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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-28 · Heft 9 (28.2.1919) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 92 (sequence 8)
Language
German
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92 — Während der neun in Posen verbrachten Jahre entwickelte Perles auch eine reiche wissenschaftliche Tätigkeit. 1863 erschien seine Schrift „R. Salomo Ben Abraham Ben Adereth". Er behandelte darin nicht nur das Leben und die Schriften des 1310 verstorbenen großen spanischen Talmud isten, sondern schilderte zugleich auch die geistigen Bewegungen innerhalb des Judentums in dem auf Btaimunis Tod folgenden Jahrhundert. Seine 1865 erschienene „Geschichte der Juden in Posen" stellt einen wertvollen selbständigen Beitrag zur Geschichte der Juden in Polen dar und ist als einzige von seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wenigstens teilweise, auch für gebildete Laien verständlich. Seine sonstigen Arbeiten sind meistens auch schon durch ihren Gegenstand nur wissenschaftlich geschulten Lesern zugänglich, so daß sein Name außerhalb der Fachkreise viel weniger bekannt wurde als der manches weit unbedeutenderen jüdischen Gelehrten. Seit 1866 begann er sich einem Gebiet zuzuwenden, aus dem er unbestrittener Meister war, der Erforschung des Wortschatzes und speziell der fremden Sprachen entlehnten Bestandteile des Sprachguts der rabbinischen Literatur. Er war dazu besonders befähigt durch die Verbindung der nur selten vereinten Kenntnisse des Syrischen, Persischen und Spätgriechischen mit der strengen philologischen Methode, in der Jakob Bernays sein Meister gewesen war. In einer großen Anzahl von Arbeiten, die von 1866—1893 größtenteils in der Monatsschrift erschienen und von denen hier nur die „Etymologischen Studien" (1870) genannt seien, hat er nicht nur eine Fülle von glücklichen lexikalischen Identifikationen niedergelegt, sondern sich zugleich auch um die Textkritik des talmudischen und nridraschischen Schrifttums verdient gemacht und daneben auch wertvolle Beiträge zur Sagenforschung und Altertumsurkunde geliefert. Ein Rezensent') wünscht den Ehynro logischen Studien „glückliche Reste auf ihrer Wanderung durch die Jahrhunderte". Dieser Wunsch wird in Erfüllung gehen. Denn wenn auch eine Anzahl der dort vorgetragenen Worterklärungen durch die seitherigen Fortschritte der Forschung überholt ist, ist ein großer Teil seiner Resultate allgemein anerkannt und hat Aufnahme in die Wörterbücher von L e v y , K o h u t und Für st gesunden. Manche von ihnen sind freilich auch unter fremdem Namen verbreitet worden. So bringt Fleischer in seinen Bemerkungen zu Levys Neuhebräischem Wörterbuch nicht weniger als 19 Erklärungen (größtenteils aus dem Persischen), die sich schon vorher bei Perles finden'). Das soll keinen Vorwurf für Fleischer bedeuten, der als Gelehrter und als Mensch über jeden Verdacht erhaben ist, sondern erklärt sich aus der bedauerlichen Zerstückelung der betreffenden Arbeiten in der Monatsschrift, die ihre Benutzung wesentlich erschivert. Auf der anderen Seite sind manche seiner Bemerkungen, die zuerst unbeachtet blieben, durch spätere handschriftliche Funde bestätigt worden. So hat das von Bacher entdeckte Hebräisch-persische Wörterbuch aus dem Jahre 1339 die Richtigkeit von zwei besonders scharfsinnigen Worterklärungen bzw. Textänderungen bezeugt, die selbst einem so gründlichen Forscher wie Bacher entgangen waren"). Bon seinen Arbeiten zur Sagenkunde beanspruchen allgemeines Interesse auch in kulturgeschichtlicher Beziehung die 1873 erschienenen „Rabbinischen Agadas in Tausend und eine Nacht". 