 4. März 1919. as deutsche Judentum hat in der vergangenen Woche einen äußerst schmerzlichen Verlust erlitten. Am Mittivoch, den 26. Februar, ist in Frankfurt a. M. der Direktor des dortigen Philanthropin, Geh. Stu'dienrat Dr. S a l o Adler, llach längerer, mit großer Geduld ertragenen Krankheit im 62. Lebensjahre gestorben. Mit ihm ist einer der populärsten, edelsten und besten Männer der deutschen Judenheit aus dem Leben, geschieden, ein Mann, auf 'den das alte ^ort in den Sprüchen der Väter angewendet werden durfte: An wem der Menschen Sinn Wohlgefallen findet, an dein hat auch Gott sein, Wohlgefallen!. Salo Adler, dessen treues Auge sein tiefes Gemüt, die unerschöpfliche Güte seines für alles Gute und Nützliche empfänglichen Herzens widerspiegelte, zählte zu den wenigen, die, einem inneren Drang folgend, ihr Wissen und Können, ihre Arbeitskraft und ihre ganze Persönlichkeit in den Dienst der Allgemeinheit stellen und nicht ruhen und rasten, bis sie die ihnen vorschwebenden Ziele der Verwirklichung näher bringen. Er war in seiner vielgestalteten Wirksamkeit kein Freund leerer Worte, er war ein Mann der Tat und durch ein außerordentliches organisatorisches Talent noch besonders ausgezeichnet. Dies bekunden die von ihm geschaffenen Institutionen: der Verband der jüdischen Lehrervereine in Deutschland und die ihm angeschlossene Pensions-, Witwen- und Waisenkasse, durch die er sich ein Denkmal für ewige Zeiten errichtet hat. Doch ist dies nur ein geringer Teil seiner Lebensarbeit. Neben seinem anstrengenden Beruf, der seine Geisteskraft in hohem Maße in Anspruch nahm, und neben seiner Fürsorge für seine Berufsgenossen, die jüdische Lehrerschaft, war sein unausgesetztes Streben daraus gerichtet, das Gemeinwohl der deutschen Juden überhaupt, ihre Wohlfahrtseinrichtungen und Bildungsanstalten zu fördern und kräftigen und — wofür ihm besondere Anerkennung gebührt - die seinen Stammesgenossen vorenthaltenen staatsbürgerlichen Rechte mit Männer stolz zu s o rd er n und z it erkä mpfen. Er stand immer, solange wir ihn kannten, in der vordersten Reihe der Kämpfer, als Jude sowohl wie als Deutscher: nicht ans Wohlgefallen am Kampfe, sondern aus Mitleid mit den Schwachen und Unterdrückten. ans Beaeisterung für die von ibm vertretene Sache, ans Liebe für Wahrheit und Reckst. Salo Adler war ein überzeugter liberaler Jude, aber in seiner Wirksamkeit für die Allgemeinheit zog er keine Grenze zwischen den Parteien: sein gutes jüdisches Herz gehörte dem Kesamtjudentum an. Es allst wobt auch kaum eine größere bas deutsche Judentum umfassende Organisation, in der er nicht an leitender Stelle stand, nickst beaeistert und beaeisternd, anregend und befruchtend wirkte, und die nicht jetzt von anfrichtiger Trauer erfüllt sein dürfte, feinen weisen Rat, staue ovserfrendige Mitarbeit für immer entbehren m müssen-. Auch die jüdische Presse und ganz besonders die „Alla. Zta. des Judentums", anderen Fortentwicklung er während der Zeit seiner Berliner Amtstätigkeit hervorragenden Anteil nahm, verliert in ibm einen treuen Freund unb bewährten Mitarbeiter, der, selbstlos und frei von ie'der Eitelkeit. Geziertheit und Ruhmsucht, so oft der Ruf an ihn erging, seine flotte Feder, seine schriftstellerische Gewandtheit ihr bereitwilligst zur Verfügung stellte. --- Der Lebenslauf dieses nun für immer uns entrückten Mannes ist gelegentlich seines 66. Geburtstages am 26. Sevte.rn.ber 1617 in unserem Blatte (Nr. 38, 1917'), das auch sein Bild brachte, von berufener Seite in ziemlich erstbövsender Weise gezeichnet worden. Ein dem Andenken Salo Adlers geziemender Nachruf soll, gleichfalls von berufener Feder, in einer der -nächsten Nummern folgen. Für heute aber, wo alles um uns iv\ Flammensteht und das von dem Heimgegangenen so heiß geliebte Deutschland dem Zusammenbruch nahe ist. glauben wir in seinem Sinne zu verfahren, wenn wir in stiller Trauer ihm ein nur wehmütiges „Ziehe hin in Frieden" nachrnsen, eingedenk des Schriftwortes: Weinet nicht um den Toten, weinet um die, die auf dieser jamwerreichen Erde wandeln und all das Leid und Glend und Unglück mit ansehen müssen. Er ruhe in Frieden! * Berlin, den 10. Mürz 1919. Infolge des Generalstreiks und der aufs neue ausgebrochenen Spartacisten-Unruhen konnte auch unser Blatts das bereits für den Druck sertiggestellt war, in der vorigen

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