Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1919)
- Date
- 1919-02-28
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
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der sogenannten Einheitsschule marschiert. Je stärker demokra- > tische und sozialistische Einflüsse in Staat und Gemeinden ) werden, desto aussichtsvoller werden die Bestrebungen auf > Schaffung einer einheitlichen Schnlgrundlage, von der aus - der Ausstieg entsprechend der Begabung erfolgt.! Findet also in Zukunft in der Erziehung eine gewisse Versöhnung zwischen Handarbeit und Kopfarbeit statt, so müssen notwendigerweise diejenigen Erziehungsresormen Raum gewinnen, die unter der Bezeichnung „Arbeitsschule", „Kerschensteinersche Bestrebungen", oder wie sie sonst genannt werden mögen, schon jahrelang vor dem Kriege bekannt waren. Die Einheitsschule wird sich nicht nur mit der Verbreitung des Wissens und der Schulung des Denkens, sondern auch mit der Ausbildung technischer Fähigkeiten zu befassen haben. Es wird ein Suchen nach Lehrkräften einsetzen, die über die nötige Vorbildung verfügen, um nach den neuen Methoden wirken zu können. Unter diesen Umstünden gewinnt das von der Simonschen j Stiftung zu Hannover begründete und von dem Ministerium | für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung geförderte und beaufsichtigte Seminar zu Peine seine besondere Bedeutung. Das Simonsche Seminar zu Peine Hatte gerade zweieinhalb schön besuchte und fruchtbar wirkende Halbjahrskurse hinter sich, als der Weltkrieg ausbrach und den Lehrbetrieb in seinen Garten, Werkstätten und Lehrsälen stillegte. Nicht wenige der Kursisten haben dem Vaterlande ihr Blut hingegeben. Jetzt, wo es gilt, Deutschland wieder aufzubauen, wird auch das Simonsche Seminar sin Peine seine Pforten wieder öffnen. Im April 1919 beginnt wieder der erste Sommer- < kurs. Jüdische Lehrer, die sich rechtzeitig zu diesem Sommerknrs melden, genießen nicht nur kostenlose Ausbildung, vielmehr stehen der Anstalt auch Mittel zur Verfügung, die zur Bestreitung des Lebensunterhaltes der Kursisten während der Ausbildungszeit dienen. Lediglich etwas Werkzeug, das in ihr Eigentum übergeht, haben sich diese Kursisten ans eigene Kosten zu beschaffen. Ter Lehrplan des Sommerkurses umfaßt praktische Gartenarbeit, leichte Holzarbeit, Papparbeit, Zeichnen, Gartenbaulehre, Ehemie, Physik, volkswirtschaftliche und methodische Hebungen während insgesamt 44 Wochenstunden. Die Ausbildung für die Bewirtschaftung eines Schulgartens entspricht allen sachlichen Anforderungen: die selbstgeschassenen Gartenanlagen des'Peiner Seminars haben zuletzt einen Reinertrag von über 800 Mark vom Morgen geliefert. Ausbildung und Unterricht im übrigen liegen ebenfalls in der Hand bewährter Fachkräfte. Die allgemeine Aufsicht führt die Negierung in -Hildesheim, die Fachaufsicht das bereits genannte Minifterium. Es erscheint mir zweifellos, daß Lehrer, dle in Peine einen Halbjahres- oder gar einen Jahreskursus durchgemacht haben, in Anbetracht der zu erwartenden Schulreform vor günstigen Berufsaussichten stehen. Daher dürfte auch - - ganz abgesehen von allgemeinen Erwägungen — der Besuch der Peiner Kurse wieder rege werden. Anmeldungen sind zu richten an den Direktor des Simonschen Seminars in Peine. Lmn 25. Todestage oon Ioleph Kerles. (4. März 1894.) Bon Felix P e r l e s. je Gegenwart mit ihrem unaufhaltsamen Vorwärtsdrängen gewährt keinen richtigen Rnchepunkt für einen Rückblick in die Vergangenheit und ist daher der Erinnerung an einen längst Dahingegangenen, wenig günstig. Wenn ich heute trotzdem dem Andenken meines Vaters diese Zeilen widme, glaube ich, nicht nur einer Pflicht kindlicher Pietät