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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-03-14 · Heft 10-11 (14.3.1919) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 10-11 (14.3.1919)
Date
1919-03-14
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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S8 uns, daß ihn das Schicksal ferner Lieben nicht aufs tiefste er- 'faßte! Ist ja ganz Israel eine große Familie! — Als der Tag gekommen war, an dem, wäre es nach Hamans Willen gegangen, alle Juden im Reiche des Ahasver getötet worden wären, da nahmen die Juden Rache an ihren Feinden und töteten sie „doch nach der Beute streckten sie nicht ihre Hand". Und dieser kleine Zug in unserer Ueberlieferung will mir besonders schön erscheinen; was sie taten, tun mußten, um ihr eignes Leben zu erhalten, das taten sie in der Notwehr, aber sie taten es nicht, um sich zu bereichern. Und so sind ihre Hände rein geblieben, trotz des Blutes, das sie vergießen mußten. Heut ist uns Purim ein Freudentag; auch der gedrückte, geplagte Gettojude, er treibt heute Karnevalsscherze und bemüht sich, lustig zu sein und alles zu vergessen, was ihn bedrückt. Nur der Narr ist an diesem Tage ernst. Aber es hat jetzt etwas Tragisches, wenn das leidgeprüfte Volk Israel lustig ist, und aus der Freude, daß sein Bedrücker Human beseitigt ist, steigt doch stets wieder der Gedanke an einen neuen Haman aus dem Innersten der Brust wieder herauf. Ob das immer so sein wird oder ob nicht doch einmal der Tag kommen wird, an dem wir keinen Haman mehr, zu fürchten haben? Wir wollen mit der ganzen Kraft unserer Seele daran glauben, daß die Völker sich so veredeln werden, daß ihre Seele keinen Nährboden mehr bietet für die Anschuldigungen eines Haman; wir warten auf diesen Augenblick schon über 2000 Jahre, aber wir haben nicht mehr lange Zeit zu warten. Die aber, die zersprengt sind unter den Völkern des Erdkreises, sie sammeln sich, um an der Stätte, von der sie ausgezogen sind, ein neues Reich aufzurichten und sich selbst zu schützen, damit aus ihrer Seele einmal all das Bittere schwindet, was die Jahrtausende der Verbannung über sie gebracht Haben. Denn sie sind müde geworden, die immer wieder erneuten, törichten Anklagen ihrer Feinde abzuwehren, aber doch noch frisch und jung genug, um ein neues Leben zu beginnen, ein Leben, wo kein Haman mehr unter ihnen sein kann und wo sie wieder ganz Gottes Volk sind im Lande der Väter. Judenlos wird es sein, daß nicht alle dorthin gehen können, denn es ist das Tragischste in unserem Schicksal, daß wir eine doppelte Liebe in unserer Seele spüren, die Liebe zu Erez Israel und zu dem Lande, in dem wir geboren sind, und wir können keine von beiden töten. Die aber, die den Staub Europas von ihren Füßen schütteln, werden nun wieder ganz das sein. Ums sie waren, „Juden"; sie begleiten wir mit der ganzen Liebe unseres Herzens. Möchte ihre Zukunft ihnen das halten, was sie erträumen! Wir aber stehen wie Iphigenie am Ufer, „das Land der Väter mit der Seele suchend"! - Vielleicht aber ist Haman wirklich tot, und wir können auch hier frei als Juden leben. —- Doch heute ist ja Purim, und darum laßt uns lustig sein. . Line neue Uguds in Bayern. ie alle großen Errungenschaften der Gegenwart haben wir auch diesen neuen Bund, über welchen 'nachfolgend berichtet werden soll, der glorreichen Revolution zu verdanken, die mit der Gewalt eines Wirbelwindes in ostwestlicher Richtung über unfern Erdteil hinfegte und die seit vielen Jahrhunderten hergebrachte Weltordnung wie ein leicktgebautes Gartenhaus über den Haufen warf. Die ältesten Staatenverbände wurden auseinandergerissen und die ehrwürdigsten Throne, fast alle miteinander in wenigen Tagen, entwurzelt und weggeblasen. Zwischen Thron und Altar war im obrigkeitlichen Staate ein freundschaftliches Verhältnis. Sie stützten sich gegenseitig und führten gemeinsam ihre legitime Geltung auf denselben Ursprung zurück. Ter Zukunftstaat wird voraussichtlich der