Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-28 · Heft 9 (28.2.1919) · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229400--74708-3287173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Froh klapperst du mit deiner Münze, Dich reizt das Brüssler Spitzenband, Der Ring, -das Bild, der alte Degen, Die Pendeluhr, das Pelzgewand. Du greifst in Bangen und Verlangen Nach jenem blanken Kruzifix, Verbirgst es vor den frommen Brüdern Und siehst es an verstohlnen Blicks. Die Straßen aus, die Straßen nieder! Die Knochen matt, die Stirne heiß! Die Woche flieht, die Woche bietet Vaix fünf der Tage deinem Fleiß. O spute dich, du Atemloser, Wirb, wirb um deinen Tagelohn. Am Samstag will es nicht der Barer, Am Sonntag will es nicht der Sohn. Des Abends kehrst du still nach Hanse, Es sieht dein Weib dich fragend an. Du schweigst, sie geht hinaus und reeinet Und liebt dich um so warmer dann. Sie reicht dir lächelnd Salz und Brote, Sie bringt ihr schönstes Kind herein. Es fällt dich an mit hundert Küssen Und forscht in allen Taschen dein. Dir suchst den weichsten Pfühl dem Knaben, Ein kurz Gebet, da schläft er schon. Du aber sprichst: „Ich will dich wahren, So lang ich bin, geliebter Sohn. Doch, wenn ich ging zu meinen Vätern, Wenn du verarmt und schwer gebeugt. Ach, wirst du nicht den Eltern fluchen. Die dich geboren und gebeugt? Ein jüdisch Kind — auf deutscher Erde - Ich trug es kaum, bu trägst es nie, Du willst des Christen Herz gewinnen Und sinnst und strebst und weißt nicht wie. Er grollet, nicht um Jesu willen, Er grollet, bis dein Atem stirbt — Weil deine Hand um Gold und Güter Geschwinder ltub beglückter wirbt. Du mußt ja schaffen, mußt erraffen. In steter Gier nach Gut und Geld; Sie gönnen dir kein Handgewerke, Sie gönnen dir kein Ackerfeld. Du darfst ja nicht zur Jugend sprechen Bon eines Lehrers hohem Pfühl. Kein Sternchen scheint dem wackern Busen, Der sich bewährt im Kampsgewühl. Dil bist kein Mann in Amt und Würden, Dein Eid ist matt, dein Herz ist lau; Doch Gold, o Kind, das darfst du geben Für einen frommen Kirchenbau. Du darfst im Land die Kranken heilen, Den Bettlern reichen Brot und Wein Und darfst wie ich und deine Brüder Ein schlechter Trödeljude sein. Du bist zu schwach, um Holz zu spalten, Doch ehrlich bleibst du fort und fort; Ach, willst du nach der Ferne schweifen? Ein Laut verrät dich hier und dort. Wirst du die Heimat lassen können? Dein hochbetagtes Mütterlein? Wer wird nach Jahren einst begraben Zu mir ihr heiliges Gebein?" Er sucht erschöpft das traute Lager, Ein kurz Gebet, da schläft er schon. Er spricht im Traum: „Ich will dich währen. So lang ich bin, geliebter Sohn. Doch, wenn ich ging zu meinen Vätern, Wenn du verarmt und schwer gebeugt, Ach, wirst du nicht den Eltern fluchen, Die dich geboren und gezeugt?" Der Tag beginnt! Den alten Kummer Entbietet ihm das junge Licht. Inbrünstig dreht er gegen Morgen Sein abgewelktes Angesicht? Er schlichtet kaum die krausen Locken, Er gönnt sich kaum den kargen Schmaus. Jedem das Lrimgr. - *~~**z*&**e-**»3zss^41 E. <vovt|.) Roman von M. P n l v e r in a n n. ^. " ' " Balomon lehnte sich behaglich zurück, während sich seine breite Brust durch ein tiefes Atmen gewaltig weitete, um sich aber bald wieder so weit vorzubeugen, daß er fast Klaßners Kopf berührte. Es war dieses seine übliche Be- , wegnng, wenn er eindrucksvoll sein wollte. „Amromele, kennst du die Geschichte von den: Geizhals mit dem Friedhof?" ließ er.sich vernehmen. Klaßner verneinte. „Ein großer Wucherer und Geizhals war gestorben. Gestorben? Jawohl gestorben, wie alle Menschen sterben, und damit war er fertig. Was aber macht man mit einem toten Menschen? Er wird begraben. Stimmt es, oder stimmt es nicht? Seine Söhne gingen daher 31t der „Chewra-Kadischa", zu der heiligen Brüderschaft, um dieser die Beerdigung ihres verstorbenen Vaters zu übertragen, und fragten, was sie für die Grabstätte bezahlen müßten. „Die Grabstätte auf unserem Friedhofe", erwiderte der Vorsteher, „kostet ziwanzigtansend Rubel." Als die Söhne dieses hörten, wären sie beinah in Ohnmacht gefallen. Sie schrien und lamentierten und riefen: „Vorige Wvche ist der reiche Kornhändler Reb Aron gestorben, und die Söhne haben nur hundert Rubel bezahlt?" Antwortete ihnen der Vorsteher: „Reb Aron war ein frommer, gottesfirrchtiger Mann, der den Armen viel Gutes getan und für wohltätige Zwecke viel gespendet, darum wird er wohl nur eine Nacht in der Grabstätte verbringen, um bald in den lichtigen Himmel zu kommen; da sind hundert Rubel für ein Nachtlogis übrig genug. Dafür könnte er ja in dem feinsten Hotel schlafen. Euer Vater aber war ein Geizhals, hart wie ein Kieselstein, er hat nie einem armen Menschen etwas Gutes angetan, darum wird er niemals in den Himmel kommen, sondern ewig in der Grube bleiben; da ist der angegebene Preis nicht zu hoch." Den Söhnen wollte dies aber nicht einlenchten und sie liefen zum Rabbiner. Dieser war ein sehr kluger Mann, der auch einen guten Witz machen konnte. Als die Söhne ihm ihr Leid geklagt, dachte er eine Weile nach und sprach dann: „Zwanzigtaufend Rubel ist freilich viel, aber wenn Ihr klug seid, dann greift Ihr schnell zu, weil Ihr dabei noch ein glänzendes Geschäft macht. Hört zu. In unseren heiligen Schriften steht es, daß, wenn einst der Messias kommt, werden alle Toten ihre Gräber verlassen und zu einem neuen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.