Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Bit Mmhr» B c r 11 n, 17. Februar. re Einleitung zur Wochenübersicht in Nummer 6 dieses Jahrganges, der letzten, die Ludwig Gerg er niederschrieb, und in der er die zerrütteten Politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in welche unser deutsches Vaterland geraten ist, eingehend schilderte, schließt mit den wehmutsvollen Worten: „Nur mit allergrößter Anstrengung vermögen wir die Ruhe zu bewahren, der Zukunft ins Antlitz zu schauen und als unbeugsame Chronisten von der Vergangenheit zu berichten." Leider hat die Lage seit damals keine Aenderung zum Besseren erfahren, sie nimmt vielmehr mit jedem Tage eine immer verhängnisvollere Gestalt an, so daß wir zagenden Herzens der Zukunft entgegensehen und unser Leid und unsere Not vor Gott und der Welt mit den Worten des unherlkündenden Propheten klagen müssen: „Die Feinde vernehmen meine Seufzer, aber niemand tröstet; sie hören meinen Fall und frohlocken darüber." Der einzige Lichtpunkt, zu dem wir in dieser traurigen, in so tiefes Dunkel gehüllten Zeit emporblicken, ist die nun tagende Nationalversammlung, welckje ohne jegliche Störung seitens der Spartacisten, die viele befürchteten, am 6. Februar in Weimar eröffnet wurde, wib die fleißig an der Arbeit ist, das aus allen Fugen geratene Deutsche Reich wieder aufzurichten und geordnete Zustände und Sicherheit im Reiche schnellstens herbeizuführen. Das wichtigste Ereignis der letzten Woche ist die Wahl des ersten Reichspräsidenten, die mit 277 von 379 abgegebenen Stimmen aus den Führer der Mehrheitssozialisten Fritz Ebert fiel, und die Bildung der neuen aus allen Parteien, mit Ausnahme der sogenannten Unabhängigen, zusammengesetzten Reichsregierung, der zum ersten Male seit dem Bestehen des Deutschen Reiches auch zwei Juden, wenn auch nicht als solche gewählt — das wurde von jüdischer Seite weder erwartet noch erstrebt — angehören: Dr. Hugo Preuß, der im Verzeichnis der wahlfähigen Mitglieder der Berliner Jüdischen Gemeinde aufgeführt ist, und Volksbevollmächtigter Landsberg, der allerdings vor einiger Zeit aus dem Judentum ausgeschieden ist und sich für konfessionslos erklärt hat. Der 11. Februar wird einen Gedenktag in der Geschichte des deutschen Volkes bilden, mit dem, wie wir zuversichtlich hoffen, eine neue, glücklichere Aera für alle Staatsbürger, welchen Glaubens sie auch seien, beginnen wird. In dieser Zuversicht bestärkt uns die aus Anlaß seiner Wahl zum Reichspräsidenten von Fritz Ebert gehaltene Rede, die als -historisches Dokument von höchster Bedeutung auch in einem hauptsächlich den religiösen Interessen des Judentums und dem Kampf gegen seine Feinde dienenden Organ nicht schien darf. Reichspräsident Fritz Ebert führte aus: Zunächst danke ich für die freundlichen Worte Ihres Herrn Präsidenten. Ihr Vertrauen ist meine größte Ehre. Der Nus, den Sie soeben an mich richteten, ist ein Ruf der Pflicht. Ich folge ihm in dem Bewußtsein, daß heute mehr denn jemals jeder Deutsche auf dem Platz, auf den er gestellt wird, seine Schuldigkeit zu tun hat. (Beifall.) Mt allen meinen Kräften und mit voller Hingabe werde ich mich bemühen, mein Amt gerecht und unparteiisch zu führen (Zwischenrufe bei den U. Soz.), niemand zuliebe und nielnand zuleide. (Beifall.) Ich gelobe, daß ich die Verfassung der deutschen Republik getreulich beachten und schätzen werde. (Lebh. Beifall.) Ich will und werde als Beauftragter des ganzen ldeutschen Volkes handeln, nicht als Vormann einer einzigen Partei (lebh. Beifall), ich bekenne aber auch, daß ich ein Sohn des Arbeiterstandes bin (Beifall), ausgewachsen in der Gedankenwelt des Sozialismus, und daß ich weder meine Herkunst noch meine Nebcrzengung zu verleugnen gesonnen bin. Oebh. Beifall links.) Indem Sie -das höchste Amt des deutschen Freistaates mir auvertrauten, haben Sie, ich weiß es, keine einseitige Partei- Herrschaft aufrichten wollen. Sie haben aber damit den ungeheuren Wandel anerkannt, der sich in unserem Staatswesen vollzogen hat, und zugleich