Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
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irntjj. Wie ganz anders aber "gestaltet "sich das Verhältnis, wenn die Vernunft dem Gefühle seine Grenzen steckt, wenn dem unendlichen Gefühle das unendlich weite Reich der Moral und der Kunst, der Wissenschaft und Technik, der sozialen Fürsorge und der internationalen Wohlfahrtspflege zugewiesen wird! Hier eröffnet sich dem religiösen Gefühle ein Feld der Betätigung, das gar nicht weit genug abgesteckt werden kann. Hier gibt es keine Trennung mehr zwischen Kultur und Religion, zwischen Volk und Volk, zwischen Mensch und Mensch, sondern alles wird nur von dem Gedanken der Menschenliebe und Menfchenvevbrüderung getragen. Damit sind wir bei jenem religiösen Hochziele angelangt, das in dem Gedanken des prophetischen Messianismus zuin erstenmal seine Formulierung gefunden hat. Denn die Einheit der Menschen, die der Einheit der Gottheit entspricht, ist nur auf dem Wege realisierbar, daß alles Menschliche von dem göttlichen Hauche des religiösen Gefühls belebt und erhalten wird. Aber das Allgemein-Menschliche muß in der Religion den Oberbegriff bilden, nicht Las Persönlich-Individuelle. Das Allgemein- Menschliche muß durch das Gefühl individualisiert und personifiziert werden, aber das Religiös-Individuelle darf nicht zum Allgemein-Menschlichen erweitert und erhoben werden, um an die Stelle der Vernunft das Gefühl!treten zu lassen. Es gibt nur eine Ethik und viele Religionen, sorgen wir dafür, daß nicht durch Ueberspannung der Gefühlsansprüche die eine Ethik von den vielen Religionen verschlungen werde. Das Judentum kann um so leichter dieser Ueberwertung des Gefühls ontgegentreten, als es "angesichts seines reichen, sittlichen Inhalts an Ideen und Einrichtungen niemals in die Gefahr einer ethischen Verarmung und Entblößung geraten kann, wohl aber gewinnt es gerade bei einer ständigen Kulturisierung seiner Psyche eine um so stärkere Selbstentfaltung und Selbstbehauptung. Wer aber dennoch in einer solchen Kritik des Gefühls durch die Vernunft das Gespenst einer Auslösung und Zersetzung sieht, wer in der aufrichtigen und rastlosen Kulturkritik gegenüber dem Judentum dessen Auslieferung an eine zügellose Freiheit erblickt, der möchte nur andere für den Bankerott verantwortlich machen, den er am eigenen Ich dank seiner Gesühlsreligion erlitten hat." Ganz besonders zeitgemäß ist der Schlußaufsatz: „Entsagung". Nachdem Coblenz von dem Wesen der Entsagung gesprochen, erzählt er folgende Geschichte: „Gewiß ist es nicht leicht, in diesem Sinn Entsagung zu üben. Aber daß es möglich ist, habe ich vor wenigen Wochen erst wieder erfahren dürfen. Ich besuchte einen Freund im Lazarett, der verwundet aus dem Felde hierher gebracht war. Neben ihm lag ein junger Offizier, dem fehlte der rechte Arm. Als ich das sah, war ich im Innersten bewegt. Es tat mir weh um das zerbrochene Lebensglück. Dann aber sprach ich mit dem jungen Menschen, und etwas wie Ehrfurcht zog durch meine Seele. Denn so innerlich ruhig und selbstsicher, fast möchte ich sagen, mit einer solch innerlichen Heiterkeit habe ich noch selten einen Menschen über sein eigenes schweres Schicksal sprechen hören. Nichts von Klage und Verbitterung, sondern nur ein schlichtes, selbstverständliches Sichabgefundenhaben und, darin wurzelnd, die unbedingte Zuversicht: ich werde mir mein Leben schon wieder aufbauen. Das ist Entsagung, die die Verhältnisse meistert." Dann gibt er eine Ausführung, die wir wörtlich unterschreiben können: „Manche werden freilich denken: solcher Menschen gibt es nicht viele. Denn solche innere Heiterkeit ist ein Gnadengeschenk von Gott. Wer es besitzt, ist innerlich reich, doch niemand kann es sich geben. Das ist richtig. Eins aber