Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1919)
- Date
- 1919-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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3. Jahrgang. Nr. 9 Berlin, 28. Februar 1919 Der Gemeindebote. Brtlsgr zur „Allgemeinen Leitung drK IudentumK". korrrspondrn-rn und Aschrichtrn Srutschlgnd. # Berlin, 25. Februar. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums veranstaltete vorletzten Sonntag eine Gedenkfeier für die im Kriege verstorbenen Atßtglieder des Kuratoriums und für die im Felde gefallenen Hörer im großen Hörsaale der. Anstalt, der stimmungsvollen Pflanzenschmuck trug. Vor dem Podium waren die Bilder der verstorbenen Kuratoren Hermann Cohen, Martin Philippson, Siegfried B r ü n n , Ludwig Geiger, Dr. Eduard Sachs und der gefallenen Hörer aufgestellt. Delegierte aller großen jüdischen Organisationen waren erschienen. Oberkantor Magnus David sohn erössnete die Feier mit dem Gesänge „Sei still im Herrn", dann hielt Rabbiner Dr. B a e ck die Gedenkrede, in der er in geistvoller Weise ansführte. wie ans der siegreichen Aufklärungsevoche die Emanzipation des Judentums in Preußen hervoraina. Reaktion und Romantik, welcke die Ansklärung ablösten. vermochten den Idealismus, mit dem sich die deutschen Juden dem Vaterlande und der Ausklärungsbeweanng angeschlossen hatten, nicht zu nnterdrücken. Dieser Idealismus, genährt vom Geiste Kants, bat auch die Lehranstalt für die Wifsenschait des Judentums geschaffen und die Männer beseelt, deren Gedächtnis diese Feier ehre. Nicht die Gunst der Fürsten und die Mittel des Staates, sondern bürgerliche jüdische Mäzene haben die Lehranstalt als Pflanzstätte indischer Wissenschaft geschaffen und erhalten. Erst ihr Mäzenatentum bat diese Männer zu Aristokraten gemacht, denn es verband ihr Leben mit geistigen Zielen. Als ersten in der Reibe der verstorbenen Förderer der Anstalt zeichnete der Redner das Bild Siegfried Brünns, des unermüdlichen Freundes aller jüdischen Bestrebungen: dann wlate Martin Vbilippson. der als Erbe einer Traditwn und durch Familienbeziehungen der Lehranstalt von früh auf verbunden war. bis sie ihm an seinem Lebensabend Erfüllung seines Wirkens wurde. Auch Hermann Cohen fand hier den Abschluß seines Lebenswerkes. Beide widmeten die aanze Reise und Ersahruna eines arbeitsreichen Wirkens der jüdischen Wissenschaft. In Eduard Sachs, dem Enkel Michael Sachs', verlor die Anstalt vorzeitig eine große Hoffnung: ein herber Verlust war der Heimgang Herrmann Veit S i in o n s , d'un fein Schwager und Gesinnunasfreund Ludwig Geiger in den Tod folgte. Mit tiefer Trauer bewahre die Lehranstalt auch das Gedächtnis ihrer jungen Hörer, von denen drei den Ovtertod für das Vaterland starben. Den Heimgekehrten entbiete die Lehranstalt herzlichen Willkommenarnß. Für die Dozenten gelobte Dr. Baeck. als Lehrende mit den Lernenden den Weg der jüdischen Wissenschaft v.\ gehen. Nach der Rede sang Oberkantor Davidso.hu den ergreifenden Trostpsalm „Gott ist mein Hirt", dann beschloß ein Harmonimnsh-el die ernste Feier. E. M. Berlin, 25. Februar. Die feie r I i ch e E r ö f f n n n g der Freien I ü d i s che n Volk s h o ch s ch ule erfolgte vera'mgenen Sonntag mittag im Logenhame in Gegenwart, zahlreicher Vertreter der großen jüdischen Korporationen. Ein stimmungsvoller Gesang des Oberkantors D a v i d f v b n erössnete den Festakt. Rabbiner Dr. Bergmann hielt die Eröffnnnasrede, die einen historischen Rückblick auf die Pflege der jüdischen Wissenschaft bildete. Er wies auf Moses Mendelssohn hin, der als armer vierzehnjähriger Knabe nach Berlin kam, um hier eine fruchtbare wissenschaftliche Tätigkeit zu beginnen. in einer Feil, da das Vaterland' schwer daniederlag. Gas Judentum hat sich stets in der Zeit äußerster Not au seiner Wissenschaft aufgerichtet. Auch heute wieder haben sich prominente Persönlichkeiten vereinigt, um der jüdischen Jugend die jüdische Wissenschaft näherznbringen. Mit begeisterten Worten wandte sich der Redner an die jüdische akademische Jugend, die ihre Korporationen entsandt hatte, und forderte sie zu lebhafter Beteiljgnng an dem neuen Unternehmen auf. Eineu besonderen Dank richtete der Redner an Herrn Benas Lev p, der zu den Anregern der Idee und den eifrigsten Mitarbeitern au ihrer Verwirklichung gehört. Der Rede folgte eine fesselnde