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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-28 · Heft 9 (28.2.1919) · p. Seite 87

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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87 auf dreitägige Kündigung. Hat jede Verlängerung den Alliierten zu weiteren Verschärfung der ohnehin ungeheuerlichen, unerfüMa-ren Bedingungen dienen müssen, so können wir nns jetzt jeden Tag neuer, unerhörter Forderimgen versehen. Auch der letzte Nest von Sicherheit ist geschwunden, die Möglichkeit von Wafsenstillstandsverhandlnngen ist .auAgeschlossm. denn von heute bis i'ibernwrgen gibt es kein Verhandeln, gibt es nur bedingungslose Unterwerfung unter das gestellte Ultimatum — oder Wiederausnahine der Feindseligkeiten." Andere Beurteiler der Lage gehen noch weiter und versichern: „Niemand kann uns helfen. Das Volk ist krank vom Scheitel bis zur Sohle, so krank, daß kein Arzt es retten könnte, wenn einer da wäre, und es ist nicht einmal einer da/ Indessen, befindet sich Deutschland auch in einer fürchterlichen Notlage, so ist diese doch nicht so trostlos, wie viele sie darstellen. Wir stimmen eher Erzberger zu, der in der Nationalversammlung bei der Debatte über den Waffenstillstand sich rechtfertigend treffend -ausführte: „Auf den Wellenberg der günstigen Entwicklung ist immer das Tal der Erniedrigung gekommen. Nach meiner Ueberz.engung sind wir jetzt an der Talsohle angelangt. -mrb es hängt vom deutschen Volke ab, ob es wieder auswärts gehen soll. Dem Volke kann man keine Vorwürfe machen nach dem schweren, über vierjährigen Kriege irrtb der Nichterfüllung all der vielen glänzenden Verheißungen, die ihm gegeben worden sind. Ich habe dennoch das Vertrauen ..zu unserem Volke, daß es sich wieder aufrichten wird. Ich glaube au unser Volk und an seine Zukunft." Diesen Glauben und diese Hoffnung teilen auch nur und mit u.ns fast alle deutschen Juden, die, welcher religiösen und politischen Richtung sie auch a.ngehöven, nicht nur um Deutschlands Niedergang trauern, sondern aucTi ernstlich bestrebt sind, an dem Wiederaufbarl des Reiches mitzuwirken, und wie inguten so auch in bösen Tagen das uns allen heilige Gebot kennen und beherzigen: Liebe das Vaterland! * Von Rabbiner Tr. T. Leimdörfer (Hamburg) erhalten wir folgende beachtenswerte Zuschrift: Zur S t i f t u n g der F r e i e n j ü d i s ch e u ' Volk s h o ch s ckl w l e. | Das Bestreben, durch Gründung einer Freien jüdischen! Volkshochschule in Berlin die Kenntnis unserer Religion und! ihrer Wissenschaft nach innen und außen zu fördern, ist in : allen Kreisen als ein löbliches zu begrüßen. Doch dürfte es sich empfehlen, im Interesse des Gesamtjndentnms die Berliner Gründung zum Gemeingut weiterer Kreise im deutschen Vaterlande nutzbar zu machen. Deshalb sei mir verstattet,; darauf hinznweisen, daß die geplanten Vorträge der verschiedenen Dozenten in Berlin auch nach außen hin dringen,! daß sie die zumeist aus „Laien" bestehenden Verwaltungen, Vorsteher und Vertreter der Gemeinden wohltuend beeinflussen, die Gemeindemitglieder, die Schuljugend beiderlei Geschlechts und die der Schule Entratenen auch außerhalb der Reichshauptstadt veranlassen, das Interesse für die Geistesschätze des Judentums zu erhöhen, und allen zur Rüstkammer- Werden, aus denen sie die für die Kämpfe der Gegenwart und Zukunft notwendigen Waffen holen zur Abwehr feindlicher Angriffe und zur Selbsterstarkung in unserem Glauben. Die voraussetzungslose Wissenschaft auf allen Einzelgebieten und ihre Ergebnisse sollen daher, systematisch a il f g e z e i ch net, zu einer Sam m l u n g , zu einem Konvolut wissenschaftlich und religiös bildender und erziehender Hilfsmittel für Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen wie für die Mitglieder der Logen und Vereine mit geistigen Interessen und Veranstaltungen werden und anwachsen. So würden die Vorträge der Dozenten wertvolle, weit über lokale und temporäre Räume sich erstreckende Bereicherungen der religionswissenschaftlichen Kenntnisse zur Vertiefung und fruchtbaren Anwendung, auch zur Weiterforschung, ganz besonders aber wesentliche Hilfsmittel zum Lehren und Lernen. Die großen