haben wir doch alle mit dem jungen Offizier gemein, müssen wir mit ihm gemein haben, iveil es menschlich ist: die Fähigkeit der Selbstzucht, durch die wir unseren inneren Menschen zwingen. können, daß er sich schaffend der Wirklichkeit einfügt, anstatt ihr verbittert zu trotzen. Alle Entsagung aber hat zur Voraussetzung, daß wir auch über unser Einzelleben hinaus an die Zukunft glauben. Verbitterte Menschen haben den Zukunftsglauben verloren, echte Entsagung bleibt immer zukunftsfroh; sie behauptet selbst in trüber Gegenwart ihren lebenbejahenden Optimismus, weil sie von der freudigen Gewißheit erfüllt ist: das, wofür du dein ganzes Leben eingesetzt hast, wird nach dir einmal zur Vollendung reifen. In dem unerschütterlichen Glauben an die aufsteigende Entwicklung liegt die tiefste Kraft der Entsagung. Etwas von diesem zukunftsfrvhcn Glauben der Entsagung muß jeder von uns in seiner Seele lebendig erhalten. Denn wie unser Schicksal sich auch gestalten mag, das eine ist unser aller Los: wir werden alt. Und alte Menschen müssen besonders "entsagungsstark sein. Sie müssen sich allmählich in den Gedanken hineinfinden, daß ihre Zeit bald abgelaufen ist und neue Menschen an ihre Stelle treten. Nur der zukunftsfrohe Glaube kann die Entsagung des Alters vor Verbitterung bewahren. Wenn du bei dir weißt: du hast in deiner Zeit und an deinem Platz getan, was du konntest; du bist in deiner Zeit und an deinem Platze den Menschen etwas gewesen: dann wirst du den Verzicht, den das Alter dir auferlegt, mit heiterer Seele tragen. Tenn du hast ja den Zweck deines Lebens erfüllt, wenn du als Gegenwartsmensch für die Gegenwart gewirkt hast. Du hast dann den Boden bereiten helfen, aus dem die Zukunft emporwüchst; du bist ein Teil des Fundamentes geworden, auf dem die Späteren weiterbauen. Sie können deiner nicht entraten. Darin liegt das wehmütige Glück alter Leute: sie begreifen die Vergänglichkeit ihres Einzellebens als notwendiges Schicksal, aber sie fühlen sich gehoben durch die innere Gewißheit, daß aus der Arbeit ihres Einzellebens Bleibendes für die Zukunft reifen kann. Die Entsagung des Alters ist die Entsagung der Vergänglichkeit, die an das Ewige glaubt. Heute freilich ist es für uns alle schwer, den Glauben au die Zukunft zu bewahren. Die bittere Not des Krieges hat in manchem von uns diesen Glauben erschüttert; denn die Träger unserer Hoffnung stehen seit vier Jahren im Felde. Viele von ihnen kommen nicht tvieder, und viele, die wiederkommen, sind alt vor der Zeit. Trotzdem fordern wir den festen Zukunstsglauben, der sich durch nichts irremachen läßt. Mögen immerhin viele Tausende von denen, die in Feindesland kämpfen, die. Erhaltung unseres Vaterlandes mit dem Glück ihrer Jugend bezahlen, Millionen kehren als Männer zurück, die nun erst recht die Größe ihrer Verantwortung fühlen. Denn hinter ihnen wächst schon wieder ein neues Geschlecht empor: die unmündigen Kinder von heute, die auch einmal reise Menschen werden. Um ihretwillen muß unser Geschlecht Entsagung üben; um ihretwillen verlohnt sich's, die schweren Opfer zu , bringen. Um ihretwillen müssen wir den harten Kampf zu Ende kämpfen, denn sie sind die Träger der neuen Zeit. Als Schrittmacher und Vorarbeiter der Zukunft wollen wir, die Alten, und die Jungen, ohne Verbitterung die Aufgabe erfüllen, die Gott uns zugewiesen hat. Entsagung ist das schwere Schicksal unseres Lebens." Schließlich nehmen wir gern Akt von einer Erklärung der Redaktion, die folgendermaßen lautet: „Auf verschiedene Anfragen erwidern wir, daß unsere „Mitteilungen" sich selbstverständlich in den Dienst des allgemeinen liberalen Judentums stellen. Wie wir uns bewußt sind, durch unsere Bestrebungen dem einen großen liberalen Gedanken zu dienen, so soll auch durch unsere „Mitteilungen"