Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 erhalten habe. Das isra-Mt-ische Volk hat nienmls viel getm:git, wie es ihm seine Anführer, Richter. Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig; Tugenden und die rneisten Fehler anderer Völker; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit, und wenn alles das nicht mehr gilt, an Zäheit sucht es -seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk auf Erden; es ist. es war, es Wied sein, um den Ramm Jehova durch alle Zeiten m verherrlichen. Wir haben es daher als Mrrsterbild dargestellt, als Hauptbild, dem die anderen nur als Rahmen dienend Es ist dann weiter die Rede von »den „übrigen DorteMen dieses Volkes, oder vielmehr seiner Geschichte, feiner Religion", von der -trefflichen Danrmilung ihrer heiligen Bücher — und als besonderer Vorteil der israelitischen Religion wird gerühmt, „daß sie ihren Gott in keine Gestalt verkörpert, tunib mis also die Freiheit läßt, ihm eine würdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die schlechte Abgötterei -durch Tier- und Untiergestalten zu bezeichnen". So geht H. St. Ehamberlain mit der Wah>rh,eit unr. Aus einer Stelle, die, als Ganzes genommen, eher für als gegen die Juden spricht, macht er hokivs pokus fidibus eine antisemitische Aevßerun-g. Wenn« die Tatfachen> zu der Theorie nicht stimmen — um so schlimmer für die Tatsachen; aber freilich, was soll man denn mit einen: Goethe-Wort anfangen, das den Juden- Selbständigkeit, Festigkeit und Tapferkeit zuspricht! Das ist ja gerade das Gegenteil von -denn, was Chamiberlain und seine Trabanten lehren! Und die Meinung! Chamberlains ist selbstverständlich viel maßgeblicher als die Meinung Goethes." * lieber die Lage der Juden in Polen liegen folgende Meldungen vor: Der Warschauer Arbeiterrat besteht aus 712 Delegierten. Vertreten sind alle polnischen und jüdischen Parteien. Trotz großer Meinungsverschiedenheiten kam es dort so lange nicht zu einem Skandale, bis ein Mitglied der polnischen professionellen Vereine eine antisemitische Rede im Stile Dmowskis vom Stapel zu lassen versuchte: „Weshalb lärmen die Juden so sehr, wenn man einige von ihnen getötet hat. Juden haben doch Polen verkauft." Daß man ihm die richtige Antwort nicht schuldig blieb, versteht sich von selbst. Speziell die Vertreter der Poale-Zionistischen Sektion gaben ihm eine entsprechende Abfertigung. Dies beweist wieder, wie das polnische Proletariat und seine Führer vom polnischen Chauvinismus angesteckt worden sind. (Der Jüdische Arbeiter.) Die „Gazeta Porana" lerrchtst: Die Arbeiter aller Abteilungen der Warschau-Petersburger Bahn beschlossen, von den Behörden zu verlangen: 1. als Bahnarbeiter und Beamte im Verkehrsministerium dürfen nur christliche Polen angestellt werden; 2. neue Juden dürfen absolut nicht ausgenommen werden, und die jetzt angestellten müssen unverzüglich entfernt werden. Ueberfälle aus jüdische Kriegswaisen in Krakau. Bei einer Sitzung der Krakauer Kultusgemeinde teilte der Vorsitzende Dr. Landau mit, daß 256 Kriegswaisen aus Ostgalizien, die bisher in Nikolsburg geweilt haben, nun nach Krakau gebracht wurden. Man hat sie in einem Schulgebäude in Podgorze, das von der polnischen Liquidations-Kommission zur Verfügung gestellt worden war, einquartrert. Mit Essen versorgt sie die jüdische Volksküche. Das Holländisch-amerikanische Hilfskomitee in Kopenhagen hat durch die Allianz in Wien für die Waisen 100 000 Kronen überwiesen. Leider ist es in den letzten Tagen zu -unerquicklichen Vorfällen gekommen. Christliche Frauen haben sich zusammengerottet und stürmisch dagegen »demonstriert, daß man jüdische Kinder in einer Schule einquartiert, dazu noch, wo sich! ein Kloster in der nächsten Nähe befindet. Gassenjungen haben die Scheiben eingeschlagen, und einmal sind auch junge Burschen, darunter auch Studenten, ins Gebäude einigedrungen, die die unglücklichen Kinder blutig geschlagen und dadurch eine große Panik hervorriesen. Man mußte die Polizei um Hilfe angehen, und auch jetzt muß noch immer eine größere Polizeiwache vor dem Hause stehen. Es ist selbstverständlich