Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mahner verstand anfänglich nicht, was er aus diesen Worten machen sollte; um aber kein Ausschen zu erregen berührte er Burgers Schulter. .-Schon gut, alter Junge," fuhr dieser mit gedämpfter Stimme fort. „Keine Angst! Ich werde Sie nicht blamieren. Ich weiß doch jetzt schon, wie ich mich in feiner Gesellschaft benehmen muß. Früher war es allerdings anders; aber meine vielgeliMe Schwiege'rmama hat sich ja die größte Mühe gegeben, es mir einzutrichtern." Er lachte höhnisch. „Mer dennoch kann ich das Lachen nicht verbeißen, wenn ich daran denke, welcher Taugenichts und Hungerleider ich noch vor dreißig Jahren war! Wissen Sie auch — ich mache mir nichts daraus, es Ihnen zu sagen —, wenn ich mich cm einem so geschwollenen, aufgeblasenen Platz befinde, überfällt mich manchmal eine Furcht, daß ich dreißig Jahre zurückgeworfen und wieder das werden könnte, was ich damals gewesen. Hui, wie die Menschen staunen und tote Glotzaugen aufreißen würden! .Hier, stoß fest den Schubkarren, du fauler, müßiger Hund! Ich breche dir alle Knochen im Leib« entzwei, wenn ich durch deine Faulheit zu spät zum Jahrmarkt kommen sollte!' pflegte mein Brotherr zu mir ztt sprechen, wenn ich unter der Last des mit Lumpen, Knochen und altem Eisen beladenen Schubkarrens hintorkelte und zusammenzubrechen drohte! Wie brannte mein Gesicht, und wie führ schmerzte mein Rücken, wenn er nicht verdient hatte! Nein, wirklich, ich habe das kräftige Stoßen nicht vergessen! Oft und oft höre ich es noch in meinen Ohren gellen, und cs bedeutet für inich eine viel schönere Musik, als die hundert Fiedler dort oben machen können. Es kann mir keiner nachsagen, daß ich nicht kräftig im Leben gestoßen! Ich will nicht zu viel sagen, aber neugierig bin ich, ob der königliche Mensch dort nicht mit allen zehn Fingern danach greifen würde, wenn ich mein Bankguthaben mit dem seimigen tauschen wollte. Ja, ja, mein Freundchen, das ist ein feines Gefühl, sich alles kaufen zu können, was die Augen narr sehen: die Frauen, die Diamanten, alles . . . ." Er brach ab, als er nach der Loge blickte und Stellas Augen verführerisch auf sich gerichtet sah, die mit dem Taschentuch winkte. „Kommen Sie fort von hier," sprach er rauh. „Wir wollen etwas trinkein. Ich muß mich wieder ein wenig zusammenrütteln. Meine Jugenderin-nerumgen bringen mich immer aus Rand und Band." Klaßner, über die Veränderung in Burgers Wesen nicht wenig verwundert, folgte chm ohne Widerstreben. Er betrachtete ihn mit verdoppelter Aufmerksamkeit, mit einem ganz neuen Interesse. Es fiel ihm ein, daß es sich wohl lohnen würde, seinen Begleiter etwas eingehender zu studieren, als er es bisher für angebracht gehalten. Zum ersten Male fiel es ihm ein, mit einer solchen Deutlichkeit, daß es ihn fast überwältigte, daß der vorlaute, dreiste, prahlende und ungebildete Adolph Burger doch ein großer Künstler, ein großes Genie sei. Er war geschaffen, Reichtümer aufzuhäusen, und diese Gäbe hatte er bis zur Vollendung ausgenutzt. Das Vermögen, das er zusammengescharrt, war das Produkt vieler Eigenschaften, die wohl auf dinem anderen Arbeitsgebiet, trotz seiner unbedeutenden Persönlichkeit, nicht unbeachtet geblieben wären. Sein Wohlstand erforderte eine große Menge von geistiger und physischer Kraft, ein tiefes Eindringen in die Menschennatur, einen scharfen Einblick in weltliche Verhältnisse, ein schnelles Zugreifen im gegebenen Augenblick, ein vorsichtiges, intensives Lauschen, wenn eine Krisis bevvrstand. Es war nur ein Geburtsfehler, daß er nicht mit dem Verlangen nach Wissenschaft, macht mit einem künstlerischen Tatendrang auf die Welt gekommen. Wäre dieses der Fall, dann Hätte gewiß