Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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Gefühl heiliger Verpflichtung, das ihn beseelte, auf jene* Müssen und Nichtanterskönneri, das wir als Religion im edelsten Sinne bezeichnen dürfen. Darum gebührt dem Entschlafenen der Kranz, den der Psalm-ist dem Frommen flicht und der -auf seinen Blättern die Worte trägt: „Die Lehre Gottes war -in seinem Herzen, nicht wankten seine Schritte." — Die Lohre Gottes war in seinem Herzen. Wenn wir also von dem Verewigten sprechen, so haben wir das allbeherrschende Motiv genannt, das ihn antrieb, der Wissenschaft und der Wahrheit von Jugend an zu dienen und daneben seine Zeit, Kraft und hohe Begabung der äußeren und inneren Hebung seiner Religionsgenossen zu widmen. Wer die Wissenschaft Pflegt, wie er es getan hat, frei von Tendenz, fern von aller Parteilichkeit, nur erfüllt von dem Drange, zu lernen und zu lehren, unermüdlich im Forschen, Kombinieren und Darstellen, in dem loht eine Flamme, die aus einer höheren Welt des Geistes ihre Nahrung empfängt. Und wer nrit solcher Wärme seinem Glauben zugetan ist, daß er für sein Recht und seine Freiheit, seine Hoheit imb seine weltgeschichtliche Mission in Wort und Schrift, ohne auf Tank zu rechnen, ein ganzes Leben hindurch eintritt, den darf man fürwahr zu den Frommen rechnen, wenn er auch mit der förmlichen Bekundung seiner Frömmigkeit zurückgehalten hat. In sein Herz gepflanzt aber war diese Gebundenheit an einen höheren Willen durch seinen ehrwürdigen Vater, unseren Abraham Geiger, der selber das Vorbild des deutschen Inden ganzen Generationen verkörpert hatte, und der ein unerschrockener Kämpfer für Wahrheit und Recht, für politische und kulturelle Befreiung gewesen war. Das Bild des Vaters, des großen Gelehrten, des kühnen Reformators, des rastlosen Arbeiters, des hinreißenden Redners hat dieser Sohn unauslöschlich in sich getragen, seinem Andenken hat er zeitleberrs gedient. Weil aber die Lehre Gottes in seinem Herzen war, darmn wankten nicht seine Schritte. Sie erlahmten sticht, wenn sich ihm Widerstände in den Weg stellten; sie wurden nicht unsicher, wenn sich Ruhm und Ehre auf sein Haupt häuften. Er war kein Freund von seilen Kornprvmissen, kein Opportunist, d-ern Macht vor Recht ging, kein Schwächling, der der jeweiligen Größe des Tages huldigte. Was ihm als heilig galt, dem bewahrte er Treue sein Leben lang, seine Ueberzeuguugen durchglühten ihn bis zum letzten Atemzuge. So hat er, der begeisterte Patriot, schwer gelitten, als der Stern seines Vaterlandes im Erbleichen war: er hat seinem seelischen Schmerz oft erschütternden Ausdruck verliehen, aber er hat die Hoffnung auf die Gesundung und Wiederherstellung seines Volkes nicht anfgegeben. Er blieb auch beharrlich in seiner Arbeit an der innigen Verbirrdung deutschen und jüdischen Geistes, als nationaler Ueberschwang auf beiden Seiten die Berechtigung und das Gelingen dieser Arbeit nicht zugestehen wollte. Und er hielt treu zur Fahne des religiösen Liberalismus auch zu einer Zeit, da dieser Liberalismus unpopulär war und Konservatismus sowohl wie Religionsfeiudschaft sich seinen Absichten unzugänglich zeigten. Wenn ihn noch etwas in dieser Treue und Beharrlichkeit gestärkt hat, so war es die jahrzehntelange, niemals getrübte Freundschaft mit seinen: Schwager, unseremunvergeßlichen Hermann Veit Simon, der, den gleichen Idealen ergeben, ihn: durch ausdrückliche oder stille Zustimmung die Gewißheit schuf, daß er auf dem rechten Wege war. Verzeiht, liebe Leidtragende, daß ich erst jetzt das Wort an euch richte, die ihr mit dem Heimgang des Entschlafenen den schwersten Verlust erleidet! Aber ihr habt ja an seinem innersten Wesen so viel Anteil gehabt, daß alles, was ich bisher ausgeführt habe, auch für euch galt. Ja mehr noch, ich weiß, daß ihr ihm Stab und Stütze gewesen seid in seiner Jugend, in den rüstiger: Mannesjahren und irr: Alter. Ihr wäret die Vertrauter: seiner Neigungen, die Spender seiner äußeren und inneren Behaglichkeit; in eurem Kreise wie irr: Kreise der Freunde entfalteten sich auch die zarten Seiten seines Wesens, seine Gemütstiese, seine Feinsinnigkeit, seine entzückende Gabe der Unterhaltung und -des Gedankerraustarrsches. In eurem Kreise, irr seinem Heim, das ihr ihrrr schmücktet, hat er die Feierstunden seines Lebens durchkostet, die Hochzeiten der Kinder, seine eigenen Jubiläen. Im Spiel mit seinen Errkeln wurde er wieder jung; in froher Geselligkeit, rare er sie liebte, konnte er Streit und Leid ganz und gar vergessen. So bleibt stark und aufrecht, wenn seine sterbliche Hülle für immer der: Augen entsinkt, und vereinigt euch mit urrs in dem