Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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93. Jahrgang. Nr. 7 Berlin, 14. Februar 1919 Der Oemetndebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". ' . l .. korrrspondenrm und Sschrichtm. Srutlchlsnd. E. R. Berlin, 9. Februar. Tie heutige erste. Sitzung der Reprä se n t a n t e nversa m m >l >u' n> g> im neuen Kalenderjahre wurde von dem Vorsitzenden, Geheimer Regierun-gstrat Tr. Minden, mit folgender Ansprache eröffnet: „Meine sehr.geehrten Herren.! Verschiedene Umstünde — insonderheit die beiden Wahlsonntage im Januar — bewirkten, daß ich Sie erst hleute zum ersten' Male in diesem Jahre hier begrüßen kann. Das verflossene Jahr 1918 wird von uns allen als das unglücklichste unseres Lebens empfunden werden. Die militärischen Niederlagen brachten beim d e.u tschen Volkc, v o n d e m unsere Jüdische Gemeinde zu Berlin Ihrer Geschichte, ihrer Gesinnung u n'd ihrer rechtlichen Grundlage n a ch> ein untre n n b a r e r T e i l i st, einen vom völligen Zusammenbruch wenig verschiedenen Zustand hervor. Wir verstehen erst fetzt so recht die Eckahs, die der Prophet nach dein Untergang Zions dichtete. Die Feinde des Vaterlandes legen uns schier unerträgliche Bedingungen auf. Dazu kommen die Inneren Zerwürfnisse, die sich in dem gewaltsamen Umsturz austobten und noch immer nustoben. „Die Naben fliege n w i e de r u m den B e r g." Ich kann nicht unerwähnt lassen, daß ein gewisser Teil unserer Mitbürger sich stark i n f u d e n f e i n d l i ck e r G e s i n n u n g betätigt, wie wir dies in zalllreichen Schmähschriften, die sich während der Wahlen in den Straßen Berlins breitmachlen, bemerken mußten. Die Urheber dieser verleumderischen Pamphlete und auch diejenigen, welche, ohne ihre Gesinnung zuteilen, dieselben benutzten, um Einfluß im deutschen Volke zu gewinnen, sind uneingedenk der Worte Kaiser Friedrichs, dessen Andenken auch unter der veränderten Negierung sw rm im deutschen Volke hochaehalt-en werden wird, das; der A n t i s e m itis m it s d ie S ch m ach des Jahrhundert s ist. Wir aber, wie schwer auch jeder einzelne zu leiden hat. wollen an unsere Arbeit gehen und u n s e r e Besriedi g u n g n i ch t — wie es jetzt v i elf-a ch ge s ch i eh t — in Schmähungen über gestürzte Verhältnisse und gefallene Größen suchen, sondern in Wiederherstellung und Ordnung und Recht, im Wiederaufbau der deutschen Nation, in Heilung der Wunden, welche der Krieg im privaten wie im öffentlichen Leben aesckllaa-en hat." — An diese Ansprache knüpfte der Vorsitzende G e d e n k w o r t e für den verstorbenen Gemeinderabbiner Dr. Joses Stier, den er als Muster eines pflichttreuen Seelsorgers rühmte. Mit tiefer Ergriffenheit teilte er dann mit, daß Geheimer Regierungsrat Professor Tr. Ludwig Geiger plötzlich an einem Schlaganfalle verschieden ist. Ter Heimgegangene gehörte lanae Jahre zu den Mitgliedern des Kollegiums, dem er sich, ebenso wie den verüchiedenen Verwalt-ungskoinmifsionen der Gemeinde, mit voller Hingabe widmete. — Bei der K o n st i tu i e r u n a d er V er i'a m m-l u ng wird Geheimer Regier nngsrat Tr. Minden zum ersten Vorsitzenden wiedergewühlt: Stellvertreter des Vorsitzenden werden Gewerberat E m i l P l o t k e und Professor Dr. S a l o m o n K a l i s ch e r. Das Schriftsühreramt bekleiden die Mitglieder Professor Dr. Türk und Emil Pincus. — Unter den geschäftlichen' Mitteilungen, die der Versammlung vorliegen, befindet sich eine Eingabe des „Zentralvereins für die Interessen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin", der verschiedene Anträge ans Statutenänderungen stellt, und ein Schreiben der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen", welche Forderungen für die Wiedereinstellnng von Kriegsteilnehmern aufstellt und Bestimmungen über die Entlassung und die Entschädigung, der Kriegshilfskrafte anregt. — Herr Venas Levy referierte über den Abschluß eines Vertrages mit dem Verein jüdischer Krankenpflegerinnen, der die gesamten Rechtsbeziehungen des Vereins zur Gemeinde mit dem Krankenhaus regelt. Der neue Vertrag enthält eine Erhöhung der Sätze, jedoch entsprechen die neuen Sätze durchweg der Billigkeit. Der Vorstand des Krankenhauses ist der Meinung, daß er bei