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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-21 · Heft 8 (21.2.1919) · p. Seite 77

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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77 Dir Traurrkrirr für Ludwig Geiger SM Mittwoch, dm 12. Frdrusr INS. n der schlichten Bethalle des Friedhofes in der Schönhauser Allee, die würdigen Trauerschmuck trug, hatte sich ein-großesTrauergefolge eingefunden, indem alle Kreise des geistigen Berlins vertreten waren. Die Berliner Universität hatte ihren Rektor und den Dekan der philosophischen Fakultät entsandt; die Handelshochschule z u Berlin, die Gesellschaft für Deutsche Literatur, die Gesellschaft für Theatergeschichte, dieLessing- Hochschule und andere gelehrte Gesellschaften hatten Abgeordnete entsandt, ebenso der Vorstand des „R o t e n K r e u z e s" und der Lette-Ve ein. Die Stadt Berl i n war durch die Stadtverordneten Geh. Justizrat Prof. Dr. Albert Mofse und W a l d e ck - M a - n affe vertreten. Die Führer der jüdischen Organisationen, denen Geiger im Leben nahegestanden hatte, waren fast vollzählig gÄommen. Unter Führung des Vorsitzenden Geheimrat Dr. Stern war der V o r st a n d d e r Jüdischen Gemeinde, mit Geheimrat Dr. M i n d e n die Re p r ä - fe n!t a n t env ers am!mlung der Jüdischen Gemeinde erschienen. Ferner bemerkte man Abordnungen des Kuratoriums der Lehran stall für die Wissenschaft des Judentums, der Gesellschaft zur Förderung d er Wissende s Jud e n t um s, des Berliner Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, des Verbandes der Literaturvereine in Deutschland, des Schulung Talmud-Thora-Vorstandes, der Bibliothek s Verwaltung der Jüdischen Gemeinde, des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde, des Jüdisch-liberalen Jugend Vereins, Vertreter der jüdischen Studentenschaft und vieler anderer Kreise, die um den großen Toten trauern. Den schlichten Sarg bedeckte eine Fülle von Kränzen. Blumenspenden hatten gesandt die Gesellschaft für Deutsche Literatur, die Gesellschaft für Theatergeschichte, die Lessing-Hochschule, der Lette-Verein, die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, der Schul- und Talmud-Thora-Vorsdand, der Liberale Verein der Jüdischen Gemeinde, der Vorstanid und die Repräsentantenverfammlung der Jüdischen Gemeinde und das Rote Kreuz. Der Chor der Synagoge Peftalozzistraße leitete mit den ergreifenden Klängen von Lewandowskis „Wie -des. Frühlings Blühen, so kurz ijt des Menschen Leben" die erhebende Feier ein. Wir lassen hier die Trauerreden der Reihe nach folgen: Rede des Rabbiners Dr. Hochfeld: Andächtige Trauerversammlung! Es ist sicherlich eine schwere Ausagbe, dem Manne, dessen Bahre wir wehmütig umstehen, einen würdigen- Nachruf zu weihen. Wo sollen wir anfangen, um den Reichtum seines Innenlebens aufzuzeigen, was in den Vordergrund stellen, um die Fülle der Wirkungen anzudeuten, die von ihm ausgegangen sind! Was Tausende und aber Tausende heute empfinden, denen er mittelbar oder unmittelbar Lehrer und Förderer gewesen ist, was unsere Glaubensgemeinschaft ihm zu danken hat, deren idealen Aufgaben er mit nie ermüdender Hingebung gedient, was die Vertrauten seines Herzens und seines Hauses von ihm zu rühmen wissen, das geht in den engen Rahmen einer Gedächtnisrede nicht hinein. Eins jedoch steht fest: noch Trostgedanken, nach Worten der Stärkung und Ausrichtung. brauchen wir nicht zu suchen. Denn das ganze Leben des Entschlafenen ist ein einziger großer Trost. Nicht weil seine Arbeit zu allen Zeiten von Erfolg, gekrönt gewesen wäre oder sich immer der Zustimmung weiter Kreise zu erfreuen gehabt hätte, sondern weil sie ein leuchtendes Zeugnis ablegt von der Kraft und Reinheit feines Geistes, von seiner Tapferkeit in der Verfolgung unverrückbarer Ziele, von seiner Unbeugsamkeit gegenüber widrigen Schicksalen und Umständen. Und auch der Tod, den er gestorben ist, dieses schnelle Ende, -das ihn traf, bevor die Schatten schlwmrer Heimsuchung sich auf ihn -senkten, versöhnt so mit seinem Verlust, daß jede Auflehnung, jedes Leidgefühl im Herzen dahinschmilzt und nur dev Stolz, ihn besessen zu haben, das Bewußtsein, daß er unser war, in dieser Stunde sich behauptet. Er war unser. Ein Jude und ein Deutscher, ein deutscher Jude — in diesen Worten liegt die Größe, und wir dürfen hinzusügen: die Tragik seines Lebens. Als Deutscher Jude zu bleiben und als Jude deutsch zu sein, vaterländisch in seinem Denken und Fühlen und dabei ein treuer Sohn seines Glaubens — alles, was er erkämpft, erreicht und erlitten hat, gewinnt von hier aus seine rechte Beleuchtung. Darum hat er, der Geschichtschreiber deutschen Geisteslebens, der Biograph Goethes, dem Judentum ein Führer werden können, ein Mann, der ihm Wege wies und Wege schuf, einer von den Großen, -die ihre Zeit widerspiegeln und ihr zugleich das Gepräge geben. Suchen wir aber noch tiefer einzudringen, wollen wir das Innerste seines Wesens, den Kern seiner Persönlichkeit erfassen, so stoßen wir ans ein Ludwig Geiger geb. 5. Juni 1848 zu BreSlau, gest. 9. Februar 1919 zu Berlin.

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