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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-21 · Heft 8 (21.2.1919) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 - fr tan Inhalt eines vollen Glases hinunter und setzte das leere Glas mit bebender Hand auf den Tisch. „Es ist eine ganz verzweifelte Geschichte," sprach er wieder mit neuer Erregung, „über die ich nicht Hinwegkommen kann. Da steckt etwas dahinter, das ich nicht herausbekommen kann/ lind je länger ich darüber nachdenke, desto schlimmer wird es. Daß sie sich nichts aus mir macht, weiß ich schon längst, aber ich glaube nicht, daß dies der einzige Grund ihrer Gleichgültigkeit und Traurigkeit ist. Es hat etwas mit ihrer Mutter und dem grinsenden, gelbhaarigcn Kerl zu tun, der die Alte verrückt macht. Was mag diese nur mit dem Menschen Vorhaben? Will sie ihn heiraten, ihrer Tochter zum Trotz? Ich habe freilich den Menschen schon öfter in ihrem Hause gesehen, oder sie treffen auch irgendwo zusammen; heute aber ist es das erste Mal, daß sie sich mit ihm in der Oeffentlichkeit zeigt und dem ganzen Familienkreis aufhalst. Soll die Sache jetzt zum Abschluß kommen? Aber das sind Angelegenheiten der alten Dame, die ich bald durchschaut. Aber sagen Sie mir doch, was mit Alice los ist?" „Sind Sie denn nicht bereits zwölf Monate mit ihr verlobt?" „ES fehlen noch vierzehn Tage," fiel Burger schnell ein. „Während dieser Zeit aber war ich volle fünf Monate abwesend, um dadurch ihr Herz zu erweichen. Ich glaubte, daß sie sich bei dem Wiedersehen ein wenig erwärmen werde. Ich habe es seitdem auch auf andere Art mit ihr versucht: ich war demütig, schmollend, hochmütig, wütend; doch nichts zieht: sie bleibt unnahbar, wie am ersten Tage." „Dann geben Sie sie einfach auf." „Was?" Das Wort schien auf seinen Lippen zu explodieren, doch wurde der Laut von den Vorbeistürmenden übertönr, die auf das Glockenzeichen wieder in den Saal eilten. „Für was halten Sie mich denn? Für einen Waschlappen, der heute so und morgen wieder so denkt? Ich hätte schön ausgesehen, wenn ich in meinem Leben so verfahren wäre! Nein, mein Jungchen!" Er klopfte Klaßner mit einem solchen Grimm auf die Schulter, daß dieser sich vor Schmerz ducken mußte. „Kennen Sie mein Losungswort, mit dem ich durch die Welt gegangen? ,Was ich habe, das halte ich, und was ich noch nicht habe, das suche ich zu erhalten!" Wenn das alles ist, was Sie mir sagen-" Er erhob sich und folgte Klaßner mit einem stumpfen Lächeln. Beide begaben sich wieder nach der Loge; vor der Tür jedoch wandte sich Burger mit einem entschlossenen Gesicht Klaßner zu. Dieser sah ihn erwartungsvoll an und harrte gespannt auf die Worte, die jetzt kommen sollten. Doch mit einem unverständlichen Murmeln drehte sich Burger um und betrat die Loge. Die Vorstellung war beendet, und Klaßner verabschiedete sich, als gerade die Equipage vorfuhr, während Dr. Jarvis still und unauffällig sich ebenfalls entfernte. Stella jammerte laut, daß sie kein Restaurant aufsuchten, aber Alice erklärte, müde zu sein, und Burger war so unhöflich, die Wünsche seiner Braut mehr als die seiner Schwägerin zu berücksichtigen. Klaßner ging mit dem Bewußtsein fort, einen angenehmen Abend verlebt zu haben; aber er atinete doch erleichtert auf, wieder in seiner eigenen Gesellschaft zu sein. Alle diese Menschen taten ihm zwar leid, sogar der beständig lächelnde Dr- Jarvis nicht ausgenommen; aber er konnte ihnen mit dem besten Willen doch nicht helfen. Er sah trübe, unklare Verhältnisse für sie alle sich zusammenspinnen, deren glatte, zufriedene Lösung er sich in keiner Weise denken konnte. Er legte den Heimweg zu Fuß zurück, um das Frohgefühl seiner Freiheit voll auszukosten, das mehr und mehr sein ganzes Innere erfüllte, fortwährend lächelnd, aber zu gleicher Zeit nachgrübelnd und zu erraten suchend, was Burger ihm wohl noch in der letzten Minute, vor dem Betreten der Loge, hatte sagen wollen. Es schien doch ein eigenartiges Verhältnis zwischen diesen beiden Verlobten zu herrschen. Welche Ironie des Schicksals: Romeo und Julia auf der Bühne, mit Adolph Burger und Alice Mahlow als Zuschauer! 