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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-21 · Heft 8 (21.2.1919) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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reiche historische Beweise.aus alter, neuer und der allerneuesten Zeit vor. Wir können daher die Unruhe unserer Glaubensgenossen in der Provinz Posen begreifen und ihre Sorgen um d ie Zukunft verstehen, zumal das sie bisher schützende Deutschland seine Macht eingebüßt und auf die Versprechungen der besser gesinnten Polen kein Verlaß ist. Einen Einblick in die Seelenverfassung der posenschen Juden erhalten wir durch das „Mitteilungsblatt Nr. 1 des Jüdischen Volksrats Posen", das -unter anderen beachtenswerten Beiträgen einen instruktiven Artikel unter der Überschrift „Zur Wirtschaftspolitik" von Dr. Pa ul CH o n e enthält, dessen erster Teil uns ganz besonders interessiert. Der Verfasser führt aus: Durch Schreiben vom 7. 1. 1919 hat die Naczelna Rada Ludown dem Jüdischen Volksrat Posen nütgeteitt, daß sie ein Haupternährungsamt für die Provinz Posen eingesetzt habe, um die Verteilung der Lebensmittel und deren Ausfuhr zu beaufsichtigen. Weder als Leiter der einzelnen Aemter, die dem Haupternährungsamt unterstellt sind, noch in den Ausschuß ist ein Jude berufen worden. Dies mußte unser höchstes Befremden um so mehr erregen, als wir aus zahlreichen Loyalitätskundgebungen maßgebender polnischer Persönlichkeiten immer wieder die Zusicherung der Parität als selbstverständlich entnehmen mußten und fraglos auch entnehmen sollten. Zwar hat der Vorsitzende des Jüdischen Volksrats in der Konferenz, die Ende Dezember 1918 anläßlich der Anwesenheit der beiden Minister Göhre und Ernst stattgefunden hat, zutreffend erklärt, daß wir den Anspruch auf prozentuale Beteiligung der Juden Posens in allen Beamtenstellen der Provinz Posen einstweilen nicht zu erheben beabsichtigen; hat es aber mit wünschenswerter Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht, daß wir die praktische Durchführung des demokratischen Grundgesetzes: „Freie Bahn dem Tüchtigen" auch für uns in Anspruch nehmen und die Heranziehung fähiger jüdischer Anwärter an geeignete Beamtenstellen mit Sicherheit erwarten. Selbstverständlich ist es, daß wir die prozentuale Beteiligung — mindestens aber die Zuziehung jüdischer Vertrauensmänner — überall da fordern, wo die konkrete Wirtschaftslage dem Gerechtdenkenden die Notwendigkeit und Berechtigung dieses Anspruches geradezu aufdrängt. Dies ist beim Haupternährungsamt der Fall. Die Juden der Provinz Posen sind zu einem großen Prozentsatz am Handel und insbesondere an der Produktion und am Vertrieb der Lebensmittel beteiligt. Durch die Anordnungen der Ernährungsämter werden also sehr wesentlich jüdische Kausleute und jüdisches Vermögen betroffen. Es kann ganz dahingestellt bleiben, ob vielleicht auch ohne Zuziehung jüdischer Vertrauensmänner die Anordnungen der Ernährungsümter allen Interessen — also auch den jüdischen — werden gerecht werden. Selbst wenn dies der Fall wäre, ist es eine unzweifelhaft berechtigte Forderung, wenn wir die Zuziehung jüdischer Vertrauensmänner zum Haupternährungsamt verlangen. Wir beanspruchen grundsätzlich in allen Fällen, in denen Juden wesentlich interessiert sind, mitzuberaten und mitzubestimmen. Nur dann haben wir eine reale Garantie für die Annahme, daß auch die Interessen der Juden bei allen sie mitbetreffenden Entscheidungen gebührend vertreten und gewürdigt werden, nur dann werden wir die jüdische Gemeinschaft von der durch mancherlei sehr eindeutigen Anordnungen lokaler polnischer Behörden^) genährten Befürchtung befreien, daß ihre Angehörigen aus ihren Wirkungs- und Erwerbskreisen herausgedrängt und ihrer Existenz beraubt werden sollen. Man betrachte uns nicht als ein Häuflein von Juden, die um ein paar Privilegien betteln, sondern als eine nationale Minorität, die das ihr nach dem jetzt geltenden Völkerrecht Zukommende Recht beansprucht. Wir lehnen es ab, nur Objekt der Gesetzgebung und Verwaltung zu sein. Es muß notwendigerweise Unwillen und neue Besorgnis bei der jüdischen Bevölkerung erregen, wenn polnischerseits die erste Möglichkeit, platonische Loyalitätserklärungen in die Tat umzusetzen, ungenutzt vorübergelassen wird. Der Jüdische Volksrat hat sich wegen der Ausschaltung der Juden bei Gründung des Haupternährungsamts beschwert, jedoch ohne Erfolg. Herr Korfanty, dein unsere