dadurchunmöglich geworden, die Kinder dort weiter zu belasten. Man wandte sich an die polnische Liquidations-Kommission, die mit Rücksicht auf die unerquickliche Situation ein Schulgebäude in Krakau für die Kinder überwiesen hat, das sich im jüdischen Viertel befindet und bisher als Kaserne diente. Dr. Landau teilte auch mit, daß in Ungarisch-Hradisch 150 galizische jüdische Kriegswaisen sich befinden, deren Evakuierung nach Krakau die dortigen Behörden fordern. Auch in Wien befinden sich 615 Waisenkinder, die Wien am raschesten loswerden möchte. Letztens weilten in Krakau zwei Delegierte aus Wien, um über die Lage dieser Waisen zu konferieren. Möglicherweise werden diese Kinder i-n Wien noch eine Zeitlang bleiben dürfen, da es in Krakau stark an Ernquar:ierur aslokalen mangelt. * Den „Mitteilungen des Jüdischen Korrespondenzbureaus in Zürich" entnehmen wir folgende Notiz: Paris. Die Kommission für die internationale Arbeitsgesetzgebung wählte einstimmig Gompers zum Präsidenten. (Havas.) Säumet Gompers, der jetzt vielgenannte Präsident der „American federation of Tabour“, ist im Osten Londons als Sohn jüdischer Eltern geboren. Sein Vater, ein einfacher Jude, der heute noch als hochbetagter Greis in New Dort lebt, wanderte mit seinem Sohne, der damals 18 Jahre alt war, nach Amerika ans, und ein Jahr später half schon der kleine Samuel die internationale Union der Zigarrenmacher organisieren. Im Jahre 1881, ein Jahr nach Abhaltung der großen Konvention, wurde Samuel Gompers von der Arbeiterförderation zum ersten Male und seither wieder alljährlich ohne Ausnahme zum Präsidenten gewählt. Das in seiner Statur schmächtige Männchen, als welches sich Gompers präsentiert, hat mitgew-irkt, den Achtstundentag für Mechaniker und Arbeiter im Regierungsdienst und ein Maximum von 10 Stunden für Straßenbahner einzuführen. Er unterstützte auch die Regelung der Kinderarbeit und der Sweatingkon trolle. Sam, wie Gompers von seinen Leuten kurz genannt wird, ist im Gegensatz zu dem Salonmenschen Lasfalle, ein Mann von ziemlich einfachen Allüren und Gewohnheiten, der, mit der der jüdischen Rasse eigenen rastlosen Energie und messianischen Hoffnung auf Erlösung der Menschheit, kein anderes Streben kennt als die radikale Verbesserung der Lage der arbeitenden Klasse. Deshalb gehörte dieser Messias der Arbeiter vor dem Krieg zu den von den Arbeitgebern bestgehaßten Männern Amerikas. Bereits vor den: Kriege wurde ihm die Leitung eines eigens im Hinblick auf seine Person zu errichtenden Ministeriuurs für Arbeiterangelegenheiten angeboten, Wa5 er mit der Erklärung ablehnte, baß er die Erfüll'mg seiner Mission besser als Arbeiterführer gesichert sehe, denn als Minister. Ins Ilngemessene, weil weit über die internen amerikanischen Interessen hinausragend, wuchs seine Bedeutung seit der amerikanischen Kriegserklärung. Gompers stellte sich Wilson rückhaltlos zur Verfügung und damit waren drei Millionen Arbeiter für die Entente gewonnen. Wie wir bereits in Nummer 9 unserer Mitteilungen meldeten, kam Gompers jetzt mit einer dreifachen Aufgabe nach Europa: 1. um -den Bolschewismus zu bekämpfen, 2. die internationalen Rechte aller Arbeiter festzustellen und 3. die 14 Punkte Wilsons mit Unterstützung der Arbeiter durchzuführen. Dazu bemerkt der „Philadelphia Ledger": Gompers" Etellungnahme gegenüber dem Bolschewismus, der alles Privateigentum abschaffen und die Menschheit auf die niedrigsten Stufen der Armut zurückführen will, ist besonders wichtig. Seine Botschaft an die Arbeiter, in der er betont, daß der sozialpolitische und industrielle Fortschritt nur auf dem Wege der Evolution und Verbrüderung, nicht aber durch Individualisierung und Anarchie möglich ist, wird eine gute Wirkung haben." Wir unserseits mochten noch besonders auf diesen illustren jüdischen Genossen, der inseiner Person die dermalen vielleicht größte Macht sozialer Vereinigung Nordamerikas verkörpert und neben Wilson sicherlich als einer der bedeutendsten Männer der Gegenwart bezeichnet werden kann, mit -der ganz bestimmten Absicht Hinweisen, um den Juden Gompers dem Juden Trotzt: gegenüberzustellen.