Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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79 den nächsten materiellen Sorgen, «die noch durchschauert ist von den furchtbaren Erlebnissen der schrecklichen Kriegsjahre und es als ihre erste Aufgabe betrachten .muß, die Folgen des ungeheuren Rückschritts, den die Menschheit getan hat, für die Völker und für die einzelnen weniger fühlbar zu machen. Vielleicht wird von Weimar, jener Stätte, der Ludwig Geiger mit seiner ganzen Liebe zugetan und mit spürendem Forschersinn geistig nahegekommen war, vielleicht wird von dort eine Neubelebung unseres von ihm so sehr geliebten und jetzt so tief daniederliegenden deutschen Vaterlandes ausgehen. Goethe, dessen Namen unserem Toten heilig und dessen Erbe von ihn: treu verwaltet und vermehrt worden ist, hat jene Stätte geweiht. Vielleicht wird sich -an ihr eine Neugeburt der ganzen Menschheit vollziehen, eine Neuausrichtung der Ideale, für die Ludwig Geiger gelebt und gestritten hat, vor allem eine Einigung derer in Liebe und Brüderlichkeit, die sich bisher in Haß und Feindschaft gegenübergestanden haben. Ludwig Geiger hat das nicht mehr erlebt, aber die Morgenröte einer neuen Zeit Haler heraufdämmern sehen, während er selbst sich damit begnügen mußte, für sie zu kämpfen. Das aber ist ja unsere Aufgabe aus Erden: für alles das mit unserem Herzblut einzutreten, was uns groß und schön, edel und erhaben dünkt. Das hat Ludwig Geiger getan, und -darum wird auch er an die Pforte jener unbekannten Welt mit den Worten klopfen dürfen, die der Dichter dem Erdenwaller nach einem solchen Leben in den Mund legt: Nicht so vieles Federlesen, Laß mich immer nur herein. Denn ich bin ein Mensch gewesen. Und das heißt ein Kämpfer sein! Ruhe aus von deinem guten Kanrp.se, Ludwig Geiger, wir -aber werden dir ein dauerndes, treues Gedenken bewahren. Rede des Dozenten I» Elbogen: Hochgeehrte Trauerversammlung! An dieser Bahre trauert auch die Wissenschaft des Judentums — ein Stiefkind des Glückes —, das in dem Verewigten einen väterlichen Freund, einen Förderer von aufopfernder, liebevoller Hingabe besaß. Alle Organisationen, die sich unvoreingenommen und methodisch ihre Pflege zur Aufgabe machten, fanden in ihm einen treuen Berater, einen sachverständigen und tatkräftigen Mitarbeiter. Durch besondere Bande der Liebe aber war er mit unserer „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" verknüpft, die Abraham Geiger mit Stolz zu ihren ersten Lehrern zählt und sich bestrebt, den Geist des kühnen Forschers in ihrer Mitte festzuhalten. Es ist bereits des einzigartigen Verhältnisses Ludwig Geigers zum Andenken seines Vaters Erwähnung geschehen. Wer dieses Beispiel aus der Nähe beobachtete, konnte lernen, was echter Seelenadel bedeutet. Unser Verklärter betrachtete den Ruhm des Vaters nicht als ein bequemes- Ruhekissen, sondern als große Verpflichtung für das ganze Leben, als heiliges Vermächtnis, die Grundsätze, für die Abraham Geiger gelebt und gestritten, zu verfechten, ihnen die Anerkennung zu erkämpfen. Der Name Geiger bedeutete für ihn ein Programm, für dessen Verwirklichung er sich mit voller Kraft, mit glühendem Eifer einsetzte. Nicht daß er sich an eine Reihe fester Formeln und unverrückbarer Lehrsätze gebunden hätte, dazu war Ludwig Geiger -in seinem Denken zu selbständig, zu unabhängig. Aber in seinen Grundzügen entsprach dieses. Programm seiner Weltanschauung; bei aller Freiheit war er ein gläubiger Mann, von den Grundwahrheiten des Judentums im innersten Wesen erfüllt, tief durchdrungen von der Ueberzeugnng, daß das Judentum in seiner liberalen Auffassung dazu berufen -ist, die Menschheit der höchsten Vollkommenheit entgegenzuführen. Und neben seiner Ueberzeugnng hielt ihn die Pietät bei diesem Programm, die Pietät, die seine Seele beherrschte und fein Seelenleben tiefer beeinflußte, als -es den Anschein hatte. Er wäre kein Historiker gewesen, wenn er nicht von Pietät und Ehrfurcht durchdrungen gewesen wäre — aber wer ihn kannte, der wußte, welch zartes Gefühlsleben, welch reiches Gemüt in ihm waltete, daß neben dem klardenkenden Verstände ein warmfühlendes Herz ihn leitete. Weil sie ihm U eb e r z e u g u ngs - und Herzenssache waren, opferte der vielbeschäftigte Gelehrte den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft so viel Kraft und Zeit. Er war ein vorbildlicher Mitarbeiter in jeder Verwaltung, jederzeit arbei'tsfveudig, immer fachlich, auf