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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-28 · Heft 9 (28.2.1919) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 93 (sequence 9)
Language
German
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Wdilche Smkrr und Dichter. Bon Ludwig Geiger?) 10. K a r l I s i d o r B e cf. arl Beck, wie sich der Schriftsteller auf seinen Büchern nannte, war als Jude geboren am 1. Mai 1817 (freilich trat er 1843 zur evangelisch-reformierton Kirche über) und ist am 9. April 1879 gestorben. Er war zu seiner Zeit, besonders im fünften Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts ein außerordentlich bekannter, ja berühmter Dichter. Man kann nicht sagen, daß er eine wahrhaft glänzende und bleibende Erscheinung gewesen ist, aber er hat, angefangen mit seinem schwungvollen Gelegenheitsgedicht „Die Eisenbahn", viele Momente gehabt, in denen er Ohr und Gemüt der deutschen Nationen gewann; die „Gepanzerten Lieder", besonders einige ungarische Klänge, haben ihm einen freilich nicht lange dauernden Ruhm geschaffen. Da er den größeren Teil seines Lebens fern von unseren Reihen verbrachte, so soll nicht ausführlich auf ihn 'eingegangen werden. Dem Zwecke dieses Blattes entsprechend, sei nur daran erinnert, daß er als Jude 1841 ein Drama „König Saul" schrieb. Sodann mögen aus seiner bekanntesten und charakteristischsten Sammlung, den „Liedern vom armen Mann", der einzigen seiner Poetischen Zusammenstellungen, die mehrere Auflagen erlebte, einige Proben mitgeteilt werden, die gerade diejenige Seite seines Wesens beleuchten, die uns an dieser Stelle ausschließlich interessiert. Eröffnet wird diese Sammlung mit einem großen Zyklus, der damals bedeutendes Aufsehen machte: „An das Haus Rothschild", eine lange Reihe großenteils satirischer Lieder. Darin kornmt folgende Strophe vor (Karl Beck, „Gedichte", S. 21): O hättest du dein Volk bedacht, Allhier es wieder zu Ehren gebracht! O hättest du mit goldener Lippe Den zinsenberechnenden Bruder gelehrt, Wie man fürs Wohl der Welt entbehrt Und nicht den hungrigen Säckel beschwert Für sich allein und seine Sippe! Die eigene Schuld und der Väter Vermächtnis: Die Eigenliebe, die List und den Wucher — Du streichest sie aus in seinem Gedächtnis, Wärst du Erlöser und nicht Versucher! Doch machtest du gern dich selber ergötzen Vor goldenen Kälbern und silbernen Klötzen! Wie singt es, wie klingt es jubeltönig. Es tanzen die Knechte mit ihrem König! Sodann sei auf die Abteilung derselben Sammlung: „Neue Götter und alte Leiden" hingewiesen, einer Sammlung von sechzehn stark individuell gefärbten Gedichten, in denen als zweites, ohne besondere Ueberschrift, die, soweit mir bekannt, einzige poetische Behandlung, gewiß nicht gerade Verherrlichung, einer deutschen Rabbinevversammlung — es ist die zweite, die 1845 in Frankfurt a. M. stattfand — sich findet. Die*hr gewidmeten Verse lauten wie folgt (Karl Beck, „Lieder vom armen Mann", Leipzig 1846, Abteilung „Neue Götter und alte Leiden", Nr. 2): Es kehren in Schwärmen ein In Frankfurt, am gelben Alain, Anbärtige und bärtige Rabbineu Mit hochgelahrten Mienen. Seht, das Gerüst ist aufgeschlagen; Kaum ist's mit Worten zu singen und sagen. Wie sich die Meister plagen. Sie weisen mit großen und kleinen Wesen ') Aus seinem Nachlaß. (Tie Redaktion.) Das altersgraue Judentum; Ihr heiser erschriener Ruhm Ist wörtlich in den Blättern zu lesen. Zwar bleibt es nach wie vor beim alten, Doch sagt sich jeder zufrieden und leise: Ich habe die herrlichste Rede gehalten. Des Abends ist Nathan der Weise! Auch in der schon erwähnten Sammlung „Gepanzerte Lieder" hat Beck eine ganze Anzahl biblische und jüdische Dichtungen vereinigt. Jene sind betitelt: Neue Bidet, Schöpfung. Ham, Turm zu Babel, Dornbusch, Du sollst nicht töten, Simson, David und Goliath; zu diesen gehören: Das junge Palästina (5 Gedichte), ferner ein sehr charakteristisches: Auf . Börnes Tod. Die sogenannten biblischen Gedichte sind freilich zum Teil so unbiblisch wie möglich; so bezieht sich das Gedicht, das die Ueberschrift „Ham" trägt, durchaus auf die Deutschen und sagt ihnen sehr wenig Schmeichelhaftes, und der „Dornbusch" ist gleichfalls ein rein politisches Gedicht, das des Dichters Erfahrungen, Hoffnungen und Befürchtungen zum Ausdruck bringt. Der Liederzyklus „Das junge Palästina" ist eine Reihe von Gedichten, die Börne in den Mund gelegt werden. Eines dieser Gedichte spricht kräftige Vorwürfe gegen Juden und Judentum aus, z. B. der, daß sie nur nach Geld trachten. In einem anderen findet sich eine merkwürdige Verklärung von Palästina und Jerusalem zugleich mit der Klage, daß die Juden nichts davon wissen wollten, weil sie beständig mit dem Handel beschäftigt seien. Das große Gedicht aus Börne, eines der nicht eben zahlreichen, die auf den Tod dieses kühnen Schriftstellers angestimmt wurden, ist poetisch ergreifend. Es beklagt seinen gezwungenen Fortgang aus Deutschland, rühmt ihn als Verkünder der Freiheit und schließt mit den Versen: Nur mit dem Schicksal mocht' er rechten, Daß es den Donner ihm versagt, Die große Fehde auszufechten, Bis einst der Freiheit Sonne tagt. Endlich sei sein ausführliches Gedicht „Ter Trödeljude" mitgeteilt. Die Verse darin sind, wie in sehr vielen Gedichten Becks, nicht gut, die Reime gesucht, die Sprache keineswegs einwandfrei, aber die Stimmung ist ausgezeichnet, und rch müßte mich sehr irren, wenn in diesem Gedicht nicht die volle Sympathie des Dichters für den armen, in sein Schicksal ergebenen, mit seiner Familie innigst verbundenen Juden zuin , lebendigsten Ausdruck käme. Ich zweifle nicht, daß Beck diese ■ Verse als Jude geschrieben hat, und ich bin überzeugt, daß i der Abdruck dieser ausführlichen Schilderung vielen, nreiner \ Leser Freude bereiten wird. Das Geidicht (Karl Beck,! „Gedichte", S. 53 ff.) lautet: Oer Trödeljude, Rasch aus dem Bau! Den alten Kummer! Entbietet dir das junge Licht,! Inbrünstig drehst du gegen Morgen Dein abgewelktes Angesicht. Kaum gönnst du dir des Brotes Rinde Und schlichtest kaum dein kraus Gelock; Dann greifst du nach dem bunten Trödel, Es bringt dein Weib dir Hut und Stock. Es feilscht dein Freund an dieser Türe, Du wandelst in das nächste Haus, Blickst schlau hinauf nach allen Fenstern, Verächtlich sieht die Magd hinaus. Die Treppen auf, die Treppen nieder, Der Köter bellt auf Schritt und Tritt; Roh lacht das Volk. Du stehst und lächelst, O Mann, vielleicht noch selber mit!

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