Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-21 · Heft 8 (21.2.1919) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229399--74694-3287158
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SS. Jahrgang. Nr. 8 Berlin, 21. Februar ISIS Der Oemeindevote. SStflage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrrsponden?rn und Aachrichten. Srutschlsnd. & # Berlin, 18. Februar. Zu der bevorstehenden Aenderu-ng des Gemeindestatuts hat der (konservative) Zentral verein sür die Interessen der Jüdischen Gemeinde Anträge eingebracht, die eine moderne Ausgestaltung der Gemeindeversassung anstreben. Nach dem Vorgehen der Groß-Berliner Stadtverwaltungen fordert der Zentralverein die Erhöhung der Zahl der Repräsentanten von 21 auf 31. Zur Begründung dieses Antrages wird angeführt, daß die Verwaltung der Gemeinde nicht durch einen allzu kleinen Kreis erfolgen darf. Die 1847 festgesetzte Zahl von 21 Repräsentanten erscheint heute unzureichend. Das Judengesetz von 1847 verlangt im § 38 die Wahl einer angemessenen Zahl von Repräsentanten. Unter Berücksichtigung der Größenverhältnisfe der Gemeinde im Jahre 1847 schienen weniger als 9 und nicht mehr als 21 Repräsentanten erforderlich. Der Vergleich mit der 6 Jahre später gegebenen Städteordnung zeigt, daß der Gesetzgeber für ähnliche Vertroterkörperschasten auf 20 000 Einwohner 30 Vertreter und ans 150 000 50 vorsieht. Hätte der Gesetzgeber die außerordentliche Vergrößerung der Gemeinde vovausgeahnt, so würde er eine andere Begrenzung nach obenhin festgelegt haben. Die Notwendigkeit der Vermehrung der Repräsentanten ist auch von sämtlichen Berliner Vereinen bet den vorangegangenen Beratungen mtt dem Gemerndevorstand anerkannt worden. Auch bei Einführung des Verhältniswahlsystems läßt sich eine gerechte. Vertretung aller Richtungen erst ermöglichen, wenn eine entsprechend große Anzahl von Repräsentanten zu wählen ist. Es wäre außerordentlich bedauerlich, wenn aus formellen Bedenken die Vermehrung unterbleiben müßte. Sollten trotz alledem die Zweifel an der Zulässigkeit des Antrages nicht behoben werden, so empfiehlt der Verein, daß der Vorstand bei der Einholung der Genehmigung unter Hinweis auf die Erlasse für die Stadtordnung alle Gesichtspunkte, die für und gegen die Vermehrung im Wege der Statutsänderung sprechen, darlegt. — Ein weiterer Antrag des Vereins behandelt die Sicherung des Wahlrechts für diejenigen Kriegsteilnehmer, die in den letzten drei Jahren keine Gemeindesteuern gezahlt haben, weil sie außer ihrer Militärbesoldung kein weiteres Einkommen hatten und deshalb von den kommunalen Abgaben und demzufolge auch von' den jüdischen Steuern befreit waren. Die dritte Forderung verlangt die Anerkennung des Wahlrechts aller großjährigen männlichen G e m ei n dem i tg li e de r , auch wenn sie bisher nicht zur Gemeindesteuer veranlagt waren. E. M. Berlin, 18. Februar. Das Problem der j ü d i s che n R as se untersuchte Direktor Dr. Feist in der zweiten Montagsvorlesung an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Ausgehend von der Tatsache, daß die Differenzierung und Gruppierung nach Rassen ein wirksames Hilfsmittel zur wissenschaftlichen Erkenntnis der menschlichen Gesellschaft bildet, wies der Redner darauf hin, daß auch innerhalb der einzelnen Rassen sich vom anthropologischen Standpunkt, aus wesentliche Unterschiede feststellen lassen. Ein allgemein-gültiges Unterscheidungsmerkmal bildet in dieser Beziehung die Schädelform, die bald die bugliche, bald die kurze Gestalt aufweist. Die Rassentypen sind keineswegs territorial begrenzt. So. besitzen die Mittelmeerbewohner genau dieselben Merkmale wie große Bevölkerungsteile Vorderasiens, zu denen auch die Juden zählen. Die Eigenart der jüdischen Rasie läßt sich als die anthropologische Verbindung von Merkmalen des Hetiter- und Semitentums kennzeichnen. Schon im Altertum, als die Juden noch in ihrem eigenen Lande lebten, befaßen sie diese Rasseneigentümlichkeit. So unterschieden sie sich körperlich sehr scharf von allen ihren Nachbarvölkern, wie dies aus alten ausgefundenen Bildwerken und Denkmälern deutlich zu ersehen ist. In der Diaspora haben die Juden sich teilweise ihrem Milieu angepaßt: der Aschkenasi steht anders aus als der Sephardi, der Jemenite anders als der in Marokko oder gar in Indien lebende Jude. Allein diese Aenderungen sind im Grunde