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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-21 · Heft 8 (21.2.1919) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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80 -- lütb Arrbauen. Für ihn hatte «der Genius der Geschichte einen Zanuskopf, mit dem nach rückwärts gewandten Blick auf >der einen und dem jugendlichen, der Zukunft entgegenspähenden Gesicht aus der anderen Seile. Keine Veröffentlichung unserer Gesellschaft, die nicht die Spuren seines Einflusses zeigte, die Wohltat seines guten Rates, die Früchte seines vielseitigen Wissens! In dieser Trauerversammlung ist keiner, dessen Herz nicht beredter, als ich es vermag, vom Wert des Dahingeschiedenen, von der Liebe und Verehrung für ihn Zeugnis ablegt. Wenn ich dennoch so schwer von diesem Sarge mich trenne, ist's nur, weil wir alle den Abschied hinauszögern, die Trennung hinausschieben nröchten. War doch auch der Gesellschaft für Theatergeschichte keine Zeit gegönnt, sich auf diesen schweren Verlust vorzubereiter^ sich zu gelvöhnen an den Gedanken, daß ihr llrheber und Leiter ihr entrissen werden konnte. Nun er von uns scheidet, bleibt uns nur die Erinnerung an einen treuen Führer und Förderer, eilten fleißigen, fruchtbaren und gütigen Leiter unserer Gesellschaft. Sie wird ihm ein unauslöschliches, dankbares Andenken bewahren. Rede des Sohnes des Verklärten, Dr. Arthur Gel ge r: Nun bist du von uns gegangen, viel früher, als wir es gedacht. Wir können dir nur noch ein Lebewohl zurusen, doch nicht ein letztem. Tenn ba* Bild, das wir von dir im Herzen tragen, es wird in uns leben und mit uns vertraute Zwiesprache halten. Ich bin nicht berufen, das Werden und Wirken unseres geliebten Vaters zu schildern; ich bin nicht imistande, ein umfassendes Bild seiner Persönlichkeit zu entwerfen; ich will nicht das traute Geheimnis unserer Freundschaft enthüllen, aber ich will versuchen, in wenigen Worten uns zurückzurufen, was er uns, den Seinen, war. Ter Schlüssel seines Wesens war die Liebe. Liebe zum Leben und zu der Kunst, die es verschönte, Liebe zu seiner Ueberzeugung, Liebe zur Arbeit und Liebe zu dem eng gewordenen Kreis feiner Freunde und Verwandten. — Liebe zu seiner Ueberzeugung. Unwandelbar bis zum letzten Tage hielt er fest an dem, was er als wahr erkannte. Er verstand es nicht, Konzessionen zu machen. Dem Ziel, das er als Teutfcher und Jude als das einzig erstrebenswerte erschaute, schritt er zu mit fugendlicher Begeisterung, Gesinnungsgenossen sortreißend, Feinde abschütteitnd, ohne Rücksicht auf die eigene Person, Mehr als der Augenblickserfolg galt ihrn das Durchfetzen des Gedankens. Nicht die Anfeindungen der Gegner, nicht die Verständnislosigkeit der Kleinlichen, nicht der Schaden an eigener Stellung konnte ihn hindern, unbeirrt für seine Ueberzeugung zu kämpfen, getreu seinem Wahlspruch: Die Wahrheit mutz yenur. Liebe zur Arbeit. Bis zum letzten Tage tat er seine Pflicht. Tie Arbeit war ihm ein Lebensbedürfnis, nicht ein Mittel, sich Ruipa zu schaffen. Wie glücklich machte ihn fever literarische Fund, »m freute ihn jcbc Anerkennung, nicht, weil sie seine Eitelrett befriedigte, sondern weil er in seiner unendlichen Anspruchslosigkeit und Descheivenhett fedes Zeichen der anerkennenden Teilnahme als Ansporn ansah zu neuer Tat. Liebe zum Leben uut> zu der Kunst, die es verschönte. Er schloß sich nicht ängstlich in sein Arbeitszimmer ein. Wie er es verstand, Freude zu verbreiten, so besaß er die Gabe, an den Freuden des Lebens, die er als wahr ulio rein erkannte, voll geniepend teilzunehmen, alles Edle und Schölle verehrend, alles Gemeine verachtend. So schloß er auch alle Enttäuschungen in sich ein, weil er nicht anderen nüt seinen Sorgen zur Last fallen, weil er in Schönheit uno Reinheit leben wollte. Liebe zu den Seinen. Er verstand die Kunst des Beglückens mit Worten, Mienen und Toten. Zeder, der ihm nahestand, muß die Ueberzeugung haben, daß ein Fältchen seines Herzens nur ihm bekannt sei, jeder wachte über eine n seiner unzähligen liebenswürdigen Züge, weil er meinte, daß er nur ihnr gehöre. Mit