Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Stella ihn mit einem Redeschwall von Klagen Wer das schlechte Wetter, gerade noch an einem Sonntage, überschüttete und ihn einen wahren Samariter nannte, weil er doch sicherlich gekommen sei, um ihre Angst zu beseitigen, daß die ganze Welt in dieser Sintflut untergehen könnte. Auch Alice verstand chr Benehmen so einzurichten, als hätte ihr gesellschaftlicher Verkehr keinerlei Unterbrechung erfahren, indem sie ihm eine Tasse Tee, ohne Milch und Zucker, überreichte, als wäre es erst gestern, daß er ihr diesen seinen Geschmack mitgeteilt. Die allgemeine Unterhaltung bewegte sich leicht und frei über alltägliche Ereignisse. Nach einer Weile forderte Alice Klaßner auf, ihr nach dem Salon zu folgen, um ihm die neu angeschafften Bronzen zu zeigen. „Ich möchte erne Frage an Sie richten," sagte Alice schüchtern. „Fragen Sie getrost," ries er fröhlich, in der Meinung, daß diese sich auf Ellen beziehen werde. Er fühlte sich stark, ruhig und gefaßt, um darüber sprechen zu können. „Was ist eigentlich aus Ihrem Buche geworden? Im Buchhandel habe ich mich vergeblich danach umgesehen." „Mein Buch? Ich habe den Verleger veranlaßt, es noch für eine Weile zurückzühalten. Es soll sich durch sein eigenes Verdienst den Weg bahnen, nicht aber als Folge eines Skandals seines Verfassers, der diesen zu einer interessanten Persönlichkeit gemacht. In einigen Wochen wird es erscheinen." Sie gingen wieder zu den anderen, und eine Viertelstunde später erhob sich Klaßner, um sich zu verabschieden. Der Zweck seines Besuches war erreicht, durch den er sich hatte versichern wollen, daß der Wille und auch die Kraft zum Leben wieder in ihm rege geworden waren. 24. „In der Loge ist Platz für sechs Personen, wir aber sind nur vier," sprach Frau Mahlow zu Alice. „Ich sehe es nicht gern, wenn Geld nutzlos vergeudet wird, auch wenn cs nicht das ineinige ist. Ich möchte am liebsten Klaßner auffordern, dem ich noch für seinen letzten Besuch eine Aufmerksamkeit schuldig bin. Ich möchte ihn unter keinen Umständen wieder fallen lassen. Interessante und geistreiche Persönlichkeiten sind etwas selten geworden in nreinem Hause." „Die Zeit ist etwas kurz für die Einladung. Wer weiß, ob eine solche ihn noch rechtzeitig erreicht." „Allerdings, aber wir haben es doch auch erst heute erfahren. Wenigstens bleiben uns noch vierundzwanzig Stunden, um die Toilettenfrage zu erledigen." „Wenn ich mich recht entsinrie, pflegt Klaßner am Dienstag abends am meisten beschäftigt zu sein," warf die Tochter ein. Frau Mahlow starrte sie eine Weile an, ehe sie wieder sprach: „Dann sei so gut und schreibe ihm einige Worte in meinem Namen, daß wir ihn morgen zum Abendbrot erwarten, um später mit uns nach der Oper zu fahren. Wir drei fahren mit der Equipage und Burger kann mit dir in einem Auto folgen." „Sehr wohl, Mutter." Gehorsam schrieb Alice den Brief, und als die Buchstaben feines Namens auf dem Papier erschienen, kamen sie ihr ganz fremd vor, da doch eine lange Zeit verstrichen war, seitdem sie diese gesehen. Sie hatte den Brief beendet, doch blieb sie noch eine Weile sitzen, den Federhalter zwischen den Lippen, die Augen auf den Namen gerichtet. „Nun?" fragte Frau Mahlow ungeduldig. Alice fuhr zusammen und überreichte ihr schweigend das Papier. „Besonders schön hast du wirklich nicht geschriebM,, und ich will hoffen, daß er es wird lesen können. Du hast auch vergessen .Herzliche Grüße' hinzuzusügen." Alice schrieb auch dieses, dann auch die Adresse, wobei sie sich Mühe gar, etwas deutlicher zu schreiben. Klaßner empfing die Einladung am