dieselbe Macht, dieselbe Hingabe, die er für seinen jetzigen Bertis verivendet, seinen Namen groß m:d breit im Buche der Weltgeschichte verzeichnet. Wie es aber nun war, hatte er das getan, zu dem er bestimmt wurde, und er hatte cs bis zur Vollkommenheit getan. Wenn jemand, dann war es Klaßner, der es am besten beurteilen konnte, was es heißt, klein anzufangen und doch Großes vollbringen. Er selbst, ehemaliger kleinstädtischer, unerfahrener und unwissender Knabe, hatte sich ja auch seinen Weg in sozialer und wissenschaftlicher Hinsicht gebahnt. Aber welche Energie und Willenskraft hatte er daran wenden müssen, ivie viele hungernde Tage und schlaflose Nächte hatte es ihn gekoster! Freilich hatte er in seinem Berufe keine solche Rolle wie Adolph Burger in dem seinigen erreicht; aber bas konnte auch gar nicht erwartet werden. Adolph Burger mit achtundzwanzig Jahren war auch noch nicht der Adolph Burger von heute. Aber darum handelte es sich ja auch gar nicht; die Hauptsache, auf die Klaßner jetzt sein Augenmerk richtete, war die Aehmlichkeit zwischen ihnen beiden; es schien ihm, als hätten sie beide dieselbe Atmosphäre gebraucht, beide eine gemeinsame Wurzel gehabt, einen gemeinsamen Nährboden. Er glaubte jetzt das Bindeglied gefunden zu haben, das ihn mit seinem Begleiter zusammenschmiedete: die Rassengemeinsamkeit, die wiederauftauchende Volkskraft, die beiden innewohnte. Der robuste Burger mit seinen roten Händen war für ihn bisher eine unerquickliche Bekanntschaft, jetzt aber wurde er seine Zwillingsseele, so daß er, von einem unterlichen, brüderlichen Drang getrieften, Burgers Arm in den {einigen legte, als sie zum Büfett hinübergingen. Burger setzte sich in eifrue Ecke und gab dem Kellner einen Auftrag. „Hier sind wir keinem im Wege," sprach er. „Seien Sie ohne Sorge," fuhr er fort, als Klaßner seine Uhr zog; „wir haben noch zehn Minuten Zeit. Sie müssen auch nicht böse sein, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich Sie mit einer bestimmten Absicht hierher gelotst. Ich hatte es mir schon lange vorgenommon, eine kleine Zwiesprache mit Ihnen zu halten, weil Sie ein Mann sind, mit dem es sich gut Plaudern läßt. Emo Zigarre gefällig?" Klaßner bediente sich aus dem goldenen Etui, und während er sie in Brand setzte, versuchte er, den Zweck dieser Vertraulichkeit zu erraten. „Schießen Sie los," ermunterte er Burger, drin er etwas näher rückte, tim ein lautes Sprechen unnötig zu machen. „Raten Sie mir, was ich tun soll," stieß Burger hervor. Klaßner konnte seine Ueberraschung bei dieser urwermittelten Frage nicht verbergen. „Ich meine natürlich Alice," sprach Burger, den Kopf nach der Richtung der Loge werfend. „Nehmen Sie mir meine Schärfe nicht übel. Ueberall weiß ich Rat, nur hier nicht, und das greift an." „Da müßte ich doch erst wissen, wohin Sie zielen." „Gewiß, das hatte ich vergessen. Mir ist die Tatsache so gut bekannt, daß ich unwillkürlich denke, alle Welt muß sie ebenfalls wissen- Klaßner, ich habe nicht geprahlt und nicht übertrieben, als ich vorhin sagte, daß ich mir alle Frauen kaufen könnte, wenigstens alle, die mir bisher über den Weg gelaufen. Alle umdrängten und belagerten sie mich, wie die Raben ein tvkes Kamel. Glauben Sie mir, ich könnte Ihnen ein ganzes Dutzend auszählen, die ich mir mit meinem Gelbe kaufen könnte. Nur sie nicht! Sie ist die einzige . . . Was wollen Sie denn?" rief er zornig, als der Kellner zu ihm hintrat. „Ach, so! Das hatte ich ja ganz vergessen." Etwas beschämt warf er dem Kellner ein Goldstück zu und winkte ihm ungeduldig ab, als dieser ihm etwas Kleingeld wiedergeben wollte. „In jedem Falle aber", fuhr er ivieder ruhiger fort, „aus unser beider Wohl!" Mit einem Zuge goß