Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 dieser Gedanke gefördert werden. Die Aufsätze, die wir veröffentlichen, werden in diesem Geiste gehalten sein. Die Redaktion. Die Aufsätze, aus denen wir Bruchstücke veröffentlichten, können nicht nur von jedem liberalen Juden unterschrieben, werden, sondern von jedem, der es mit seiner Glaubensgemeinschaft ernst meint. In diesen schweren Zeiten tun uns zwei Dinge not: Einigkeit und Vertrauen. Einigkeit im eigenen Lager, um unseren Gegnern, falls sie sich wider uns rüsten, gewappnet entgegentreten zu können, Vertrauen aus die Zukunft unserer Gemeinschaft und unseres Vaterlandes. Tie Zukunft ist trübe, aber es ziemt dem Manne nicht, ihr hoffnungslos entgegenzutreten, sondern er muß, trotz aller notwendigen Entsagung, dem Bedenklichen mutig ins Antlitz blicken und den Kampf versuchen gegen alle entstehenden Widerwärtigkeiten. 6. Eint drohende Gekahr und ihre Abwehr. Von Snnitütsrat Tr. Scher t> c f (Lisin i. P.). urch das schnelle Zurückfluten unserer Heere und die y überstürzte Demobilmachung drohen uns die Einschleppung und die Verbreitung von Seuchen, wie Fleckfieber, Malaria, Cholera, Typhus und Geschlechtskrankheiten. Dieser Gefahr gilt es mit allen Mitteln entgegenzutreten. In erster Linie sind die deutschen Aerzte berufen, bei dem Kampfe gegen diese Seuchen mitzuwirken und die Bevölkerung über die ihr drohende Gefahr zu belehren. Für sie und besonders für die so zahlreichen jüdischen Aerzte wird eine Studie von Interesse sein, die Professor Tr. Erich Martini, Marine-Generaloberarzt a. D., über die Fleckfiebersterblichkeit einer christlichen und jüdischen Bevölkerung in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift" (Berlin, 21. November 1918) aus dem Felde veröffentlicht. Er weist darin auf die allgemeine Annahme hin, daß die polnischen Juden unter dem Fleckfieber weniger zu leiden haben als die Christen, d. h. sie sollen weniger schwer erkranken als die letzteren und in geringerer Zahl als diese der Seuche erliegen. Professor Martini berichtet nun über seine Beobachtungen an 1164 Fleckfieberkranken, die zum weitaus größten Teile den ärmeren bis ärmsten Bevölkerungsklassen angehörten. Unter den Christen waren es vor allem Arbeiter, Kleinbauern, Kleinhandwerker, unter den Juden in erster Linie die Wanderbettler, sodann die Flickschuster, Flickschneider, Lumpensammler usw., die und deren Familien den Hauptteil der Fleckfieberkranken bildeten. Von den 1164 Kranken starben 170 an der Seuche, somit 14,6 Prozent. Die Zahl der erkrankten Christen, betrug 452, insgesamt mit 80 Sterbefällen, d. h. mit einer Sterblichkeit von 17,69 Prozent. Die Zahl der erkrankten Juden betrug 712, insgesamt mit 90 Sterbefällen, d. h. einer Sterblichkeit von 12,6 Prozent. Die Sterblichkeit der Christen an Flecksieber war also um 5 Prozent höher als die der Juden. Der Unterschied scheint, nach Martini, in einer gewissen Fleckfieberfestigkeit bei den Juden und Fehlen dieser bei den Christen zu liegen, wie ihm anderseits frühes Sichniederlegen der Kranken und schnelles Sichfreimachen von den Gedanken an die Sorgen dieses Lebens die Prognose des Fleckfiebers günstig zu beeinflussen scheinen. Wir wollen hier nicht weiter darauf eingehen, worauf Martini die Flecksieberfestigkeit bei den Juden zurückführt. Wir wollen aber darauf Hinweisen, daß in einer Belehrung, die jetzt vom