zit genügen, sondern auch bei all denen, die in ihm, wie es in einem Nachruf von berufener Seite ausgesprochen wurdet, „das Muster eines modernen Rabbiners" verehrten, auf verständnisvolle Sympathie rechnen zu dürfen. Joseph Perl es ist wie viele seiner bedeutendsten Kollegen und wissenschaftlichen Fachgenossen aus dem ungarischen Judentum hervorgegangen, in dessen Mitte schon vor 1848 neben der eifrigen Pflege des jüdischen Schrifttums ein rastloses Streben nach allgemeiner Bildung einherging. Er wurde am 25. November 1835 als jüngstes von sechs Kindern des Rabbinatsasfessors Baruch Ascher Perles in. Baja geboren. Sein Vater stammte aus einer alten- Prager Gelehrtenfamilie, die unter ihren Vorfahren den Hohen Rabbi Löw und noch weiter hinauf Rabbi Ascher Ben Jechiel zählte, und war selbst ein bedeutender Talmudist. Doch hatte er sich autodidaktisch auch schon ein reiches Wissen auf modernem Gebiet erworben und besaß überhaupt ein für jene Zeit bemerkenswertes Verständnis für die Bedürfnisse des neuen Geschlechts. Er gab seinem Sohne eine gründliche talmudische Allsbildung und sandte ihn gleichzeitig auf das Gymnasium. Als Frankel seinen- Aufruf zum Eintritt in das 1854 eröffnete Breslauer Seminar erließ, war er der erste, der seinen Sohn anmeldete, was Frankel mit besonderem Stolz erfüllte, denn in. diesem Vertrauensbeweis von seiten eines ungarischen Rabbiners alten Schlages erblickte er eine Gewähr dafür, daß er sich auf dem rechten Wege befand. 1855 zog Joseph Perles mit dem Zeugnis der Reife nach Breslau, wo er am Seminar unter Frankel, Graetz, Joel und Bernays ferne jüdisch-wissenschaftliche Ausbildung erhielt, während er sich auf der Universität dem Studium der orientalischen und klassischen Sprachen und der Philosophie hrngab. Bald wurde er der Lieblingsschüler von Frankel und löste schon 1858 eine Preisfrage des Seminars „Ueber den Geist des Kommentars des R. Moses Ben Nachman zunr Pentateuch und über sein Verhältnis zum Pentateuchkommentar Raschis". Dieselbe erschien in Frankels Monatsschrift, der er bis zu seinem Tode treu blieb. Ueber diese Arbeit urteilt David Kaufmann noch 36 Jahre später^): „Schon den Anfänger kennzeichneten die Vorzüge des gereiften Mannes, erschöpfende Sachkenntnis, eine auch das Entlegenste heranziehende Belesenheit, Sauberkeit und Vornehmheit der Darstellung im Verein mit kritischer Besonnenheit und Zurückhaltung." Im folgenden Jahre promovierte er an der Breslauer Universität mit der Dissertation „Noletemata Peschitthoniana". In tief eindringenden Untersuchungen, führte er darin den endgültigen Nachweis des jüdischen Ursprungs der Peschittho, der ältesten syrischen Bibelübersetzung, und zeigte ihre enge Abhängigkeit von der jüdischen Tradition. Die Resultate dieser Arbeit sind Gemeingut der Wissenschaft geworden, und mit Recht bemerkt Wilhelm Bacher (a. a. O. 8), daß „diese Dissertation, was bei solchen Erstlingsarbeiten selten vorkommt, wahrhaft epochemachend war". In den darauf folgenden Jahren erschienen in Frankels Monatsschrift zwei Studien: „Die jüdische Hochzeit in nachbiblischer Zeit" und „Die Leichenfeierlichkeiten im nachbiblischen Judentum". Mit diesen Arbeiten betrat er ein drittes Forschungsgebiet, auf dem er sich auch noch später erfolgreich betätigte, die Altertumskunde. Noch vor seiner Entlassung vom Seminar 1862 wurde er zum Prediger der Brüdergemeinde in Posen berufen, in welcher Stellung er bis 1871 wirkte. Hier konnte er zeigen. ') W i l h e 1 m Ba ch c r : „I elvi sh Ouarterly Review" VII (1895) 2: The pattern of a modern Rabbi. -) In seinem Nachruf auf Joseph Perles (Beilage z. „Münchener Allg. Zeitung" 1894, Nr. 64 — Ges. Schriften I, 307 ff.).