Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
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65 fein ttwg. Dwse Auffassung bekannte die jüdische Religion zwei Jahrtausende hindurch und bekennt sich noch heute zu ihr. Mit dieser Auffassung hängt die unumstößliche Tatsache zusammen, daß das Judentum nunmehr seit zweitausend Jahren Religion ist, aber weder Nation noch Nationalität. Diesen altererbten Standpunkt nahm unsere Landesrabbinerschule bisher ein und verharrt aus diesem auch jetzt. Pflege der jüdischen Religion und Wissenschaft des Judentums sowie Verbreitung der ungarisch-nationalen Kultur ist die Ausgabe unserer Hochschule; getreu hat sie diese in der Vergangenheit erfüllt, getreu wird sie sie auch in Zukunst erfüllen. Gleichwie in den vergangenen Jahrzehnten, wird sie auch fürderhin dem bei ihrer Gründung ihr vorgesteckten Ziel entsprechen: der ungarischen Judenheit Rabbiner zu erziehen, die mit dem heiligen Eifer im Dienste der Konfession die edelste patriotische Begeisterung für die Ideale der ungarischen Nation in sich vereinigen, für jene Ideale, von denen die ungarische Staatsregierung sich in ihren Entschließungen und Bestimmungen in bezug aus unsere Anstalt leiten läßt und in deren Folge sie unserer Anstalt den staatlichen Charakter verleiht. Vermöge unserer religiösen Ideen und glaubensbrüderlichen Gefühle hängen wir mit Liebe am Heiligen Lande und begrüßen und fördern aus wärmster Innigkeit jedes Bestreben, das sich für sein Interesse kundgibt. Mit unzerreißbarer Kette schmiedet uns ein zweitausendjähriges Martyrium mit der Judenheit des ganzen Erdkreises zusammen; mrt der heißesten Glut und lebendigsten Kraft unseres Herzens unterstützen wir jedes Bemühen, welches sich auf die Befreiung unserer wo immer auch unterdrückten Glaubensgenossen richtet. In unverbrüchlicher Liebe und Treue fühlen wir uns eins mit der Gesamtjudenheit; allein von politischen Strömungen, die in deren Schoße in verschiedenen Ländern durch verschiedene Zustände und Gestaltungen, aus verschiedenen Ursachen und zu verschiedenen Zwecken mehr oder minder hohe Wellen werfen, können wir uns nicht beeinflussen lassen. Unser Bekenntnis lautet und lautet: die ungarische Judenheit bildet einen organischen Teil der ungarischen Nation — sie war es und bleibt es. Unter Wahrung des väterlichen angestammten Glaubens sind die ungarischen Juden Kinder der ungarischen Nation. In den Spuren dieses Geistes werden wir unsere Wirksamkeit zum Heile der Konfession und des Vaterlandes sortführen. Der Prosessorenkörper der Landesrabbinerschule: Direktor Ludwig Blau, Dr. Julius Fischer, Dr. Michael Guttmann, Dr. Simon Hebest, Dr. Max Klein, Dr. Ludwig Venetianer, Dr. Max Weiß, Armin Balogh, Dr. Heinrich Bloch, Dr. Moritz Dercsenhi, Wilhelm Hausbrunner. Budapest, 13. Januar 1919. DjrjfrnkjüAlcheVMshochlchulejnSerün. m Sonnabend, den 1. Februar, ist in Berlin von den Vertretern der Jüdischen Gemeinde und anderer großer jüdischer Organisationen und Vereine eine Freie jüdische Volkshochschule gegründet worden. Umfangreiche Vorarbeiten, die vorhergegangen waren, ermöglichen die Eröffnung des Lehrbetriebes in kürzester Zeit. Am Sonntag, den 23. d. M., wird sich das neue Unternehmen mit einer großen Kundgebung an die Judenheit Berlins wenden. Was Volkshochschulen sind und was sie wollen, braucht mmt heutzutage nicht mehr des längeren auszuführen. Sie sind die Stätten, an denen die Ergebnisse der Wissenschaft den Massen zugänglich gemacht werden; sie wollen im Unterschiede von den Universitäten, die die Lehrer heranbilden, dem Laien etwas bieten, das er nicht mehr findet, sobald er die Schule verlassen hat: die systematische Fortbildung auf verschiedenen Gebieten; sie haben die ungeheuer wichtige Aufgabe, das Bildungsniveau eines ganzen Volkes zu erhöhen. In den wenigen Jahrzehnten ihres Bestehens hat die deutsche Volkshochschulbewegung Musterhaftes geleistet und immer weitere Kreise gezogen. Sie ist dazu berufen, in der kommenden Neuordnung unseres Bildungswesens eine bedeutende Rolle zu