Kirche seinen Arm entziehen, und nach Lösung dieses Verhältnisses werden, wie man besorgt, auch die Altäre ins Wanken geraten. Nicht bloß im Sinne des äußern Machtbegriffs. Es sind ja die Geister revolutioniert und jegliche Autorität ist in den Herzen der Volksmassen erschüttert. Aengstliche Gemüter fragen darum mit sorgender Erwägung der Zukunft: wer wird in sturmbewegten. Zeiten, denen wir entgegengehen, das älteste und ehrwürdigste Heiligtum der Menschheit, das Heiligtum der Religion, gegenüber feindseligen Gewalten und Angriffen schützen und verteidigen? Diese Ausgabe hat bei uns zulande auf politischer Warte die bayeris chle Volkspartei als Nachfolgerin der früheren Zentrumsfirma auf sich genommen. Punkt 4 des Wahlprogramms dieser Partei hatte folgenden Wortlaut: „Die bayerische Dolkspartei steht in allen Fragen der Kultur auf dem Boden der christlichen Weltanschauung. Sie verlangt volle Freiheit aller KonfMonen und ihrer Einricht^ngensowie gleichmäßige BerücksichtiigungderMnstalten und Angehörigen aller Konfessionen, insbesondere bei Bereitstellung öffentlicher Mittel und bei Verleihung öffentlicher Aemter." Der denkende Leser und insbesondere der jüdische Leser mußte sich fraaen: was hat man in diesem Zusammenhänge unter christlicher Weltanschauung zu verstehen? Ist das im enaeren konfessionellen und dogmatischen oder im weitern und allgemeinen Sinne als Gegensatz zur religionslosen Weltanschauung zu verstehen? Und wenn die Partei in allen Fraaen der Kultur auf dem Boden der christlichen. Weltanschauung siebt, soll diese Stellungnahme auch im Verhältnis zur Judenfrage, die doch auch eine Kulturfrage ist, ihre Geltung haben? Daß die Partei, welche früher an der Staatskrippe saß und bei Besetzung von Staatsämtern die Bescheidung von« Juden auf das Zahlenverhältnis forderte, jetzt nach der staatlichen Umwälzung eine gleichmäßiae Berücksichtigung aller Konfessionen insbesondere bei Bereitstellung öffentlicher Mittel und bei Verleihung öffentlicher Aemter verlangt, ist vom Standpunkte der bisherigen israelitischen Privatkirchengesellschast gewiß als großer Fortschritt unterer demokratischen Zeit zu begrüßen. Aber wie verträgt sich einerseits mit dem demokratischen Standpunkt itnt> anderseits mit der christlichen Weltanschauung die Tatsache, daß die führenden Männer und Zeitunaen der bayerischen Volkspartei in ihrem parteipolitischen Ansturm gegen die jüdischen Stämmlinge in der Regierung des bayerischen Bolksstaats, insbesondere gegen Kurt Eis n er, der auch nach seinem Tode noch sehr lebendig geblieben ist, geaen Männer, die als solche mit dem Judentum keine geistige Gemeinschaft haben, sondern durch eine Welle der revolutionären Bewegung an die Oberfläche getragen wurden und mit ihr auch wieder nntertauchen werden, mit aus dem antisemitischen Sprachschätze entnommenen Redensarten und Schlagwörtern iun sich aeworfen haben, die in weiten Kreisen verstimmend und verbitternd wirken mußten? Tatsächlich wird es im Deutschen Reiche kaum einen Bür-aer gegeben haben, der die Qual der Wahl so ernst und so tief empfunden hätte als der frommgläubige Israelit in Bayern. Er hat sich die Gewissensfrage vorgelegt: darf und soll ich nr.it meinem Stimmzettel für eine Partei eintreten, die als Schntzaarde der Religion überhaupt in allen Fragen der Kultur auf dem Boden der christlichen Weltanschauung steht und in welcher außerdem trotz aller Versicherungen unparteiischer Gerechtigkeit die maßgebenden Männer und Blätter im Wahlkampfe antisemitelt haben? Die überwiegende Mehrheit der bayerischen Israeliten entschied sich nach dem bekannten Worte: ich mag nicht deinen Stachel und mag nicht deinen Honig! Anders die in Regensburg erscheinende, der rechtgläubigen Richtung huldigende „Deutsch-israelitische Zeitung". Ueber alle Bedenken mit kühner Entschlossenheit wegspringend, stürzte sie sich in die weitgeöffneten Arme des Herrn Dr. Heim, des kommenden Mannes in Bayern, und

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