25. Als Klaßner am nächsten Abend sein Zimmer betrat, fand er den roten Salomon mit Ungeduld seiner wartend, der ihn. über das lange Warten die heftigsten Vorwürfe machte, ohne Klaßners Entschuldigung, daß er im Drange der Geschäfte die Zusage vergessen, gelten zu lassen. Daß Salomons Angelegenheit nicht ganz unwichtig war, konnte er aus Chaje Rachels nachdenklicher Miene leicht entnehmen, deren Gesichtszüge einen freudigen Schimmer, aber auch eine gewisse Befangenheit widerspiegelten. Sicherlich hatte Salomon ihr den Zweck seines Kommens bekanntgegeben, der ihr nicht unlieb zu sein schien. Dennoch war Klaßners Interesse nur schwach; er kannte ja Salomons Art, aus einem Maulwurfshügel einen Riescnberg zu nmchen. Um aber die Sache so viel als möglich abzukürzen, lehnte er es ab, die Mahlzeit vorher einzunehmen. Er hatte zwar auch für später Nichts Besonderes vor, dennoch widerstrebte es ihm, sich stundenlang diesem Schwätzer zu überliefern. Das Hinausschieben der Mahlzeit sollte daher einen Wink mit dem Zaunpfahl für den Besucher bedeuten, seinen Aufenthalt abzukürzen. Doch diese Aussicht erwies sich als eitel; denn lebhaft gestikulierend begann Salomon soforr. „Ganz recht, Awromele. Du wirst nicht bald verhungern. Ein voller Magen verstopft die Ohren, und was ich dir zu sagen habe, erfordert deine ganze ungeteilte Aufmerksamkeit." „Also los. Sie sehen, ich bin ganz Ohr." (Fortsetzung folgt.) Lprrchlaal. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Krise ist den mit uns in gern einsamer Tätigkeit verbundenen Organisationen, der Hauptstelle für Berufsberatung der Juden und dem Kartell der Arbeitsnachweise (weibliche Arbeitsvermittlung), die besondere Aufgabe zugesallen, den Schwerpunkt unserer Bestrebungen auf die fortdauernde Mahnung an die einzelnen Arbeitsnachweise und Berufsberatnlrasstellen zu legen, jede Art von Arbeitsentwöhnung und Arb-citsnnlust zu bekämpfen. Die Verhältnisse gestatten jetzt nicht, eitle passende Arbeit nuszuwählen. Die Wiederaufnahme früherer Berufe ist teilweise zur Unmöglichkeit geworden. Bernfsmuschichtungen und Berufsvermittlungen sind <m weitestem Umfange erforderlich. Wir bitten daher unsere Logenarbeitsnachweise, den von uns kürzlich versandten Leitsätzen und Bekanntmachungen gebührende Beachtung zu gewähren. Wir bitten ferner, für die Verbreitung des nachstehenden Aufrufes zu sorgen. Arbeit — nicht A l m osen! Um das Recht ans Arbeit, um diesenbekannten sozialistischen Grundsatz, haben die Arbeiter in Deutschland seit Jahrzehnten gekämpft. Sie sahen ihren Stolz darin, durch eigene Kraft Brot zu finden, um nicht der Allgemeinheit, den öffentlichen Unterstützungs¬ und Fürsorgestellen zur Last fallen zu müssen. Infolge der Demobilisation und des Mangels an Rohprodukten ist indessen ein Unterstützungswesen entstanden, das in seiner Ausdehnung schwere wirtschaftliche und moralische Folgen hervorbringt. Daher dürfen die Fürsorgernaßnahmen nur vorübergehende sein. An die Arbeitslosen fei daher immer und immer wieder die ernste Mahnung gerichtet: Suchet Arbeit, wo ihr sie findet und wo sie immer euch geboten wird. Uebevlasset die Unterstützungen den Witwen und Waisen, den Kriegsbeschädigten, den Altersschwachen und Gebrechlichen! Wer sozial denkt, ans seinen Adel als Mensch noch etwas hält irnd arbeitsfähig ist, verzichte freiwillig auf die Arbeitslosenfürsorge und unterziehe sich jeder gewinnbringenden Beschäftigung. Dadurch wird er nicht nur dem Vaterlande beim Aufbau wertvolle Arbeit leisten, sondern auch sich selbst den vornehmsten Dienst erweisen. Gerade in unserer unglückseligen Zeit muß. lauter denn je für jeden Volksgenossen die Losung gelten: Arbeit — nicht Almosen! Verband der Arbeitsnachweise der Grotzloge für Deutschland VIII U. O. B. B. Engen Caspary. Dr. E. Finkel.

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