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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-14 · Heft 7 (14.2.1919) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 7 (14.2.1919)
Date
1919-02-14
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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7Ö Weniger als 84 Druckseiten umsaht. Die Uebersehungen Hellers sind ziemlich frei. Sie zeugen von ehrlichem Streben, von einer gewissen Beherrschung der Sprache und geben Kunde von poetischer Begabung. Doch kann ich nicht leugnen, daß für mich diese Lieder, namentlich die von Ich u da Halbvy und Gabirol, die uns in der Uebersetzung meines Vaters so vertraut klingen, etwas Ungefüges und Fremdes an sich haben. Dazu kommen willkürliche Versmaße, eine oft schwerverständliche, stammelnde Ausdrucksweise, seltsame Reinre. Aber im ganzen steckt viel ehrliches Streben, wirkliche Innigkeit der Empfindung und eine ernste, anerkennenswerte Arbeit, sich in den schweren Stoff zu versenken und ihn zu bemeistern. in der Sammlung, so daß diese als ein Ehrendenkmal des Uebersetzers anerkannt werden muß. Jktlem das Lemlge. (30. Forts.) Roman von M. P u l v c r m a n it. s war für ihn eine Erlösung, obwohl es ihm anfänglich das Gegenteil zu sein schien, daß seine Raserei nicht unbeachtet blieb. Jeden Augenblick, den er im Hause verbrachte, war das Auge der Mutter auf ihn gerichtet, wohin er lief und stürmte, in den Zimmern, im Hausflttr. in denr winzigen Hofraum. Ucbcrall beobachtete sie ihn von der Küche aus. Befand er sich in der dumpfen und stumpfen, in der niederdrückenden Stimmung, so hatte sie tausend Ausreden, um sich ebenfalls in demselben Raum mit ihm aufzuhalten. Doch geschah es so unauffällig, so wenig störend, daß er es wie eine Mauer erachtete, um nicht mit seiner Verzweiflung in die wilde Welt hinauszueilen. Und gar erst die liebevolle Art. wie sie ihm in die Augen sah, als wollte sie jeden Schimmer eines Wunsches schon bei der Wurzel erfassen, um die Erfüllung bald herbeizuführen. Und er bemerkte dies alles, ob er wollte oder nicht, und er war ihr dankbar dafür. Freilich ging Chaje Rachel in ihrem Bestreben oft zu weit und übertrieb ganz gewaltig. Es war ihr inständiges Flehen, daß er sich wieder einen langen Bart wachsen ließ, der ihm bis auf die Brust hinabreichte und somit den ganzen- Hals bedeckte. Er hatte ihren Wunsch erfüllt, weil er sich mit Bitterkeit erinnerte, daß er sich damals durch Ellen bewegen ließ, den Bart abnehmen zu lassen. Dann wurden auf einmal sämtliche Tischmesser unbegreiflich stumpf. Es siel ihm wohl auf, aber er machte keinerlei Bemerkung darüber; er glaubte es dem Mangel seiner Wahrnehmungsgabe der letzten Zeit zuschreiben zu müssen; sicherlich war es auch schon früher so gewesen, nur daß es seiner Aufmerksamkeit entgangen, bis er viele, viele Wochen später, als er zufällig die Küche betreten, die Mutter überraschte, als sie die Messerschneiden über die Ofentür zog, um die Schärfe abzustumpsen. Ueber diese kindische Vorsichtsmaßregel, über die Einfalt seiner alten ängstlichen Mutter mußte er unwillkürlich lächeln, als ob nicht unzählige andere Mittel vorhanden wären, um ein unerträgliches Dasein zu beenden, wenn er einem solchen Gedanken hätte Raum geben wollen. Dennoch aber hatte ihn der Schreck bei diesem Anblick fast überwältigt. Die Todesangst der Mutter, die sich in dem Bestreben offenbarte, wenigstens, soweit es in ihrer Macht lag, die Verlockung zu einer unüberlegten Tat zu verhindern. machte ihm -erst klar, wie sehr seine gewohnte, frühere Lebensweise sich geändert haben mußte, um bei seiner Mutter eine solche Möglichkeit aufkomnren zu lassen. Er gab sich einen energischen