Uebernahme der Anstellung und Versorgung der Schwestern und Schülerinnen keine Ersparnisse erzielen würde. Herr Venas Levh bittet, den Bortrag zu erneuern, da er eine dringende Notwendigkeit sei. Es wird derngemäß beschlossen. — Die bedeutungsvollste Vorlage der umfangreichen Tagesordnung betrifft die A e n d e r u n g des Gemeinde st a t n t s. Die Vorlage wird an den zuständigen Ausschuß zur nochmaligen Durchberatung zurückverwiesen. Ueber eine vom Vorstande beantragte größere Anleihe soll in geheimer Sitzung verhandelt lverden. Eine große Anzahl von Zuwendungen wird angenommen. Die vielen kleinen Spenden im Betrage von unter 1000 Mark veranlaßten den Gemeindevorstand zu einem Anträge auf Vereinfachung des Geschäftsganges. Bisher mußte bei jeder kleinen Zuwendung jeweils mit besonderer Vorlage die Zustimmung der Repräsentantenversammlung eingeholt werden. Der Gemeindevorstand erblickt in diesem Verfahren eine unnütze Belastung der Repräsentanten und hält es zur Vereinfachung des Geschäftsganges für ersprießlich, wenn er ein für allemal ermächtigt wird, Zuwendungen bis zur Höhe von 1000-Mark selbständig annehmen zu dürfen. Ebenso erwünscht wäre dem Gemeindevorstand aus den gleichen Gründen die Ermächtigung zur selbständigen Annahme von Zuwendungen mit Auflagen zur Grabpflege oder Gedächtnisfeiern, falls sie nicht mehr als 1000 Mark betragen. Ta aus der Versammlung gegen eine endgültige Regelungdieser Frage Bedenken erhoben werden, ermächtigt das Kollegium den Vorstand zur selbständigen Annahme kleinerer Zuwendungen zunächst nur für die Dauer eines Jahres. - Tie T r a u n n g sg c b ü h r e n , welche bisher für Berliner 35 Mark und für Auswärtige 50 Mark betragen haben, werden auf 60 Mark bzw. 100 Mark erhöht, um eine angemessenere Entschädigung der Funktionäre zu ermöglichen. — Den größten Teil der Dauersitzungen füllen Wahlen in die verschiedenen Verwatlnngskommissionen und Berichte über die Rechnungsabschlüsse zahlreicher Gemeindeinstitute aus. E. M. Berlin, 12. Februar. Eine Tranerfeier f ü r d e n im Alter von 7 6 I a h r e n verstorbenen R a b b i n e r Dr. Josef Stier fand am Sonntag, den 9. d. M., in der Alten Synagoge statt. Das alte Bethaus trug würdigen Trauerschmuck. Vor dem Atmeuwr. auf dem umflorte Lichter brannten, stand der einfache Sarg in einem Hain von Blattpflauzcn. Nach einem einleitenden Gesang des Synagogencho-res hielt Rabbiner Dr. Weiß e dem Heimgegangenen Amtsbruder die Gedächtnisrede. Er rühmte den Verstorbenen als wahrhaft treuen Diener seines Gottes und seiner Gemeinde, der von früh auf die höchsten Ansprüche an sich stellte, um seinem Amte genügen zu können. Drei Jahrzehnte wirkte er in der Berliner Gemeinde,. so wie es in der Eigenart seiner Persönlichkeit lag: weniger nach außen, als mit eifriger, liebevoller Hingabe nach innen. Er war. ein Mann des Wissens, der als echter Weiser immer Schüler blieb. Der Verstorbene war kein Mann, der in ausgetretenen Bahnen wandelte, sondern bestrebt, den Dingen sesbstündig gegenüberzutreten. Als Prediger um der Heimgegangene von innerlicher, schlichter, aber tiefgründiger Art, ein Mann, der nicht blenden, sondern durch seine lieberzeugung wirken wollte. Tie Gemeinde, in der er seine Pflichten als Lehrer in Israel -in so vorbildlicher Weise mehr als dreißig Jahre! erfüllt hat, wird seiner immer -in hoher Verehrung gedenken. — Nach einem hebräischen Gebet, das Rabbiner Tr. Weiße seiner Rede anschloß, rezitierte Oberkantor Musikdirektor Friedman n in ergreifender Weise den 16. Psalm. Chorgesang beschloß die Feier.. — Um 2 Uhr fand die Beisetzung auf dem Friedhofe in Weißensee statt, bei der Rabbiner Tr. Weiße die liturgischen Gebete sprach. Im Namen des Nabbinerverband's in Deutschland widmete Rabbiner Tr. Loewenthal dem Entschlafenen herzliche Worte des Abschiedes. Seine Alntsbrüder beklagen in ihm eine Zierde ihres Standes. Uns Jüngeren, die wir drei Jahrzehnte sein Wirken aus der Kanzel in der hiesigen Gemeinde sahen und hörten, wie in seinem Munde die Worte der Vergangenheit Leben gewannen-, wurde klar, daß er nach dem Worte der Alten zu -den- Weisen der Diaspora gehört, die der alten Stamm der Thora neu beleben. Josef Stier, der seinem Stande zur Ehre gereichte, hat in eingehenden wissen-