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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-28 · Heft 9 (28.2.1919) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 96 (sequence 12)
Language
German
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in eines ganzen Vermögens beraubst! Oder ist es etwa iricht deine Schuld, daß ich jetzt bare und blanke zweihundert Mark aus der Tasche verliere? Schwöre mir bei der Seele deines verstorbenen Vaters, du ungeratener Sohn, daß es nicht deine Schuld ist, da du doch nur ein einziges Wörtchen zu sprechen brauchst! Lohnst du mir so die schlaflosen Nächte, die ich verbracht, weil ich darüber nachgedacht, wie ich dir zu deinem Glücke verhelfen soll? Kein Wunder, daß du dabei -noch essen kannst und fett wirst! Es ist ja der Schweiß meiner Arbeit, der dich mästet, es sind meine zweihundert Mark, die du verschluckst! Aber damit du mein gutes Gemüt kcnnenlerneu sollst, will ich dir noch einmal Gelegenheit geben, alles wieder gritznmachen. Sieh dir bloß das Mädchen an, und wenn du .. „Sie haben bereits meine Antwort gehört," unterbrach ihn Klaßner, der auch bei diesem dramatischen Ausbruch ganz ungerührt blieb. „Tn lohnst also ganz und gar ab, du willst nicht?" Tas Barsche in seinen Zügen hatte sich schnell verflüchtigt, um einem lächelnden Wohlwollen Platz zu machen. „Gut. Aergerc dich nicht, Awrome'le, ich vevgbbe dir von ganzem Herzen. Schließlich bist du doch schlinrmer daran als ich, ich verliere wenigstens dabei nur zweihundert Mark, du aber bare fünftausend. Setz dich nnr ruhig, iß, trink, sei fröhlich, aber wisse, solange der rote Salvmvn lebt, wird es den Witwen und Waisen nicht schlecht ergehen und es wird ihnen an einem Beschützer nicht fehlen, und — und — guten Abend!" Mit majestätischen Schritten verließ er das Zimmer. Ehaje Rachel stand Ebenfalls auf, um sich nach der Küche zu begeben und endlich das Abendbrot zu holen. „Er hat auch au die hundert Mark vergessen, die du ihm doch borgen ivolltest," flüsterte sie. „Tie zweihundert Mark, die du mir borgen willst, habe ich nicht vergessen," ertönte es im nächsten Augenblick von Salowons Lippen, dessen Kopf m> der Tür erschien. „Sehr wohl, Salomon. Wir sprechen noch darüber," lächelte Klaßner, der absichtlich von der Höhe der Summe nicht sprach, um ihn nicht zu einem weiteren Geschwätz zu veranlassen. Klaßner setzte sich nun gemächlich hin, doch das Essen wollte ihm nicht schmecken. Er ivußte nicht, was so plötzlich, über ihn gekommen war. Die frohe Stimmung, die ihn vorher beseelt, schien sich mit Salvmvns Fortgehen verflüchtigt zu haben. Er fühlte sich abgespannt und bedrückt. Es war inzwischen sehr spät gowovden, und er hatte einen, sehr schweren Arbeitstag hinter sich. Auch in der vorigen Nacht hatte er wenig geschlafen; es war bereits zwei Uhr gewesen, als er sich zur Ruhe begeben hatte. Aber, obwohl er wußte, daß der Schlaf sich seiner bald bemächtigen werde, sobald er sich diesem hingab, blieb er doch noch sitzen und tat so, als ob er noch lesen wollte. Irgendeine beunruhigende Erwartung hielt ihm wach, der Vorgeschmack irgendeines seltsamen Ereignisses, über das er sich keine Rechenschaft geben konnte. Er dachte über diese fremdartige Empfindung 'nach, und er fuhr erschreckt zusammen, als er ein leises Pochen an der Haustür vernahm. Chase Rachel, die noch in der Küche beschäftigt war, eilte schnell herbei. „Geh in dein Zimmer," flüsterte sie. „Salomon ist wieder da, und er wivd dich noch mehr aufregen. Ich sage ihm, daß du schon schläfst." Klaßner schüttelte abwehrend den Kopf. „Es ist nicht Salomon. So bescheiden klopft er nicht. Geh nur, Mutter. Ich werde selbst öffnen." Er ging zur Tür, löste die Sicherheitskette, die die vorsichtige Alte schon vorgelegt hatte, während sein Herz gewaltig