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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-21 · Heft 8 (21.2.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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SS. Jahrgang. Nr. s Allgemeine Berlin, 21. Februar 1 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 5 ITT. — Postscheckkonto 524. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-H9, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Ethiker heraus! Von Rechtsanwalt M. Lewinski (Berlin). jßNLJULL. — Die Woche. — Die Trauerfeier für Ludwig Geiger. — Mitteilungen der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin Nr. 2. Von L. G. — Einejdrohende Gefahr und ihre Abwehr. Von Sanitätsrat Dr.?Sch erb el (Lissa i. P.) — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Sprechfaul. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Dresden, Aurich, Münster i. W., Peine, Mainz, Karlsruhe, Den Haag, Wien, Budapest. — Von Nah und Fern. Lthiker heraus! Von - Rechtsanwalt M. Lewinski (Berlin), er Krieg ist aus und hat allgemeine Bestürzung gebracht. Es gibt allerdings immer noch Menschen, die behaupten wollen, daß der Krieg mir nicht lange genug geführt wobden sei, um zum guten Ende zu führen. An der Ehrlichkeit dieser Leute muß man zweifeln. Auch wird man nicht gerade die geistige Höhe jener Zahlreichen bewundern können, die jetzt keinen anderen Gedanken haben, als dem Umsturz zu wehren, alles, wieder ins alte Gleise zu bringen und die bisher in Wirtschaft und Politik geltenden Mächte vor jedem Eingriff sicherzustellen. Die Leute gehen von dem alten Standpunkt ans, daß die Naturnotwendigkeiten ja doch unabänderlichfeien und jeder Eingriff in „Gottes Weltordnung" deshalb fruchtlos sei. Auch die größte Menschheitskatastrophe könne daran nichts ändern. Ein wahrhaft sittlicher Standpunkt der Fortentwicklung der Menschheit, dieses Gvttvertrauen der Ungläubigen! Aus der anderen Seite will man alles auf den Kopf stellen, weil die alten Zustände uns ja in der Tat genügend in materielle, geistige und sittliche Verderbnis geführt haben. Die alte Wirtschaftsordnung hat den Krieg gemacht aus den Motiven der Habgier der Großen und der Teilhaberfreudigkeit der Kleinen bei völligem Mangel an sittlichen und menschheitlichen Interessen. Man stelle die Wirtschaft auf die ganz neue Basis der Vergesellschaftung, und jene Folgen werden nicht mehr eintreten! Wahrlich, unsere Propheten haben es sich wesentlich anders gedacht. Eine „Wirtschaft" ohne Profitsucht wird sich wohl schwerlich denken lassen. Profitsucht führt leicht zu Ungerechtigkeit, und ungerechte Gesinnung ist Krieg im kleinen und im großen: ein Krieg, der immer wieder ausbricht, wenn es auch überall Gerichte und Schiedsgerichte gibt. Ist für den Ethiker auch jetzt noch nichts zu tun, ist alles nur die Frage, welche Grundlagen der Wirtschaft zu geben feien, und erledigt sich alles S i t t l i ch e durch das Wirken der wirtschaftlichen Kräfte und Motive? Die Frage der S ch u l e und Volksbildung! ist angerührt worden. Eng benachbart ist damit die Frage einer wirklichen Einwirkung der Religion und der Weltanschauung auf die Volksbildung, die wir bisher vermißt Haben. Kampf der. Religion und Weltanschaulmg gegen den Geist der Ausbeutung und der Schwäche gegen das Ausgebeutetwerden! Der Geist der Ungerechtigkeit schafft Krieg. Kontrolle der Rechtsbildung und Rechtssprechung durch das Volk, Beteiligung von Laien an aller Rechtssprechung sind damit zusammenhängende Probleme. Zusammenfassend nenne ich das: Umstellung der Wohltätigkeitsbestrebungen der Ethik in Gerechtigkeitsbestreblingen. Das Erwachen des Interesses an der Gerechtigkeit muß auch die bisherige Stumpfheit der Gesellschaft gegenüber den Schicksalen der Völker, also gegenüber der äußeren Politik, beseitigen. Das soziale Problem will nicht zur Ruhe kommen. Der Arbeitnehmer fühlt sich trotz alles Ausgleichs durch den Wirtschastsmarkt Gon der eigentlichien Verteilung des Gewinns ausgeschlossen, auf eine karge Abfindung angewiesen als Stiefkind sozialer Gerechtigkeit. Diesen Klagen hat die rührige soziale Regierung bereits durch Ausbildung und Zentralisierung von Kontrollinftituten der Arbeitnehmer, die mit einem ansgebildeten Dermittlungs- und Schiedswesen bei Lohnstreitigkeiten in Verbindung gesetzt werden sollen, Rechnung zu tragen gesucht. Soll nicht der Ethiker diese Versuche verfolgen, um ihre Verkümmerung zu verhüten und ihre Fortbildung zu fördern? Vielleicht läßt sich dem Gefühl der Zurücksetzung ans seiten der Arbeitnehmer dadurch begegnen, daß den Kontrollinstituten und Vermittlungsinstanzen trotz aller Bedenken der Unternehmer Einsicht in die Geschäftsführung und Gewinngestaltung des Unternehmens als Grundlage i'F)r<ex Tätigkeit gewährtwird. Die „Gesellschaft für soziale Reform" wird nach Zeitungsnotizen sich mit einem Teil der in Betracht kommenden Fragen beschäftigen. Auch die „Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur" tvill einen Ausschuß bilden, der sich mit den ethischen Erfordernissen der Lage beschäftigen soll. Das Ergebnis aller dieser Anfänge ist noch ungewiß. Das heutige Judentum beschäftigt sich, soweit mir bekannt, nur mit der Frage seiner eigenen Konstituierung als Nation. Und dabei behauptet es, eine sittliche Mission zu haben! Die Zionisten bestreiten, daß es den Juden möglich sei, ohne nationale Konstituierung eine solche Mission auszuüben. Dies ist seit langer Zeit, besonders aber jetzt, die geistige Situation des Judentums. Wie wollen nun anders alsdurchdieTat die liberalen Juden den Zionismus widerlegen, die Existenz des Judentums in der Zerstreung rechtfertigen? Habt ihr eine Mission, so betätigt sie! Hört auf zu diskutieren, euch nur zu verteidigen, nur Wohltätigkeit — kleine Pflaster auf große Wunden — zu üben! Beschäftigt euch in eigenen Kreisen und Bereinen mit den großen und zahlreichen ethischen Ausgaben der Gegenwart und beteiligt euch auch — merkbar, anregend, führend — an der ethischen Betätigung der anderen Volksgenossen! Wo sind eure Rabbiner, wo sind eure religiös Interessierten, wo sind eure Ethiker? Ethiker heraus! Jüdische Ethiker heraus!

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