seiner lieben, glättenden Hand verstand er unsere kleinen Schmerzeri zu verscheuchen, und unsere Freude am Gelingen konnte erst durch sein Mitfreuen zur ivahren Freude werden. Das überzeugende Miterleben, das bewußte, aus tiefstem Herzen kommende Erfreuenwollen gestaltete sich bei ihnr aus einer natürlichen Gabe zu einer wunderbaren Kunst. So schritt er seine Bahn, getreu in den schönsten menschlichen Dingen: in der Liebe zu den Seinen, getreu seiner Ueberzeugung imb getreu in der Arbeit, nicht wie ein trockener Stubengelehrter, sondern frisch uild lebendig bis ZilM letzten Tage — freudig wie ein Held zum Siegen. Wohl haben bu letzten Monate ihm die schwersten Enttäuschungen bereitet, wohl har tt vieles, was er erstrebte, nicht erreicht; aber die Flamme der Liebe und Begeisterungsfähigkeit, die er iin Herzen seiner Getreuen entzündete, sie wird nicht erlöschen. Nun bist du von uns geschieden. Friedlich schlummernd, Güte und Milde in den geglätteten Zügen, wie wir dich zuletzt sahen, wird dein Bild uns umschweben, ein schützendes Heiligtum in allen Widerwärtigkeiten des Lebens, ein köstlicher unnehmbarer Schatz. Lebe wohl. Unter den Klängen eines Chorliedes wurde der Sarg zur Gruft getragen, in welcher der Vorstand der Jüdischen Gemeinde seinem verdienstvollen Mitarbeiter ein Ehrengrab gewidmet hat. Rabbiner Dr. Hochfeld sprach die traditionelle Liturgie , dann vereinte das Kaddisch-Gebet die Leidtragenden und das Trauergefolge noch einmal in der Bethalle. Mitteilungen der Mdilchen Nrfarmgemklnüe?u Lrrlm Ar. 2. ie zweite Nummer dieser Hefte ist schon am 31. August erschienen, mir aber erst Mitte Oktober zugegangen. Ich hatte dieses zweite Hest für so bedeutsam, daß ich mich mit einer bloßen Beurteilung nicht begnügen will, sondern größere Auszüge unseren Lesern mitteile. \ Auf den Hauptartikel I. Lehmanns: «Wie entstanden die ö Bücher Moses?" will ich nur kurz Hinweisen. Er charakterisiert die Bücher als Sammelwerk, nimmt als Zeit der endgültigen Redaktion etwa das Jahr 450 v. Eh. an und bezeichnet diese Redaktion als eine Zusammenschließung der in verschiedenen Jahrhunderten mannigfachen Auszeichnungen. Coblenz, der als verantwortlicher Redakteur des Blattes zeichnet und mehrere Beiträge beigesteuert hat. plädiert für obligatorischen Religionsunterricht und saßt seinen Vortrag in folgende Worte zusammen: „Der jüdische Religionsunterricht wird auch für die Oberklassen der höheren Lehranstalten obligatorisch mit der Einschränkung, daß jeder Schüler, der sich in seinem Gewissen vedrückt fühlt und einen anderen gleichwertigen Religionsunterricht nachzuweisen vermag, ohne Formalitäten von dem Unterricht an der Schule befreit werden muß. Aufgabe der verschiedenen Richtungen innerhalb des Judentums wird es dann sein, für die Kinder ihrer Kreise Unterrichtskurse einzurichten, deren unentgeltlicher Besuch allen Gleichgesinnten sreisteht." Ein Ungenannter charakterisiert den modernen Gottesdienst. Er hält für ihn die Mutter-, d. h. die deutsche Sprache für notwendig, fordert für die Gebete nicht bloß den oratorischcn Vortrag des Vorbeters, sondern will „den wichtigen Teil der Gebetstücte der stillen Andacht" zuweisen. Er gibt dem Gesang eine Hauptstelle, verlangt aber, daß daneben der Chorgesang der Gemeinde stärker in Erscheinung trete, und legt einen Hauptwert aus die Predigt, für die er das gute Wort findet: „Jede gute Predigt muß eigentlich eine Zeitpredigt sein." Die wichtigsten Aussätze des ungemein anregenden Heftes sind der erste und der letzte. Der erste: „Gefühlsreligion und Vernunstreligion" kommt nach einer gedankenreichen Darlegung über Form und Inhalt der Religion, nach bemerkenswerten Auseinandersetzungen, wie nachteilig die einseitige Gefühlsreligion aus dein Gebiete der vergleichenden Religionswissenschaften wirke, zu folgendem Schluß, den wir in seiner ganzen Ausdehnung hier folgen lassen: „So müssen wir denn nach all dem Erörterten zu der Ueberzeugung gelangen, daß der Kultus einer einseitigen Gefühlsreligion zu einer Auflösung und Zersetzung aller Kultur führen

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