nächsten Morgen und nahm sie dankend an. Während der ganzen Zeit seiner Vereinsamung hatte er alle Beziehungen mit der Außenwelt abgebrochen, seit einigen Tagen aber, wo er diese wieder anknüpfen wollte, war er in Verlegenheit, wie es beginnen. Die Häuslichkeit der Frau Mahlow war ihm trotz Alices Freundlichkeit doch etwas eintönig und einseitig erschienen. Aber wenn er noch lange zögerte, in der großen Welt wieder festen Fuß zu fassen, konnte es leicht geschehen, daß er wieder in die traurige Einsamkeit zurückversank, aus der es doch so schwer ist, sich wieder herauszuarbeiten. Diese Einladung war daher zu sehr gelegener Zeit gekommen. Er schrieb, daß es ihm leider nicht möglich sein wird, der freundlichen Einladung zum Abendbrot Folge zu leisten, da er noch viel zu arbeiten habe, daß er sich aber das Vergnügen machen werde, die Herrschaften zur rechten Zeit am Eingang der Oper zu erwarten. Er beeilte sich auch mit seiner Arbeit und nahm auch nur ein einfaches Mahl ein, um keine Zeit zu versäumen. Er kam noch gerade zurecht, um die Mahlows vor dem Opernhause Vorfahren zu sehen. Eine hastige Begrüßung wurde ausgetauscht, die durch Burgers warmen Händedruck sich herzlich gestaltete, so daß Klaßner Peinlich berührt wurde, diese Herzlichkeit nicht erwidern zu können. Im Vorraum trafen sie mit einem breitschulterigen, blondbärtigen, stattlichen Herrn zusammen, der sich schweigend ihnen anschloß. Eine Vorstellung war nicht erforderlich, auch nicht für Klaßner, der Dr. Jarvis schon bei den Mahlows kennengelernt hatte. Frau Mahlow, aus lauter Marzipan und Sonnenstrahlen zusammengesetzt, warf dabei einen scharfen Seitenblick ans Alice, aus deren Gesichtszügen sie aber nichts anderes als vollständige Gleichgültigkeit herauslesen konnte. Alis Burger hingegen schien die Anwesenheit dieses Herrn einen unbehaglichen Eindruck zu machen, doch schlug er bei Frau Mahlows lächelndem Vorwurfsblick die Augen nieder, um ihr befangen zuzulächeln. Sie hatten kaum die Loge betreten, als auch schon das Vorspiel begann, die wunderbare Musik von Gounods .Romeo und Julia', die einen sofortigen Erfolg zeitigte, indem dadurch wenigstens für den Augenblick alle Mißverständnisse, Widersprüche und Unannehmlichkeiten in diesem kleinen Raum beseitigt wurden, so daß keiner mehr an Dr. Jarvis' Anwesenheit dachte. Klaßner war entschlossen, sich den Genuß nicht verkümmern zu lassen. Das Verlangen nach Geselligkeit, das ihn vor einer Woche aus seinem Häuschen getrieben, war heute noch mächtiger als je in ihm vorhanden. In dem Halbdunkel, das im Hanse herrschte, konnte er durch das pulsierende Leben um ihn auch seine eigenen Herzschläge verspüren. Wie ein elektrischer Strom bebte es in all seinen Nerven. Die schweigenden Zuhörer schienensich in eine Batterie verwandelt zu haben, derrn blitzende Funken nach allen Seiten sprühten. Ein feines Aroma von tausend Woh-lgerüchen erfüllte den Raum, aber nicht als ein einschläferndes Opium, sondern als ein erweckendes, begeisterndes Elixier, das alle seine Sehnen und Adern mit frischer, strotzender Lebensfreude erfüllte. Mit einem gewissen Triumphgefühl nahm er wahr, daß auch er einen Teil dieses verkörperten Wohlbehagens und Frohsinnes bildete, daß er sich mit diesen glückstrahlenden Menschen eins fühlte, baß auch seine Nerven bei dem allgememen Glücksempfinden vibrierten. Er hatte das Empfinden eines Mannes, der aus einer beträchtlichen Höhe niederstürzt und, nachdem er einige Augenblicke voller' Todesangst in der Luft geschwebt, bald wieder auf den Füßen steht und sich überzeugt, daß alle seine Glieder heil und gesund geblieben.