Forderung zuerst vorgetragen wurde, verhielt sich zwar durchaus nicht abweisend. Schließlich eri) Sv hat z. B. die Roda Ludowa in Schrimm am 9. Januar 1919 eine Verordnung betreffend die zum Ankauf von Vieh berechtigten Kommissionäre erlassen, durch die im Kreise Schrimm alle jüdischen Kommissionäre ausgeschaltot werden. hielten wir aber vom Obersten Polnischen Vvlksrat ein Schreiben, in dem die Zuziehung von Juden zum Haupternährungsamt abgelehnt wurde. Die Frage der Beteiligung der Juden in der Verwaltung der Ernährungsämter war schon einmal bei Beginn der Revolution akut. Als man damals die Errichtung eines Provinzialernührungsamts beschloß, wurde jüdischerseits. nämlich! vom Rechtsanwalt R ofen - t r e t e r , angeregt, auch einen jüdischen Vertrauensmann' zu berufen. Der Posener Oberbürgermeister v. Drwesti wies «diese Forderung, zurück und begründete seine ablehnende Haltung mit der Erklärung, ein jüdischer Name würde in der polnischen Bevölkerung den Anschein erwecken, als gäbe es da was zu verdienen. In der Tat wurde kein Jude mitberufen. Die Aeußerung des Oberbürgermeisters gibt mit bewundernswerter Offenheit die Stimmung wieder, die in weiten polnischen Kreisen gegen die jüdische Bevölkerung herrscht. Es ist dies übrigens nicht der einzige Fall, in dem polnischerseits darauf hingewiesen worden ist, man dürfe einen jüdischen Namen nicht an eine exponierte Stelle setzen, weil, dies auf das nun einmal antisemitisch gesinnte polnische Volk aufreizend wirke. Eine künftige polnische Regierung wird mit dieser Gesinnung des polnischen Volkes rechnen und ihre Wirtschaftspolitik danach einrichten. Sie wird es auch sicherlich nicht unterlassen, bei Anordnungen, die die jüdische Bevölkerung beschweren, aus diesen „moralischen Druck" hinzuweisen. Um so mehr haben wir, die wir möglicherweise selbst zu Polen gehören, in jedem Falle aber in einem Lande mit polnischer Mehrheit und einer Verschiedenartigkeit der nationalen Autonomien leben werden, schon jetzt, bevor es zu spät ist, die unabwendbare Pflicht, laut und rücksichtslos unsere Stimmen zu erheben, um auszusprechen, was ist und was kommen kann. Wir müssen uns vor Augen halten, daß eine wirtschaftliche Katastrophe kommen kann, die nicht allein unsere Stammesbrüder in Polen, sondern auch uns zugrunde richtet, gleichgültig, ob wir Posener zu Polen geschlagen werden oder bei Deutschland bleiben. * In der vergangenen Woche ist der bekannte russische Bolschewistenführer Radek in Berlin verhaftet worden. Es wird behauptet, er sei Jude von Geburt und heiße Sobelsohn, was in Wirklichkeit gar nichts beweist. Aber selbst wenn er jüdischer Abstammung sein sollte, ist das Judentum für sein verbrecherisches Treiben ebensowenig verantwortlich, wie das Christentum für das irgendeines christlichen Bolschewisten verantwortlich ist. Nun ist bekanntlich ein Dr. L e v i n (oder Levien) wegen seiner extremen Agitation in München verhaftet worden. Bisher wurde Levin immer als Jude bezeichnet und in bekannter Weise dem „Judentum" zur Last gebucht. Er ist kein Iu d e. Sein Verteidiger Dr. W ad - l e r bat in der Sitzung des Arbeiterrates vom 8. Februar die Presse, zur Kenntnis zu nehmen, daß Levin ein Deutscher, griechisch-orthodox und mit dem Leibregiment ausgerückt sei. Hierzu bemerkt der „Bayerische Kurier": „Levin hat sich ausdrücklich in einer Wagnersaal-Versammlung als gebürtiger Moskauer bezeichnet." Demnach wäre er entweder als Deutscher in Moskau geboren oder naturalisiert. Jedenfalls ist er kein Jude. Uns fällt es aber gar nicht ein, diesen entarteten Deutschen dem deutschen Christentum an die Rockschöße zu hängen. * Mit Houston Stewart Chamberlain, dem C o e t h e - F o r s ch e r, rechnet Ler ch (München) in der Frankfurter Zeitschrift „Das freie Wort" gründlich ab. Lerch schreibt: „Wozu liest H. St. Chamberlain Goethe? — Um antisemitische Aeußerangen aufzufinden (soweit sie ihm in den Kram passen). So heißt es beim in seinem Buch über Goethe (S. 691): Dieses Volk „hat niemals viel getaugt", „es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker" usw. Er verläßt sich daraus, daß keiner seiner Leser die Stelle jemals nachschlagen mirb. Sie lautet im Zulsanunenhang: „Vor dein« rheinischen Richte rstuhle. vor dem Richterstuhle des Gottes der Völker, wird nicht gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation fei, sondern mir, ob sie daure, ob sie sich

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