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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-28 · Heft 9 (28.2.1919) · p. Seite 91

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 91 (sequence 7)
Language
German
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ob i)ie Hoffnungen, die seine Lehrer und vor allem Frankel in ihn gesetzt hatten, berechtigt waren. Bezeichnend sind in dieser Beziehung zwei Briefe von Frankel, die er nach, seinem Amtsantritt an ihn richtete, und aus denen hier einige Stellen mitgeteilt seien: „Ich bin voll des Dankes gegen den Höchsten, der mich so Freudiges erleben und diesen Lohn meiner Arbeit erblicken ließ. In Ihnen und Ihren Kollegen lebe ich auf. *12733 2HnnK Schließen Sie daraus, mit welchen Gefühlen ich für Sie erfüllt bin, und welche Wünsche ich für Sie dem neuen Jahre übergebe, n'bw b rrm -plbttD «Sn Nicht wenig erregt es auch in mir ein freudiges Gefühl, daß ich mir sagen kann, in dem Wunsche für Sie liegt auch ein Wunsch des religiösen und geistigen Wohlergehens für eine große Gemeinde. Sie gehören nicht nur' sich, sondern vertreten schon eine Gesamtheit." „Sie haben mir mit Ihrem lieben Schreiben einen wahren E"1 mV bereitet. Sie kennen meine Gefühle und innige Teilnahme für Sie, aber auch mein lebhaftes Interesse an dem Allgemeinen des Judentums finbet durch Sie eine tiefe Befriedigung, und ich darf der freudigen Hoffnung fein, in Ihnen nnd durch Ihre Wirksamkeit fortzuleben. Sie finden, wie Sie mir schreiben, ein reiches und ergiebiges Feld, und Ihre Begeisterung für den Glauben und feine heiligen Interessen ist Bürge, daß Sie kräftig Hand anlegen und nusführen werden, nnia^ 8IN Dies ist mir nnbezweifelt, daß Sie die ungeteilte Liebe Ihrer Gemeinde und deren ganzes Viertrauen erwerben werden: Ich glaube, wer Sie und Ihren redlichen Willen näher kennt, muß sich Ihnen ganz ergeben." In Posen hatte Perles eine schwierige, aber auch besonders dankbare Aufgabe. Denn es gab wohl keine Grohgemeinde im damaligen Preußen, in der noch so viel jüdisches Leben und jüdisches Wissen anzutresfer: war, und anderseits war auch schon der größte Teil der Gemeinde, auch in ihren orthodoxen Vertretern, von deutscher Bildung erfüllt. Der Boden war also dort besonders aufnahmefähig für die Saat Frankelscher Gedanken, d. h. für die Durchdringung des alten Judentums mit dem Geiste der Forschung und den dadurch bewirkten zwar bedächtigen, aber dafür desto sichereren Fortschritt. Die Brüdergemeinde bildete damals noch eine verhältnismäßig kleine Gruppe innerhalb der Gesamtgemeinde, hatte aber dadurch Bedeutung, daß sie schon seit 1848 fortschrittlich gesinnte und akademisch gebildete Prediger besaß, während der an der Spitze der Hauptgemeinde stehende Rabbiner > nrp 2 M. Löwenstamm zwar durch seine menschlichen Eigenschaften verehrungswürdig war, aber nur talmudische Bildung , hatte. Da verstand es Perles, durch seine tiefe jüdische Gelehr- I samkeit ebenso wie durch seine Gesinnung und Lebensführung das Vertrauen des Gemeinderabbiners lind seines Kreises 311 erwerben und so eine Milderung der Gegensätze in der Gemeinde herbeizusühren. Seiner machtvollen, im edelsten Sinne jüdischen Persönlichkeit konnten sich weder die Linksstehenden, die dem Judentum schon teilweise recht entfremdet waren, noch die unerschütterlich am Alten hängenden Elemente entziehen, und so konnte es nicht ausbleiben, daß er nach dem Ableben des Gemeinderabbiners von allen Seiten als sein Nachfolger in Aussicht genommen wurde. Doch verhiniXr seine bald darauf erfolgte Berufung nach München die Verwirklichung der Absicht. Seine Predigten, von denen nach seinem Tode eine Auswahl mit einer Einleitung aus der Feder meiner Mutter erschienen ist, verkündeten in schlichter, jeder: rhetorischer: Schmrrck verschmähender Sprache, doch darum desto eindringlicher und überzeugungskräftiger, die Wahrheiten des Judentums und zogen Zuhörer aus allen Kreisen der Gemeinde in der: Tempel der Brüdergemeinde. Doch s 0 rvichtig ihm die vonder Kanzel gespendete Belehrung erschien, verfiel er doch nicht irr den Fehler, zrr oft oder zu lang zu sprechen. Wußte er doch, daß dadurch nicht nur der objektive Wert der Predigt, sondern auch ihre Wirkung auf den Hörer und überhaupt ihre allgemeine Schätzung notwendig sinken muß. Mit einem wahrhaft heiligen Eifer widmete er sich der religiösen Unterweisung der Jugend, und in seiner:: ersten Bericht über die vor: ihm begründete 3teligionsschttle (1864) erklärte er, „er sei fest.entschlossen, der: Schwerpunkt seiner amtlicher: Wirksamkeit in die Religionsschule zrr verlegen". Ein solches Wort war damals etwas Neues und Ungewohnda man noch immer ineinte, durch die bloßen Predigten alle Schäden des religiösen Lebens heilen zu können. Diese Erkenntnis war schon in seiner Studienzeit in ihm gereist, denn in einem Briefe vorn Januar 1858 schrieb er an einen Jugendfreund"): „Die Erziehung des der Schule entwachsenen Stammes geht jetzt mehr vom Katheder als von der Kanzel arrs." Im ganzer: wirkte er aber noch mehr durch das, was er war, als durch das, was er sagte, rrnd lehrte mehr durch sein Leben als durch seine Reden und Vorträge. In Posen fand er auch eine gleichgestimmte Lebensgefährtin, an deren Seite er ein reines, ungetrübtes Glück genoß, in Rosalie Schefftel, der Tochter des durch Bildung und jüdische Gelehrsamkeit ausgezeichneten Kaufmanns Simon BaruchS ch e f s t e l, dessen hebräische Scholien zum Targum Onkelos er 1888 aus seinem Nachlaß herausgab. 2) „Ost und West" 1904, 773. Seine dort veröffentlichter: „Briefe aus dem Breslauer Seminar vor: 1856—1861" sind nicht nur für die Kenntnis seiner eigenen geistigen Entwicklrrng lehrreich, sondern von allgemein-menschlichem Interesse. Rabbiner Dr. Joseph perles gestorben am 4. März 1894.

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