Ministerium des Innern vorbereitet wird, folgende Mahnung enthalten ist: „Fleckfieber wird durch Kleiderläuse übertragen. Deshalb sorge jeder, der auf seinem Körper oder in seiner Kleidung Läuse bemerkt, schleunigst für Entlausung durch Baden und Desinfektion seiner Kleidung und Wüsche. Häufiges Baden und regelmäßiger Wechsel der Wäsche sind der beste Schutz gegen Verlausung und damit auch gegen Fleckfieber — wenn äußerste Vorsicht auch sonst gegenüber Fleckfieberkranken und -verdächtigen beobachtet wird, die sofort aufs strengste abzusondern sind." Vorsicht und Absonderung, Reinlichkeit und Desinfektion sind nicht nur bei dem Fleckfieber (oder, wie man es früher nannte: Hunger- oder Kriegstyphus), sondern auch bei den übrigen genannten Krankheiten die erste Bedingung zu ihrer Vermeidung. Noch niemals während des Krieges ist die Seuchengefahr so groß gewesen wie jetzt. Aber die altbewährte Hygiene bei den Juden wird dazu beitragen, sie zu überwinden. agüMjgjgff Hedem das Seimge. (31. Forts.) Roman von M. P ulver ma n n. Benehmen dieses Mannes war so, daß man schwer \ ' sagen konnte, ob er sich über die ganze Gesellschaft hier hocherhaben dünkte und es ihm eine große Ueberwindung kostete, in deren Nähe zu weilen, oder sich als Eindringling fühlte und sich darum Bescheidenheit und Zurückhaltung auferlegen muß. Für Klaßner aber war Burger die interessanteste Persönlichkeit der ganzen Gruppe. Man hätte ebenso viel Humor als Ergebenheit aus seinen Blicken schließen können, mit denen er Alices Bewegungen und Ausdrücke beobachtete, wie er jede ihrer Aeußerungen in sich anfznnehmen suchte, während er gar kein Hehl daraus machte, daß vieles, was sie sprach, für ihn böhmische Berge waren. Vielleicht war es diese Wahrnehmung, die Klaßner in der zweiten Pause veranlaßte, Burgers Aufforderung zu einen Rundgang anzunehmen, was sie trotz Stellas Schmollmüulchen doch taten, wobei Frau Mahlow geschickt einzurichten wußte, daß Dr. Jarvis seinen Platz behielt und ihn sogar als Muster der Galanterie hinstellte, dem es gar nicht einfiel, die Damen sich allein zu überlassen, was gewisse Herren sich zum Vorbild nehmen könnten. Burger und Klaßner begaben sich nach dem Korridor, bis zu dem Eingang nach dem Erfrischungsraum. Klaßner nahm Burgers Arm und zo ihn mit sich hinein. .Kommen Sie, wir wollen sehen, wie es von unten aussieht." Burger 'folgte ihm zögernd, und sie blieben hinter der letzten Stuhlreihe stehen, von wo aus sie den ganzen imposanten Raum überschauen, konnten. Einen Augenblick waren sie wie geblendet: die Lichterfülle von der Decke, das Glitzern und Funkeln der Edelsteine auf allen Seiten, alles schien sich zu einer blendenden Flamme zu vereinigen, so daß sie die Augen schließen mußten, als wären diese plötzlich unfähig geworden, noch ferner als Sehorgane zu dienen. Klaßner kam erst wieder zu sich, als er einen gurgelnden Laut aus Burgers Munde vernahm. „Meiner Treu, das macht einen ganz stolz!" rief er, sich den Schweiß von der Stirn trocknend. „Ja, es ist ein grandioser, ein überwältigender Anblick," bestätigte Klaßner. Burger aber fuhr leidenschaftlich fort: „Wie muß ich doch in meinem Leben geschafft haben, um hier sein zu können! Mir ist es so, als könnte ich den gangen Krempel hier kaufen und in meiner Tasche wegtragen: alles, die Frauen, die Edelsteine und den Schwätzer dort oben in der Königlichen Loge noch als Zugabe!"