auch die gewaltige Bedeutung der Arbeiterklasse für die Ausgaben 'der Zukunft Deutschlands anerkannt. Die ganze wirtschaftliche Entwicklung läßt sich darstellen als eine fortwährende Minderung und Abtragung der Vorrechte der Geburt. Jetzt hat das deutsche Volk dieses Vorrecht auf dem Gebiet der Politik restlos beseitigt (Beifall), und auch auf sozialem Gebiet vollzieht sich diese Wandlung. Auch hier werden wir bestrebt sein müssen, allen im Rahmen des Menschennwglichen den gleichen Ausgangspunkt zu geben und das gleiche Gepäck auszuladen>. Mögen wir um die Formen rmgen, in denen sich dieses Recht durchführen läßt, das Streben nach dieser höchsten menschlichen Gerechtigkeit wird uns allen inne sein. Freiheit und Recht sind Zwi llingsschwestern, die Freiheit kann sich nur in fester staatlicher Ordnung gestalten. (Sehr richtig! rechts.) Sie zu schützen und wieder herzustellen, wo sie angetastet ist, das ist das erste Gebot derer, die die Freiheit lieben. (Lebh. Beifall.) Jede Gewaltherrschaft, von wem sie auch komme, w erden w i r bekä m pfen bis z u m ä u ßerst e n. (Lebh. Beifall und Händeklatschen.) Dem Gewaltprinzip zwischen den Völkern haben wir feierlich abgesagt, auch dort wollen wir, daß das Recht und die Freiheit zur Geltung kommen. Niemand soll in den Verband der Republik gezwungen werden, aber es soll auch niemand mit Gewalt von ihr getrennt werden, den es zu ihr zieht und drängt. (Lebh. Beifall.) Nur auf das freie Selbstbestin^nn^ngsrecht wollen wir unseren Staat gründen nach innen und außen. Wir können aber um des Rechtes Willen nicht dulden, daß man unsere Brüder der Freiheit der Wahl beraubt. (Lebh. Beifall und Zustimmung.) Die Freiheit aller Deutschen zu schützen mit dem äußersten Aufgebot von Kraft und Hingabe, dessen ich fähig bin, das ist der Sch w n r , de n i ch i n dieser Stunde in d i e H ä n d e der Nationalversammlung lege. (Lebh. Beifall.)' Den Frieden zu erringen., der Nation das Selbstbestimmung,srecht zu sichern, die Verfassung auszubauen und zu behüten, die allen deutschen Männern und Frauen die Politische Gleichberechtigung, unbedingt verbürgt, dem deutschen Volke Arbeit und Brot zu schaffen, sein ganzes Wirtschaftsleben so zu gestalten, daß die Freiheit nicht Bettelfreiheit, sondern Külturfreiheit werde, das sei das Ziel, dem wir Zustreben. (Lebh. Beifall.) Ich weiß, daß die Kraft des einzelnen, wo immer er auch stehe, gering ist, wenn sie sich nicht mit allen lebendigen Kräften des Volkes verbindet. Ein so hartes Geschick unser Volk auch betroffen hat., an seinen lebendigen K r ä f t e n v e r z w e i f e l n wir nid) t. Unser Volk hat sich in großer Bewegung Licht und Luft geschaffen, unser Volk wird sich durchsetzen draußen in der Welt und zu, Hause. Die Tüchtigkeit der Männer der Volkswahl, das Ehrliche ihres Strebens und die Reinheit ihres Wollens müssen den Beweis erbringen für die Nichtigkeit des großen Grundsatzes der Selbstregierung. Alle diese Forderungen stellen an mich schwerste Aufgaben und Pflichten. Mein Bestes will ich dafür einsetzen, ihnen zu genügen. Gemeinsam aber wollen wir unermüdlich arbeiten für das Glück und W o h l e r g e h e n des deutschen Voltes. Und so, meine Damen und Herren, lassen Sie uns rufen: Das deutsche Vaterland und das deutsche Volk, sie leben hoch! Das Haus, mit Ausnahme der Unabhängigen, hat sich erhoben und stimmt dreimal in den Hochruf ein. (Händeklatschen im Hause und auf den Tribünen.) * Das Schicksal der Provinz Posen scheint besiegelt zu sein. Nach dem jetzt vorliegenden Wortlaut der neuen Bedingungen für die Verlängerung des Waffenstillstands läuft die neue Demarkationslinie gegenüber den Polen auf einer Grenze, die den größten Teil der Provinz von Deutschland als zu Polen gehörig absondert. Wie die Verhältnisse sich dort künftig gestalten werden, können wir nicht voraussehen; aber das eine wissen wir: Ueberall, wo die Polen die Alleinherrschaft sich anmaßen, ist die Lage der andersgearteten Volksteile, insbesondere der Juden, eine unerträgliche. Dafür liegen zahl-