rein äußerlicher Natur, ein leichter Abbau, ohne im geringsten die Fundamente zu berühren, und obwohl feit 2000 Jahren vom Wurzelboden losgelöst, haben die Juden ihre Rasseneigentümlichkeit nicht eingebüßt. Von einem arischen Element im Wesen der jüdischen Rasse kann schlechterdings nicht die Rede sein. Wenn stärker voneinander abweichende Typen sich unter den Juden Nachweisen lassen, so rührt dieser Gegensatz lediglich davon her, daß die Rafsenbeschaffeuheit der Juden ihren Ursprung aus zwei verschiedenen Quellen — der hetitischen und semitischen — schöpfte. — Zahlreiche mit Geschmack und Geschick ausgewählte Bilder unterstützten die inhaltsvollen Ausführungen des Redners, dein zum Schluß reicher Beifall zuteil wurde. &&& Berlin, 18. Februar. Palästina steht gegenwärtig mehr als je im Brennpunkte des jüdischen Interesses, und alle Forfchnngsergebnisse, die dazu beitragen, Kenntnisse über das Heilige Land zu verbreiten, werden von einem großen Interessentenkreise freudig begrüßt Gerade Palästina bietet für die verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen vielseitiges Material, weil dieses kleine Mittelmeerland in klimatischer, meteorologischer und historischer Beziehung zu den merkwürdigsten Teilen der Erde gehört. Während der Hormon in ewigem Schnee den Beschauer grüßt, gehört das Jordantal zu den h.eihesten Erdgegenden überhaupt, wie neuerdings durch jahrelange Beobachtungen durch Professor Blankenhorn mit wissenschaftlicher Zuverlässigkeit ermittelt worden ist. Temperaturmessungen haben besonders am See Genezareth und in der Umgebung von Jericho stattgefunden. Eine dieser Stationen zwischen Jericho und denr Toten- Meer liegt 330 Meter unter dem Spiegel des Mittelmeeres, und auf dieser ungewöhnlichen Tatsache beruht zum großen Teil die außerordentliche Erhitzung des Bodens, die hier ein Jahresmittel von mehr als 28 Grad« hervorbringt. Dieser übermäßigen Erwärmung entspricht auf der anderen Seite eine ebenso übermäßige Trockenheit und eine höchst bedeutende Verdunstung d-er vorhandenen Wasserflächen. Tr. Schoy weist in der „Zeitschrift für Balneologie" noch eine besondere Ursache für die Hitze im Jordantal nach. Er behauptet nämlich, daß sich die Lnft aus der Umgebung fönartig in die versenkte Landschaft hi-nabstürzt und sich dabei in ähnlichem Grade erwärmt, wie es im Alpenfön bekannt genug ist. Heiße Winde, die mit dem Namen Backofenluft belegt worden sind, werden von den Beobachtern im Jordantal vielfach erwähnt, und auch die unvergleichliche Durchsichtigkeit der Luft erinnert an die Alpenföne, von dienen die bekannte Warnung in den Weißbüchern lautet: Bei ungegewöhnlich guter Aussicht von einem Berggipfel müsse man sich schnellstens nach einem guten Quartier in Sicherheit bringen, weil dann ein Unwetter unvermeidlich bevorstehe, wie es eben der Fön in den Alpen anzeigt. Uebrigens wird gerade Jericho wiegen dieses Klimas als Kurort für Lungen-, Gicht- und Nierenkrankheiten empfohlen und in dieser Hinsicht den im Frieden viel besuchten ägyptischen Bädern an die Seite gestellt. Zweifellos wird nach Wiederkehr normaler Verhältnisse Palästina als Fremdenland eine große Zukunft haben und einen Teil des ägyptischen Fremdenstroms an sich ziehen.' er. Dresden, 14. Februar. Hier ist ein H i l f s v e r e i n f ü r Qstjuden begründet worden. Tie neue Organisation hat die Aufgabe, den vielen jüdischen Arbeitskräften, die während der Kriegsjahre von den deutschen Behörden zur zwangsweisen Arbeit nach Deutschland gebracht wurden und infolge der jetzigen Verhältnisse brotlos geworden sind, gründliche materielle Hilfe zu bringen. Dieses Ziel soll durch die Vermittlung von Arbeitsgelegenheit erreicht werden. Tie ostjüdischen Arbeiter sollen nach Möglichkeit unterstützt werden, damit sie nicht gegen ihren Willen in die Pogromländer abgeschoben werden. Ter Verein hat nach zweiwöchigein Bestehen durch Gründungsspenden bereits ein Vermögen von 20 000 Mark aufgebracht, die monatlichen Mitgliedsbeiträge belaufen sich bereits aus 1600 Mark. Der Hilssverein kann heute schon 18 Leute vollständig unterhalten und steht auch schon mit allen Behörden zwecks Vermittelung passender Arbeitsgelegenheiten in Verbindung. Vor der Begründung des Hilssvereins waren alle Versuche, die mißliche Lage der ostjüdischeu Arbeiter zu heben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.