hämmerte. Er wußte aber nicht warum. „Guten Abend, Herr Klaßner." Litersrilchr Mitteilungen. - D i e G o l e m f a g e und die Sage von der lebenden Statue. Von Liz. Konrad Müller in Breslau. Sonderabdruck aus den „Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde", 20. Band. 40 S. Breslau. Eine sehr interessante und austchkuß reiche Abhandlung' über Entstehnng und allmähliche Entwicklung der Legende vom Golem, die dem Verfasser als eine der mannigfachen Formen der allgemein verbreiteten Vorstellung von lebenden Statuen und künstlichen Menschen erscheint. Ter Name des Golem ist offenbar dem Psalm 139,16 entlehnt; seine Gestalt knüpft an verschiedene talmudische Schöpsnngssngen und andere Neberlieserungen der Rabbinen an. Das Allstreten der Golemsage folgt aus die Zeit des Paracelsus und der Natnrmagie, der Heiligenlegenden und der Spllkgeschichten, der Hcrellversvlgungen und der Kabbala und ist von dieser mindestens veoingt. (S. 40.) Dem Verfasser ist der Nachweis gelungen, daß sich die Legende vom Golem ursprünglich an die Gestalt des Rabbi Elia von Eholm anlehnte, allmählich aber auf die h-erv0irragien.de lnld geheimnisvolle Gestalt des hohen Rabbi Löw zu Prag übertragen wurde. In die schöne Literatur fand sie Eingang durch Jakob Grimm in einer Zeit, die der Romantik geneigt war und sich gern automatischen Spielereien und ähnlichen Dingen hingab. In ihren Darstellungen folgte sie zunächst der Volkspoesie, dann wurde sie das Gesäß für allerlei Probleme der Liebe, des Uebermenschen, der Weltanschauung; endlich bemächtigte sich allch die neue Mystik der Gegenwart der Golemlegende, die in dem Werk des modernen Prager Schriftstellers Meyrink ihren Spuk treibt. Die Lektüre dieser Abhandlung sei insbesondere wegen ihrer ansprechenden lnld erschöpfenden Darstellung wärmstens empfohleli. Aussig a. E. Prof. Tr. A r t h u r R osenzwei g. * — Dr. F. N e u m a n n , Welchen Standpunkt soll der Jude rm Interesse des Gesamt) nden tu m s einnehmen? Herausgegeben vom Komitee für Aufrechterhaltnng jüdischer Neutralität. Nr. 3. 1918. Die aufgeworfene Frage beantwortet der Verfasser mit den Worten: Ten neutralen. Durch diese Antwort stimmt er mit den Grundsätzen überein, die in dieser Zeitschrift häufig, z. Bin dem Leitartikel von Nr. 46 des vorigen Jahrgangs, eingenommen worden sind, d. h. er warnt vor Ueberschätzung der Neigung, die in den sogenannten Ententetündern für die Juden herrscht. Was speziell Palästina betrifft, so macht er auf die Gefahren aufmerksam, welche den Juden in der Türkei drohen, wenn inan die Palästina-Versprechungen Englands ernst nehmen wollte. Wir könnten uns mit diesem Bescheide zufrieden geben, wenn nur nicht nach den neuesten Ereignissen die Tage der Türkei als einer bestimmenden, für die Juden nützlichen oder gefährlichen Macht als gezählt annehmeu müssen. Aber auch mir nehmen den Standpunkt des Verfassers ein, daß die Inden eines jeden Landes zunächst für ihre eigenen Interessen zu sorgen verpflichtet sind. L. G. Sprrchlaai. An die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Die Notiz in Nr. 6 der „Allg. Ztg. des Judentums", betr. jüdische Negierungsrüte, ist nicht ganz richtig. Bereits vor 30 Jahren sind in P r c u sze n zu Regierungsräten in der S t a a t s eisenbahnverwaltung ernannt worden nach dem Datum des Patents: 1. ich, 2. Pieck, 3. Eger. In der innere n Verwaltung ist seit 2lA Monaten Pani Hirsch p r eu ßi scher Mi niste r. Hochachtungsvoll Sber-Regiernngsrat a. D. Dr. P. M ehe r. B e r t i n , im Februar 1919. Quittung. Für die galizischen Flüchtlinge sind von Frau Bloch in Tirschenreuth 20 Mark eingegangen, die Frau Geheimrnt Geiger der Israelitischen Allianz in Wien überwiesen hat. Die Red a k t i o n. (Fortsetzung folgt.)

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