spielen. Es sind nicht etwa Eigenbrötelei und Absonderungsgelüste, die seit vielen Jahren das Verlangennach einer jüdischen Volkshochschule hervorgerufen haben. Man mag über jüdischkonfessionelle Schule denken, wie man will: die „Religivnsschule", an der jüdische Kinder im Sinne und Geiste des Judentums erzogen werden, muß und wird es stets geben, ob auch der obligatorische Religionsunterricht fortfällt und die Trennung von Kirche und Staat vollzogen wird. Die Religionsschule bedeutete aber bisher in vielen Fällen den Abschluß der jüdischen Bildung. Gewiß wurden hier und dort Fortbildungskurse errichtet, und unzählige Vereine ließen, sei es für die eigenen Mitglieder, sei es für die größere Oeffentlichkeit, Vorträge über jüdische Themen halten, aber im großen lind ganzen war es so, daß unsere Jugend, wenn sie, aus der Schule entlassen, ins Leben trat, daß reife Männer und Frauen, wenn sie Lust und Zeit hatten, sich über Judentum zu unterrichten, keine Gelegenheit fanden, ihren Wissensdurst zu befriedigen. Den massenhaften Erscheinungen auf dem Büchermarkt steht der Laie ohne Führer ratlos gegenüber; er wählt Ungeeignetes oder verliert überhaupt das Interesse, und wollten wir selbst alle Vorträge hören, die im Laufe eines Winters jüdisches Wissen behandeln, wir ständen am Schlüsse so klug da wie zuvor, denn man kann nicht in kurzen, zusammengedrängten Vorträgen heute über „Jüdische Religionsphilosophie" und morgen über „Die Ausgrabungen in Palästina", an einem Tage über „Die Entstehung der Bibel" und am nächsten vielleicht über „Judenrecht" hören, ohne daß ein heilloses Durcheinander entsteht und ein Eindruck den anderen verwischt, statt ihn zu vertiefen. Eine grenzenlose Unbildung auf jüdischem Gebiete haben wir auch heute noch trotz allen Eifers und aller positiven Arbeit bei vieleil, lim nicht zu sagen: bei dem größten Teil der deutschen Juden zu beklagen. Aus nichtjüdischen, ja selbst aus feindlichen Tagesschriften schöpft man vielfach die einzige Kenntnis von Juden und Judentum. Daß hier Wandel geschaffen werden muß, wird allgemein gefühlt und anerkannt. Jahrzehnte liegen die ersten Anregungen zurück, die den Mangel durch eine jüdische Volkshochschule za höben versuchen wollten, und auch in diesem Blatte wurden wiederholt derartige Institute gefordert. In keiner Zeit aber war die Notwendigkeit so gebieterisch wie gerade. augenblicklich, da die Stürme der Revolution uns umtoben. Die Kenntnis vom Judentum ist die beste Schutzwehr gegen den überhandnehmenden Abfall im Innern und die beste Verteidigung gegen die von außen drohenden feindlichen Angriffe. Aus dieser Ueberzeugung heraus wurde die jüdische Volkshochschule jetzt trotz der Ungunst der Verhältnisse begründet. Der Name „Freie jüdische Volkshochschule" faßt in sich das Programm zusammen. Die Hochschule soll vor allem frei sein, keiner religiösen oder politischen Richtung im Judentum dienstbar. So wie Liberale, Konservative und Zionisten einträchtig an ihrer Entstehung mitgowirkt haben, so sollen auch alle Richtungen in ihr zu Worte kommen. Sie soll nur die Plattform sein, auf der ein jeder lehrend überzeugen kann; ein jeder Dozent mag in wissenschaftlicher Weise seinen Standpunkt vertreten. Auch die modernen politischen Strömungen dürfen nicht ausgeschlossen werden, solange sie von fachmännischer Seite nicht agitatorisch, sondern objektiv dargestellt werden; wollen wir doch gerade den Hörer dazu befähigen, sich ein Urteil über das Judentum — nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart — zu bilden. Nichts Jüdisches darf uns fremd söin. Vielleicht, daß die Erbitterung unserer inneren Kämpfe schwindet, wenn wir etwas mehr vom Gegner wissen. Die Wissenschaft des Judentums ist groß genug, um das Lehrgebiet einer Volkshochschule auszufüllen. Die Bibel, die nur wenige von uns gut genug kennen, jüdische Geschichte und Literatur, die hebräische Sprache, jüdische Ethik und Religions- Wissenschaft, Volks- und- Gesellschaftskunde sind die Fächer, die behandelt werden sollen, teils in volkstümlich gehaltenen