Organisatioaien, wie der D. I. G. B., der Verband Deutscher Juden, der 'Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Logen und Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, Rabbiner- und Lehrerverbände und israelitische humanitäre Frauenvereine müßten Zusammenwirken, die uns fehlenden geistigen Hilfsmittel zur Neubelebung unseres religiösen Lebens, zur Vereinigung aller religiösen Richtungen um den Mittelpunkt des Judentums, unserer Thora, zur Gewinnung unserer Frauenwelt und unserer Jugend, zur Bekämpfung der Vorurteile gegen Juden und Judentum zu schaffen. Die Vorträge der Volkshochschule in Berlin, in Heften und Büchern periodisch gesammelt, veröffentlicht, allen, allen zugänglich gemacht, bürften dem fühlbaren Mangel an populärwissenschaftlichen Lehr- und Lernmitteln steuern und wesentlich dazu beitragen, uns lichtvolleren Tagen in Beziehung auf Lehre und Leben, auf Wissen und Können, auf gerechte Beurteilung in Staat itnb Gesellschaft entgegenznsühren. * In Budapest wurde ein Verein katholischer, evangelischer nlld jüdischer Geistlicher unter Führung des evangelischen Bischofs Raffap und des Fürstprimas Esernoch zu dein Zwecke gegründet, die konfessionellen Reibungen ans der Welt zu jchaffeu. Von jüdischer Seite umreit bei der ersten Besprechung die Rabbiner Tr. Simon Hevesi, Dr. Adler, Koloman Weber, Michael D tt f eh i n s k-i itnb der Rat der orthodoreu Landeskanzlei H a r t st e i n anwesend. D^e erste Frucht dieses interkoufessiouellen Zusammenschlusses ist der nachstehende Ausruf, *ben der Laudesseelsorgerverband an alle Bürger und Bürgerinnen des Landes erläßt: „schlachten, die das Dasein der Völker in seinen Grundlagen erschüttern, und Ereignisse, die in ihrem Gefolge anstraten, haben auch das sittliche Leben in unserem Vaterlande ,zmn Wanken gebracht. Die hohen Ideale der Seelen - Gott, Nächstenliebe, Vaterland - sind nachgerade zu inhaltsleeren Begriffen für die Kleinmütigen geworden. ^tatt des heißersehnten Friedens wollen Zwietracht, Gehässigkeit, die Verachtung weltlicher und moralischer Gesetze die Herrschaft über die Seelen gewinnen. Ungeheure Wunden, die ntU Verblutung drohen, zerreißen die Nation. Diese Wunden harren des Arztes. Der Landesseelsorgerverband hat sich ans den Priestern der verschiedenen Religionen znin Zwecke der Pflege der heiligsten Ideale der Menschheit, der friedfertigen Nächstenliebe und der guten Ordnung, der Pflege einer edleren, sittlichen Lebensauffassung gebildet. Je kritischer sich die Lage unserer ganzen Gesellschaft gestattet, desto mehr ist der Landesseelsorgerverband von der Notwendigkeit durchdrungen, die der Wohlfahrt der Menschheit und des Vaterlandes förderlichen, heiligen Ideen ohne Rücksicht ans Nasse, Religion und Nationalität zu verkünden und für sie zu wirken an der Schwelle einer neuen Epoche unseres öffentlichen Lebens, in deren demokratischen und sozialen Bestrebungen er die Offenbarung des Grundgesetzes aller Religion, der Gerechtigkeit und der Liebe, begrüßt. In dem Bewußtsein, daß religiöse Gehässigkeit nicht die Frucht des wirklichen Glaubens, vielmehr mit diesem geradezu unvereinbar ist, richten wir ntit unerschütterlichem Vertrauen in die menschliche Güte tmd in brüderlicher Liebe an alle Kinder unseres Vaterlandes die Bitte, ben Landesseelsvrgerverband in der Verwirklichung seiner Ideen wirksam zu unterstützen. Möge das ans den alten Ruinen erstehende neue Ungarn eine Pflanzstätte des edleren moralischen Lebens, des Zusammenwirkens einander verstehender und achtender, für die wechselseitige Wohlfahrt schaffender Menschenkinder sein. Unsere Bitte richtet sich an die Oberbehörden und Führer der Kirchen, an die Gläubigen aller Religionen, an jeden wahren Freund einer sittlich-religiösen Lebensanffassung. Mögen sie den Frieden, die einträchtige Brüderlichkeit beschirmen. Unsere Seelsorgerkollegen im ganzen Lande beschwören wir, in diesem Sinne zu wirken, Zunft itnb Zwietracht sollen der heißersehnten friedlichen Entwirrung nicht > hinderlich sein. Der Flllch der Gehässigkeit, die Leidenschaft, die eine! Natron Fegen die andere, eiu: Religion gegen die andere, einen

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