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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-28 · Heft 9 (28.2.1919) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
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Aä Leben wieder auferstehen, mit Ausnahme der Geizhälse und Wucherer. Nun paßt auf. Wenn der Messias kommt, wird Euer Vater den ganzen Friedlhof für sich allein behalten, der der heiligen Brüderschaft sünfzigtansend Rubel gekostet, so daß Euer Vater dabei noch dreißigtausend Rubel verdient. Wirklich ein schönes Stück Geld, und ohne Mühe und ganz leicht verdient." Klaßner lachte herzlich über den guten Witz, doch Salomon behielt seinen Ernst bei. Er rückte seinen Stuhl noch etwas näher an Klaßner heran und fuhr dann weiter fort: „Warte, Awromele, ich werde dir noch eine Geschichte erzählen-. Als Adam, der erste Mensch, geschaffen wurde, war es bestimmt, daß er einen ganzen vollen Gottestag, das sind tausend Jahre, leben sollte. Als er noch allein im Paradiese war und große Langeweile hatte, schenkte ihm Gott einen Spiegel, in welchem er alle späteren Nachkommen und Geschlechter sehen konnte. Plötzlich sah er, daß der König David nur eine einzige Minute nach seiner Geburt leben sollte. Das tat Adam sehr leid und er weinte bitterlich. Und als Gott die Ursache seines Kummers erfahren, sprach er zu ihm: „Es ist nun einmal so bestimmt und läßt sich nicht mehr ändern. Nur einen Ausweg gibt es noch: Schenke du ihm einen Teil deines eigenen Lebens. So viele Jahre du ihm gibst, so viele Jahre wird er leben." „Gut, einverstanden," rief Adam und schenkte dem König David siebzig Jahre. So kam es, daß Adam nur neunhundertunddreißig Jahre lebte, dafür aber wurde König David nach seiner Geburt ein strammer Bub' und lebte volle siebzig Jahre." „Ich erinnere mich, diese Legende im Talmud gelesen zu haben," sprach Klaßner nachdenkend. „Jetzt aber, lieber Salomon, sagen Sie mir, was diese beiden Geschichten mit unserem Geschäfte zu tun haben." Salomon schob jetzt seinen Stuhl so dicht an Klaßner heran, daß sich beider Knie und Köpfe fast berührten. Salomons Gesicht nahm dabei einen schlauen, zugleich aber einen einschmeichelnden Ausdruck an. „Awromele, du bist doch sonst ein ganz kluger Mensch, sonst hätten wir dich doch nicht zum Schreiber unseres Verems gemacht, fällt dir noch immer nichts ein? Ich habe dir zwei Geschichten erzählt, eine vom Sterben und eine vom Geborenwerden, welches wichtige Ereignis aber liegt für den Menschen zwischen Wiege und Grab?" Klaßner wußte natürlich sofort, wo hinaus Salomon wellte, aber er verhielt sich schweigend, ob auch die ganze Sache ihm sehr peinlich war, da sie gar traurige Erinnerungen in ihm wachrief. Aber wie konnte er einem solchen Flattergeist, der sich in alles hineinmengte, böse sein? Wie auch wäre es möglich, einem solchen zerfahrenen Menschen die Taktlosigkeit, ja die Herzlosigkeit seines Vorhabens begreiflich zu machen? Er hätte eigentlich darauf vorbereiter sein müssen; ja, er wunderte sich, daß man ihm nicht schon viel früher damit gekommen war, seitdem die Bekannten und die Landsleute von seiner Scheidung erfahren. Wortlos und voller Wehmut sah er seine Mutter an, die diesen Blick als Aufforderung aufsaßte, auch ihre Meinung darüber, zu äußern. „Ich habe ihn doch gewarnt und gebeten, daß er es dir nicht sagen soll," rief sie erregt. „Aber er wollte doch rächt hören und hat es dir doch gesagt und hat dich ganz böse gemacht." „Wie — wo — wer — was heißt böse?" fiel ihr der Schwätzer ins Wort, ohne Anzeichen von Befangenheit. „Er soll böse darüber sein? Ehaje Rachel, wo hast du deiüe Augen? Sich doch nur, wie er lacht, wie fein