positives Schaffen bedacht. Er hat in unserer Lehranstalt als Gelehrter und als akademischer Lehrer in den grundlegenden Fragen des Lehrbetriebs und der Dozentenberufung ein gewichtiges, wenn nicht ausschlaggebendes Wort gesprochen; er hat in allen Kommissionen, denen literarische Aufgaben zugeteilt sind, die Last der Arbeit auf sich genommen, angeregt und angetrieben; er hat durch sein beredtes und begeistertes Wort die Anstalt häufig nach außen vertreten. Aber Ludwig. Geiger war nicht nur ein Freund und Verwalter unserer Wissenschaft, er war auch ihr tätiger Mitarbeiter. Als echtem Jünger Goethes war ihm die Wissenschaft „des Lebens Kraft", von seiner Arbeit mußten innere Fäden zu seinem Herzen führen. Er nimmt unter den Forschern jüdischen Glaubens eine einzigartige Stellung darin ein, daß er in feiner langen wissenschaftlichen Laufbahn niemals an einem jüdischen Stoff vorübergegangen ist; von seiner Abschiedsrede als Abiturient bis zu seinem letzten Arbeitstage hat er der jüdischen Geschichte und Kulturgeschichte seine Aufmerksamkeit gewidmet, sie durch wertvolle Beiträge bereichert. Einige seiner wichtigsten Werke betreffen unser Gebiet. Die von ihm begründete „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" gehörte zu den vorzüglichsten, die unsere Wissenschaft je besessen; als unermüdlicher Schatzgräber hat er durch Veröffentlichung zahlreicher handschristlichen Quellen unsere Geschichtskenntnisse erweitert. Deutschtum und Judentum zu vereinen, war sein Streben; er hat in seiner wissenschaftlichen Arbeit dieses Ziel erreicht, wie in der deutschen, so in der jüdischen Literaturforschung sich unvergängl i ch e Verdi e n st e erworben. Unerwartet, mitten aus der Arbeit heraus ist Ludwig Geiger von uns geschieden — er geht zur ewigen Ruhe ein, uns läßt er in tiefer Trauer zurück. Wir werden ihn vermissen, den treuen, selbstlosen Helfer, wir werden vermissen den wohlwollenden, herzlichen, jede Arbeit neidlos anerkennenden Freund. Wir werden in fein helles Auge nicht mehr blicken, sein freundliches Wort nicht mehr hören, aber sein Bild werden wir -im Herzen tragen, es wird unvergeßlich in unserer dankbaren Erinnerung fortleben! Aeußerlich bleibt sein Name nrit der Anstalt durch die Stiftung verbunden, die Freunde und Verehrer anläßlich seines siebzigsten Geburtstages errichtet haben, die er neben der ihm gewidmeten Festschrift als das Schönste unter den ihm geweihten Geschenken betrachtete, aber unauslöschlich ist die Dankbarkeit in unserem Inneren! Du hast dein ganzes Leben lang unermüdlich gearbeitet, „süß sei dir der Schlaf des Arbeiters"! Ruhe sanft! Rede des Chefredakteurs 3- Landau: Verehrte Trauerversammlung! Gestatten Sie auch der Gesellschaft für Theatergeschichte einen kurzen Abschied, einen schmerzlichen und wehmütigen Abschied von ihrem Schöpfer, ihrem Begründer und Führer. Freilich empfinden wir dabei auch ein beklemmendes Gefühl der Beschämung .darüber, daß die Mutter unserer Trauer die Selbstsucht ist. Er, der hier von uns scheidet, hat an der Welt nicht viel, die Welt hat desto mehr an ihm verloren. Wir befinden uns in einer Zeit, in der das Leben schwer und das Sterben leicht gemacht wird und in der nur diejenigen, die noch auf ihr wandeln, den Wunsch hegen, daß ihnen die Erde leicht sei. Ludwig Geiger, der hier von uns geht, hat nach einem durch das Heim wie durch die Arbeit beglückten Leben ein glückliches Ende gesunden, ohne langen Schmerz und langes Siechtum, und der Tod hat ihm förmlich die Feder aus der Hand geschlagen. Wenige Stunden vor seinem Tode noch äußerte er die Absicht, der gestrigen Vorstandssitzung der Gesellschaft für Theatergeschichte beizuwohnen, ihr zu präsidieren. Ter Tod ist ihm hindernd in .den Weg getreten, und heute steht die Gesellschaft für Theatergeschichte verwaist, verarmt da, sie, die er vor 17 Jahren ins Leben gerufen und die er seitdem unermüdlich, hingebungsvoll geleitet hat. Zu den wenigen Förderern dieser jüngsten Wissenschaft, deren einer heute auch in unserer Mitte trauernd an der Bahre steht, gehörte in erster Reihe Ludwig Geiger, und sein sprichwörtlich gewordenes Finderglück, ein Glück, von dem das Goethesche Wort gilt: „Wie sich Verdienst und Glück verketten, das sehen die Toren niemals ein", kam den Veröffentlichungen der Gesellschaft vielfach zustatten. Dabei war für Ludwig Geiger die Geschichte, auch die Theatergeschichte, nicht ein Wühlen in Gräbern, sondern ein Anpflanßen, ein Säen 0