Erösfnnngsvortesnng von Professor Dr. Heinrich Loewe über die „Jüdische Volkskunde", das jüngste Kind der allgemeinen Folklore. Ihre Ouellon sind Ethnographie, Anthropologie und Demographie, doch muß sie ihr Material ans dem Volksnmnde selbst und aus der Beobachtung des Familienlebens und des täglichen Lebens schöpfen. Tie jüdische Volkskunde ist also eine Lebensbeschreibung des jüdischen Volkes, aber nicht im Sinne einer historisch sich folgenden Biographie, sondern eine Beobachtung des tausendfältig flutenden jüdischen Lebens. Sie stellt das Leben des einer einheitlichen Rasse angehörigen jüdischen Stammes dar. Der jüdische Typus, der physisch sehr individuell und doch einheitlich ist. zeigt psychisch eine große Mannigfaltigkeit und doch Einheitlichkeit. Professor Tr. Loewe behandelte die einzelnen Zweige und Fächer der jüdischen Volkskunde und kam zu dem Resultat, daß der Hanptkomponent aller Volksvorstellungen die allen Menschenrassen gleiche vsychische Veranlagung ist, die unter gleichen Umständen an den verschiedensten Orten Parallele Anschauungen zutage fördert. Weiter zeigt die jüdische Volkskunde die Einwirkungen der Entlehnungen aus einem Volkskreis in den anderen. Beide Komponenten vereinigen sich mit der aus vorhistorischer Zeit entwickeltea konstanten jüdischen Rasseveranlaguna zu einem einheitlichen Bau, der das jüdische Volkstum ans den übrigen nationalen Familien hervorhebt. . Der mit großem Beifall anfgenonnnenen Vorlesung folgte ein meisterhaft vorgetragener Gesang von Beethovens „Me Himmel rühmen", mit dom Oberkantor Davidsohn die eindrucksvolle Feier beschloß. - Am Montag begannen die ersten Vorlesungen an der Jüdischen Volkshochschule, für die bereits zahlreiche Meldungen von Hörern Vorlagen. Berlin, 25. Februar. I ü d i s ch e n L e h r c r n, die ein über die Bedürfnisse des Elementarunterrichts hinausgehendes Wissen aus dem Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen wollen, ist Gelege nhei-t geboten, vor einer vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde eingesetzten Kommission durch Ablegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die jährlich im März und September stattsindet. erstreckt sich aus folgende Gebiete: Methodik, biblische Geschichte. Hebräisch, jüdische Geschichte. Religionslehre, Religionsphilosophie und Einleitungswistenschast. Gesuche um Zulassung sind zu richten an den Schul- und Talmud- Thcra-Vorstand der Jüdischen Gemeinde. Berlin N 24, Oranienburger Straße 20. Interessenten wird auf Ersuchen Abdruck des Prüfnngsreglements verabfolgt. <V»> Berlin, 25. Februar. Seitens der Indischen Gemeinde zu Berlin werden Kurse unterhalten, durch welche Lehrerinnen und Seminaristinnen Gelegenheit geboten ist, sich in sämtlichen Fächern des jüdischen Reliaionsnnterrichts und in der Methodik dieser Disziplin ausznbilden. Die Kurse dandrn drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit findet eine Abschlußprüfung statt, über deren Ergebnis ein Zeugnis ausgestellt wird. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Für die Teilnehmerinnen an den Kursen stehen ans dem Julius Bleichröders ch e n Legat einige Stipendien zur Verfügung. Das Sommersemester beginnt am Donnerstag, den 24. April d. I. Meldungen nimmt der Letter der Knrsö, Herr Rektor Dr. S p a n ier . in der Mädchenschule, Kaiserstraße 20/50, entgegen, der auch zu jeder weiteren Anskunst bereit ist. E. M. Berlin, 25. Februar. Mit dem kürzlich verstorbenen Herrn I s m a r H a m b u r g e r ist eine bekannte Persönlichkeit des jüdischen Lebens der Reichshanptstadt dahiugegnngen, die in allen gemeinnützigen Bestrebungen tatkräftig mitarbeitete. Als Vorsteher der Synagoge Levetzowstraße, des Hospitals und der Shnagogenbankommission hat Hamburger an der Gemeindeverlva-ltnng tätigen Anteil genommen: besondere Verdienste erwarb er sich um die Friedhofsverwaltnng, und hier besonders bei der Erwerbung des neuen Gemeindefriedhofs. Der Verein „Freunde der Taubstummen", „Jedide Jlmim", die Wohltätigkeitegesellschaft „Magine Reim", das Komitee für jüdische Volksküchen in Palästina, das jüdische Knrhospital in Bad Salzbrunn und zahlreiche andere jüdische Vereine haben in Hamburger einen fleißigen Mitarbeiter verloren. Die große Beliebtheit, deren sich der Verstorbene erfreute, kam in der zahlreichen Beteiligung an der Tranerseier ans