Trost, den ein köstliches Besitztum auch in der Erinnerung gewährt! Du aber, teurer Verklärter, empfange arrs meinem Munde den Dank unserer engeren Gemeinde, der du an hervorragender Stelle, als Repräsentant und irr wichtigen Verwaltungszwergen mii Rat und Tat freudig und erfolgreich gedient hast! Du warst uns eine Leuchte für urrseren Fuß, du erhelltest den Pfad, den wir zrr gehen haben. Drr mahntest uns, allen Verkennungen zum Trotz nicht wankend zu werden irr der Liebe zurr: Vaterland, in der Treue zum Väterglauben. Als du wachtest rrrrd atmetest, haben wir bewundernd zu dir aufgeblickt; jetzt, wo du Bürger einer höherer: Welt geworden bist, bleibt dein Lobenswert uns ein Mahnzeichen, deinen Spuren zu folgen. Amen! Rede des Amtsgerichtsrats Dr. wolff: Geehrte TrauerversamMung! Das Leben des Mannes, der: .wir heute zu Grabe tragen, ist so vielgestaltig und so inhaltsreich gewesen, daß ein einzelner kaunr imstande ist, es ganz zrr würdigen. Wer immer an diese Bahre herantritt, um Worte traurigen, zugleich aber stolzen Gedenkens zrr sprechen, stets wird -er nur eine oder mehrere, nicht aber alle Seiten der Persönlichkeit Ludwig Geigers schildern können, und darum hat jeder, der ihm irr: Leben nahestand, den Wunsch, an diesem Grabe kundzutrm, was gerade er an dieser Persönlichkeit bewundert, was ihn zu inniger Verehrung veranlaßt hat. Und so möchte es denn auch dem Vorstände der Jüdischen Gemeinde, irr dessen Namen ich an dieser Stelle stehe, unbenommen sein, dem treuen Manne, den zu den Mitgliedern seiner Gemeinde zu zählen, er stolz gewesen ist. einige Worte der Erinnerung zu weihen. War doch der Verklärte so erfüllt von Gerneinsinn und dem Gefühle der Verpflichtungen, die ihm seine geistige Bedeutung auch gegenüber seiner: Glaubensgenossen auserlegte, daß er sich, so oft der Nus an ihn erging, gern in den Dienst der Gemeirrdeinteressen stellte und nach besten Kräften für sie tätig war. Eine Zertlang als Repräsentant und Mitglieder vieler Verwaltungskornmisstonen, in ganz besonderem Maße aber als Mitglied und stellvertretender Vorsitzender des Schul- und Talnrud- Thora-Vorstandes hat er überaus segensreich gewirkt, und so rufe ich ihrrr denn auch im Namen des Schulvorstandes heißer:, herzlicher: Tank nach für alles, was er mit freudiger Hingebung in ihm gewirkt und geschafft hat. In diesen Tagen ist gerade ein Vierteljahrhundert verflossen, seit Geiger in den Schulvorstand eingetreterr ist, eine Zeit gewaltiger Entwicklung für unsere Gemeinde, eine Zeit, in der die Aufgabe:: der Schulverwaltung nach Umfang und Inhalt stark gewachsen sirrd. Daß wir das Glück gehabt haben, ihn so lange zu den Unsrigen zu zählen, wird uns immer mit Stolz erfüllen. Wir durften seine Art zu arbeiten beobachten, und uns zum Vorbild nehmen und daraus reiche Förderung, vielfache Anregung schöpfen. Wie seine Fürsorge nicht nur den bedeutenden, wichtigen Aufgaben galt, sondern sich a>rrs alles erstreckte, dessen feste Ordnung für den reibungslosen Gang der Verwaltungsmaschine erforderlich ist, rvie er mit staunerrswerter Gewissenhaftigkeit trotz seiner sonstigen Arbeitslast zu den Sitzungen erschien und selbst geringe Verspätungen vorher entschuldige:: zu urüssen meinte, all dies zeigt, einen wie innigen Anteil er an unseren Schulen nahrrr, ein wie treuer Verwalter des von ihm gern geführten Amtes er gewesen ist. Wenn er das Wort ergriff und den Hörer in seiner klaren, präzisen Weise zu den: Punkte geleitete, der -der Erörterurrg bedurfte, so fühlte man, daß ein Mann lauterster Gesinnung seine reiche Erfahrung und sein tiefes Wissen in den Dienst einer Sache stellte, die ihm wirklich ctm Herzen lag. Tie das religiöse Leber: berührenden Frager: mit ihrem Für und Wider finden naturgemäß ein Echo auch in den Beratungen des Schulvorstandes, und wenn es draußen im Lande stürmisch zugürg. so gab es Wellengang auch zwischen seinen Ufern. Wenn die Wellen sich immer wieder geglättet haben, so war das nicht zuletzt ein Verdienst Lrldwig Geigers, der unter Wahrung seines bestimmten auf den im Vaterhause empfangenen Lehren und Eindrücken beruhenden Standpunktes auch den: anders Denkenden und anders Ernpfindenden die gebührende Rücksicht entgegenbrachte. Ein Mann wie er wird schwer ersetzt werden können. Wie Diele gibt es denn überhaupt, in denen der feine Geist unserer deutschen Klassiker sich zu inniger Verbindung mit den Schätzen gepaart hak, die der jüdische Geist, die jüdische Geschichte und Tradition uns gebracht, und welche jüdische Gelehrsamkeit und Gewissenhastigkert weiter nutzbar gemacht Haben? Die heutige Zeit ist nicht dazu angetan, solche Männer hervorzubringen: eine Zeit, die erfüllt ist von