Ruck, und wie mit einer eisernen Klammer hielt er die Gedanken zusammen, um sich über seine Lage Rechenschaft zu geben. Erschreckt, aufgeregt, drängte sich ihm der Äedanke äus, daß er, wenn er weiter so lebe, wie in den letzten Monaten, sicherlich aus dem besten Wege war, die Angst der Mutter zu rechtfertigen. Und so begann er wieder zu lesen. Mit einem gewissen Zorn stieß er das Buch von sich, und ein Heller Mick erstrahlte in seinen Augen. „Ja, warum denn nicht?" sagte er sich nach einem kurzen Nachdenken. „Heute ist ja der dritte Sonntag im Monat, und Frau Mahlows Empsangstag. Es wird gut sein, den wieder erwachten Geist der härtesten Probe zu unterziehen. Es ist notig, durch Beimischung einer kleinen Portion Waghalsigkeit den Mut zu stärken." Ja, er -wollte heute noch seine Verbindung mit den Mahlows wieder aufnehmen. Er erhob sich und nahm den Regenmantel, der im Hausflur hing. Chaje Rachel war sofort neben ihm. „Wohin gehst du, Awromele?" fragte sie beunruhigt. „In die schöne Welt hinaus, Mütterlein!" „Es regnet doch aber," fuhr sie fort, als wäre diese Tatsache nur ihr allein bekannt. „Weißt du. was ich da machen werde? Ich gehe unter dem Regen," sprach er lächelnd. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß Chaje Rachel sich in ihren religiösen Empfindungen nicht zurechtfinden . konnte. Sie wußte alle Segenssprüche auswendig, die ein frommer Jude bei irgendeiner außergewöhnlichen Erscheinung oder Begebenheit beten muß. In Chaje Rachels dickleibigem Gebetbuche waren alle Segensfprüche in einer stattlichen Reihe aufgeführt: bei denr Essen und Trinken und bei dem Anblick eines Regenbogens, bei schönen Düften und Wohlgerüchen und bei dem Anblick eines gekrönten Hauptes, bei dem Annageln einer „Mesuse"und bei dem Befahren des Weltmeeres, bei dem Anlegen eines neuen GewandeH und bei dem Anblick eines Zwerges, bei dom Ausbruch eines Unwetters und bei dem Vernehmen einer Trauerbotschaft; aber unter all diesen fand Chaje Rachel keinen Passenden Segensspruch, den sie bei dieser befremdlichen Erscheinung, die ihr Sohn nach so vielen Monaten darbot, hätte beten können. Es war lange her, seitdem sie das altbekannte, wohllautende, aus dem Herzen komnrende Lachen ihres Sohnes gehört, wie es ihr aus seiner Kinderzeit noch erinnerlich war. Ihr fehlte sogar die Ueberlegung, um für alle Fälle die ganze Reihe der Segenssprüche zu beten, unter denen doch getviß einer vorhanden war, der für dieses Lachen Passen dürfte. Aber sie entschädigte sich dadurch, daß sie seine beiden Hände erfaßte, die sie weinend, leidenschaftlich an ihr Herz preßte. Und das war auch ein inbrünstiges Gebet. Der Sohn leistete keinen Widerstand; er wollte ihr die Freude nicht stören und den Sonnenstrahl auf ihrem Gesichte nicht trüben. Jawohl, das Haus muß ihr in der letzten Zeit sehr finster gewesen sein. „Awromele, ich glaube, daß -das unreine Ungeziefer wieder anfängt das Haus zu verlassen," sprach sie unter Tränen lächelnd. Wehmütig erwiderte er ihr Lächeln. „Mutter, ich werde recht zeitig wieder zurück sein." „Nein, das sollst -du nicht," widersprach sie fröhlich. „Ich habe noch sehr viel zu tun, und du würdest mir nur im Wege sein." Ja, sie hatte viel zu tun, alle die Psalmen, als Dankopfer, zu beten, da doch Awromele wieder ihr Kind geworden war. In seiner wieder erwachten Lebenslust ging er zu Frau Mahlow, um sich kopfüber in den Gesellschaftsstrudel zu stürzen. Daher war er ganz enttäuscht, als er im Empfangszimmer keine Gäste, sondern Frau Mahlow mit ihren -beiden Töchtern antras, die ihn alle ungezwungen begrüßten. Frau Mahlow begrüßte ihn mit einem herzlichen Lächeln, während

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