1871 folgte Perles einer Berufung als Rabbiner an die Israelitische Kultnsgemeinde M ü n ch e n , wo er bis zu seinem st F. Leb recht, „Zeitschr. f. hebr. Bibl." XI (1871). 102. r>) Bgl. „Revue des Etudes juives" XXXVI, 308. “) Vgl. „Cr. Sit. Zeit." 1900, 4Ui, Sinnt. 1 (p^pilS1 ) und 418 (zu jB'Um »VH). Tode verblieb. Wiederum seien hier einige Stellen aus zwei Briefen Frankels wiedergegeben, in denen er seiner Freude über die Berufung Ausdruck gibt. „Ihr Erscheinen (in München) allein wird, wie ich hoffe, genügen, um den wahren Rabbiner zu zeigen . . ." „Ich habe für meine Freude keinen Ausdruck und danke dem Höchsten, D'Tcbfi Tapnft ’JD’TC? ft YD mT nrr d ottd'1 on’sn bz ick Welche Wünsche ich für Sie hege, bedarf nicht des Ausdrucks. Ihre Wahl ist eine folgen- und segensreiche: Sie sind der Vertreter des wahren Judentums und werden es zu Geltung bringen in ihrem neuen Wirkungskreise. Ich rufe Ihnen bl'p D’ÖW np~C zu und freue mich, daß das, was ich ftx? Y'ILft “JDK^ in meinen Briefen vorausgefagt, so trefflich in Erfüllung geht, -pp y^bx, ft VT WZ Y fin* ro-Q nnpl ddp fta 2 ‘rn ntrrn Ihr Ihnen mit Liebe ergebener Frankel." (Schlug folgt.) Lebknsmittelwuchrr. Von Nathan Cohn (Charlottenburg), eichen hohen sittlichen Standpunkt unsere Weisen einnahmen, wissen wir alle aus dem überlieferten Schrifttum, und wir können und müssen stolz daraus fein. Jedes ihrer Worte ist eine scharfe und blanke Waffe gegen die verleumderischen Anschuldigungen des Antisemitismus, und jeder Glaubensgenosse sollte es sich zur heiligsten Pflicht machen, sich im Gebrauch dieser Waffe zu üben, um sie bei jedem Angriff auch gebrauchen zu können. Nicht aber nur die Sittenreinheit unserer Altvorderen ist. zu preisen, sondern auch ihr klarer Blick, mit dem sie die Laster der Menschheit erkannten und sie — die Weisen — veranlaßte, mit scharfen nie mißzuverstehenden Worten gegen diese Laster zu Felde zu ziehen, um die Menschen zu bessern. Sprüche 11,26 lesen wir: „Wer Getreide zurückhalt, den verwünscht das Volk — Segen aus das Haupt dessen, der Nahrung verkauft." Klingt dieser Satz nicht so, als ob er für die Jetztzeit und in der Gegenwart geschrieben worden wäre? Schwere Jahre liegen hinter uns, noch lange nicht ist die Not zu Ende. Nichts Schrecklicheres kann es geben, als die Sorge um die Ernährung. Eine Hauptschuld an dieser Not aber tragen die gewissenlosen Menschen, die den Wucher mit dem Brot, mit des Leibes Notdurft treiben, die gewissenlosen, gewinnsüchtigen Schleichhändler, für die die schwerste Strafen, mit denen sie belegt werden, viel zu milde sind. „Ein Wucherer ist nicht als Zeuge zuzulaffen", heißt es Sanhedrin 24b. Und welcher Wucherer ist schlimmer und gefährlicher als der Lebensmittelwucherer? Nur Ehrlose läßt man nicht zur Zeugenschast zu. Unsere Vorfahren, die Milde und Versöhnlichkeit allerorten predigten, wo es irgend möglich war, erklärten den Wucher mit Recht für infam, für ehrlos. — Möchten doch alle die Menschen — und ihre Zahl ist leider nicht klein —, die sich in der frivolsten und schamlosesten Weise, aus niedriger Habgier gegen obiges Sittengeseh versündigten und noch immer versündigen, der gerechten Strafe anheimsallen. Manche Not, manches Leid würde gelindert werden, wenn diese Wucherer Einkehr hielten in den schweren Sorgen der Tage, in denen wir leben. Wir brauchten dann wahrlich bei unseren Feinden nicht so zu bitten und zu betteln um Brot, das sich jeder redlich Denkende gern im Schweiße seines Angesichtes verdienen will. Mögen diejenigen, die es betrifft, sich danach richten, dann wäre vieles besser in der Zeit der drohenden Verelendung.

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