ganzes Gesicht erstrahlt! Warum sollte er denn nicht lachen? Habe ich ihm vielleicht eine schlechte Nachricht gebracht? Bin ich nicht gekommen, ihm das größte Glück zu verkünden? Stimmt es, oder stimmt es nicht? Er böse sein? So ein Einfall! Weißt du was, Ehaje Rachel? Gehe du lieber in deine Küche, um Strümpfe zu stopfen, das heißt, wenn du noch so viel Verstand hast, zwischen dem Strumpf und dem Loch zu unterscheiden, und menge dich nicht wieder ungefragt in unsere Geschäfte. Was sagst du, Awromele?" „Ich bin nicht böse," sprach Klaßner; „aber es hat gar keinen Zweck, diese Sache weiter zu erörtern." „Sei still und rede keinen Unsinn!" rief der Heiratsvermittler. „Ich kenne deine Gedanken besser als du selbst. Ich will dir nur drei Worte - nur drei Worte -- sagen, und paß auf, du fällst mir um den Hals und nennst mich beuten besten Freund. Stimmt es, oder stimmt es nicht? Ich will es dir jetzt verraten: es ist ein Mädchen - na, was soll ich dir noch mehr sagen — ein Mädchen, wenn du es nur siehst, heiratest btt es von: Flecke weg! Dazu noch eine sehr anständige Familie, und, Awromele, denk dir nur! Fünftausend Mark bares Geld! He, was sagst du jetzt?" Klaßner stand auf und lächelte. Tie erste Erschütterttng toar vorüber, darum wollte er die Sache jetzt von der humoristischen Seite behandeln. „Lieber Salomon, in Erinnerttng unserer alten Freundschaft bitte ich Sie, mich mit der Sache nicht weiter 31t behelligen." „Das nennt er Freundschaft! Wenn das deine Freundschaft ist, dann soll mich Gott vor deiner Feindschaft belvahren!" rief Salomon, wobei er sich wieder dichter an Klaßner herandrängte. „Höre mich an, Awromele. Was gewesen ist gewesen. Die Sache ist erledigt. Du weißt schon, was ich meine. Von jener. Aber gerade weil es damals nicht so geklappt hat, ist doch anzunehmen, daß es jetzt besser klappen wird. Stimmt es, oder stimmt es nicht? Natürlich werde ich mich darüber sehr freuen, weil ich doch dabei etwas verdiene. Komm, Awromele, sei nicht eigensinnig und laß mich armen Menschen mit sechs unversorgten 'Kindern etwas verdienen. Die ganze Sache kann in drei Wochen erledigt sein: Du brauchst nur ja zu sagen, ich wünsche dir .Masel tow!' und deine Mutter kann einen guten Schnaps holen." Halb ärgerlich, halb belustigt biß sich Klaßner auf die Lippen. Nach einer Weile sprach er: „Salomon, sagen Sie mir aufrichtig, was könnten Sie dabei verdienen?" „Nun, ich denke doch zweihundert Mark." „Gilt, wenn Sie sich gerade in einer Geldklemme befinden, will ich Ihnen hundert Mark leihen. Damit aber muß die Sache abgetan sein." Salomon trat einen Schritt zttrück, als wäre ihm der Schreck über diese beleidigende Zumtttung in die Glieder gefahren. Dann brach er wieder los: „Awromele, bist du wahnsinnig, oder ich? Du willst mich wohl zum Gespött der ganzen Welt machen, daß ich hundert Mark als Darlehen nehmen soll, anstatt zweihundert ehrlich zu verdienen! Wehe, weihe, armer Salomon, was ist aus dir geworden und wie tief mußt «dir gefunken sein, daß man es wagt, dir so etwas anzubieten! Und die Erde tut sich nicht aus, um diesen Menschen wie die Rotte Korah bei lebendigem Leibe zu verschlingen! Geh, Awromele, ich bitte dich . . ." „Weil Sie gerade vom Verschlingen sprechen," unterbrach ihn Klaßner, „da fällt mir ein, daß ich noch keilt Abendbrot gegessen ..." „Es ist atlch schon bald verdorrt und vertrocknet," jammerte die Akte. Salomon ließ seinen Blick verächtlich im Zimmer herumschweifen, bis dieser wieder auf Klaßner hasten blieb. „Und du hast noch das Herz, -bei einer solchen Sache essen 31t wollen, während du doch in demselben Augenblick mich

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