Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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- - 64 -- alle Gebiete zu behandeln. Dr. Le * zhnsky erklärt, daß bei der Aufstellung des Lehrplans keinerlei Parteinahme für irgendeine politische oder religiöse Richtung im Judentum mitbestimmend war. Auch der Zentraloerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wurde . gebeten, seine Wünsche für den Vorlesungsplan bekanntzugeben, und hat um Aufnahme einer Vorlesung über die Trennung von Staat und Kirche ersucht. Die Parität ist demnach vollkommen gewahrt. Wenn unverzüglich mit der Arbeit begonnen wird, so wird es an Hörern nicht fehlen. Nach einer Mitteilung des Vorsitzenden haben bisher folgende Organisationen ihre Mitarbeit an der Freien jüdischen Hochschule zugesagt: Jüdische Gemeinde zu Berlin, Verein für jüdische Geschichte und Literatur, Ausschuß für jüdische Kulturarbeit und der Verband der Shnagogenvereine. Für den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens geben Profeffor Dr. B l u m e n t h a l und Lehrer Borchardt die Erklärung ab, daß der Zentralverein die neue Anstalt mit einem Jahresbeitrag von 2000 Mark unterstützen will. Er ist jedoch bereit, diesen Beitrag um 1000 Mark zu erhöben, wenn ihm dafür ein weiterer Sitz im Geschäftsführenden Ausschuß zugestanden wird. Professor Dr. K a l i s ch e r, Vorsitzender des Deutsch-Israelitischen G e m e i n d e b u n d e s , erklärt, daß seine Organisation zu dieser Frage noch nicht Stellung nehmen konnte, er glaubt jedoch, ihren Anschluß in Aussicht stellen zu können. Eine ähnliche Erklärung gibt Rabbiner Dr. B l u m e n t h a l für den Rabbinerverband ab. Für den Nationaljüdischen Kulturausschuß und das Kartell jüdischer Studenten erklärt Dr. Kirschner die Bereitwilligkeit . zur Mitarbeit; Lehrer H i r s ch f e l d betont das lebhafte Interesse, das die Wissenschaftliche Vereinigung' jüdischer Lehrer und Lehrerinnen der Hochschule entgegenbringt: Frau Henriette May überbringt die Zustimmung des Jüdischen Frauenbundes, Prediger Dr. Lehmann den Anschluß der Toynbee-Halle. Nach diesen Erklärungen schreitet die Versammlung zur Wahl d e s K u r a t o r i u m s, das aus vierundzwanzig Mitgliedern der angeschlossenen Verbände, zwei Abgeordneten der Mitgliederversammlung und zwei Delegierten des Dozentenkollegiums besteht. Hierauf erfolgt die Wahl des G e s ch ä f t s f ü h r e n d e n A u s s ch u s s e s , der sich aus sieben Mitgliedern des Kuratoriums znsammensetzt. Den Vorsitzenden stellt die jüdische Gemeinde zu Berlin in Herrn Rabbiner Dr. Bergmann, den stellvertretenden Vorsitzenden der Nationaljüdische Kulturausschuß in Profeffor Dr.. Heinrich L o e w e. Dem Kuratorium gehören ferner an Geheimrat Profeffor Tr. B l u m e n t h a l, Dr. Eliasberg, Direktor Dr. G u t t m a n n, Rechtsanwalt Dr. Strauß und David W o l p e. In den Wissenschaftlichen Beirat werden die Herren Dr. Gotthold Wehl, Dr. S. Bernfeld und die Rabbiner Dr. B a e ck und Dr. H o ch f e l d gewählt. Nach kurzer Aussprache wird beschlossen, mit den Vorlesungen baldmöglichst, jedenfalls aber noch im Laufe des Monats Februar, zu beginnen. Ein Dank des Vorsitzenden, der in einer Bitte um eine fleißige Mitarbeit ausklingt, boschließt den Abend. E. M. * Unter der Uebevschrift: ,,Jüd ische Wün>s che zum württembergis ch e n V e r f a s s ungsentwnr f" wird uns geschrieben: „Eine vom- S t u t t g a r t e r I s r a eliti - s ch e n Kirchenvorst e h e r a m t einberufene öffentliche Gemeindeversammlung, die 1 von Vertretern der Gemeinden Cannstatt, Gmünd, Göppingen, Hall, Lehrensteinsfeld, Ulm lind Stuttgarter Gemeindegenossen überaus stark besucht war, beschäftigte sich mit der Stellung des Judentums in der württem'bergischen Verfassung. Die Referenten, Herr Rechtsanwalt Dr. G n n zen h a u s e r un»b Herr Rechtsanwalt Dr. Lepman, sprachen über „Die kirchlichen Verhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs in Gegenwart und Zukunft". Die Aussprache, an welcher sich unter anderen die Herren Rechtsanwalt Dr. Hirsch (Ulm), Landgerichtsdirektor Stern, Dr. med. Cäsar Hirsch, Dr. med. Hugo Levi und Rechtsanwalt Dr. Hirsch (Stuttgart) beteiligten, gestaltete sich recht lebhaft und zeigte, welch großes Interesse alle Kreise und Richtungen innerhalb der Gemeinde der zukünftigen Gestaltung der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs entgogenbringen. In. der von der Versammlung einstimmig angenoinmenen Entschließung wird vor allem die Erwartung ausgesprochen, daß in die Verfassung folgende Bestimmungen ausgenommen werden: 1. Die israelitische Neligionsgemeinschaft und ihre Gemeinden sind Körperschaften des öffentlichen Rechts (zu § 12 Abs. 2 des Dersassnngsentwurfs), 2. die israelitische Religionsgemeinschaft und ihre Gemeinden haben das Recht der Besteuerung ihrer Mitglieder auf der Grundlage der Staats- und Gemeindesteuern (zu 8 13 des Derfassungsentwur^es)." * Aus Wien wird uns geschrieben: Samstag abends ist nach längerer Krankheit das Mitglied des Nationalrats Ministerialrat a. D. Kamill Kur an da im 69. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene, ein Sohn des Begründers der „Ostdeutschen Post" — Mitglied des Frankfurter Parlaments und des ersten österreichischen Reichsrats — Dr. Ignaz K u r a n d a, kam nach Absolvierung seiner Studien in jungen Jahren als Beamter in das Handelsministerium, in welcher Zentralstelle er in verschiedenen Departements tätig war. Später wurde er der Eisenbahnsektion des Handelsministeriums zugeteilt und bei der Gründung des Eisenbahnministeriums in dieses übernommen. Kuranda, der über eine ganz ungewöhnliche Bildung und über ein vielseitiges Wissen verfügte, zählte zu den hervorragendsten Funktionären des Eisenbahnministeriums. Seine ausgezeichneten Arbeiten, auch legislatorischer Art, fanden die verdiente Würdigung. Kuranda bekleidete zuletzt im Eisenbahnministerium die Stelle eines Ministerialrats. Nachdem er aus dem Staatsdienste ausgetreten war, wandte er sich der aktiven Politik zu und errang ein Mandat im Kaiviertel. Im Abgeordnetenhaus betätigte er sich in sehr erfolgreicher Weise an den verschiedensten Arbeiten auf dem Gebiete des Eisenbahn-, des Stetterwesens sowie auf dem Gebiete der Sozialpolitik. Er war ein schlagfertiger, witziger Debatter und jederzeit der Aufmerksamkeit des Hauses sicher, wenn er das Wort ergriff, denn er beherrschte die Materie stets in vollendeter Weise. Mit seinen parlamentarischen Arbeiten war aber der Umsang seines Wirkens nicht erschöpft, ebensowenig wie seine bureaukratischen Berufsarbeiten in früheren Jahren seinem Tätigkeitsdrang genügt hatten. Er betrieb bis in die letzte Zeit tiefgründige wissenschaftliche Studien. Er war einer der besten Kenner der historischen und philosophischen Literatur, und als charakteristisch für den Dahingegangenen sei hier nur angeführt, daß er seinerzeit eine vielbemerkte Gedenkrede auf Theodor M o m m s e n hielt. Dabei warereintreuer, aufrechter Jude, der für sein Judentum stets mutig in die Schranken trat. Jahrzehnte hindurch saß er in der Leitung der „Israelitischen Allianz", deren Aufgaben er sich mit Hingebung widmete. Kuranda, der das glücklichste Familienleben geführt hatte, erlebte den großen Schmerz, daß sein ältester hoffnungsvoller Sohn Rafael ein Opfer des Krieges geworden ist. An seiner Bahre trauern seine Gattin, Frau Else Kuranda, und sein minderjähriger Sohn Peter sowie ein großer Kreis von Freunden, den sich Kuranda im Laufe der Jahrzehnte zu erwerben und festzuhalten verstanden hat. ch Das ungarische La nd es r abb i ner.sem i nar veröffentlicht folgende Erklärung, von der wir gern Notiz nehmen: Im Bewußtsein unserer schweren Verantwortlichkeit fühlen wir uns angesichts mancher zutage getretenen Erscheinungen behufs Orientierung der Oefsentlichkeit zu der hier folgenden Erklärung veranlaßt: Die jüdische Religion ist unabhängig von Staat und Land, von Volk und Nation. Im Sirnne unserer Religion ist Jude, wer den jüdischen Glauben bekennt, wes Volkes Kind durch Geburt oder welcher Nation Sohn durch politische Zugehörigkeit er immer auch