Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229398--74667-3287130- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
63 Talmud", „Theismus und Naturfovschung in ihrem Verhältnis zur Theologie", eine gelehrte Schrift über Zunz und eine Arbe'it Mer „Priester und Propheten". Eine Anzahl größerer Aufsätze erschien in dem von M. Rahmer herausgegebenen „Literaturblatt" sowie in der „Allg. Zeitung des Judentums"; ferner sind zahlreiche Predigten des Verstorbenen im Druck erschienen. Wir verlieren in dem Heimgegangenen einen langsährigen Mitarbeiter und bewährten freund, dem wir ein treues Gedenken über das Grab hinaus bewahren werden. * Die Beerdigung Ludwig Geigers fand heute mittag unter zahlreicher Beteiligung weiter Kreise auf dem Alten jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee statt. Voran gina eine Trauerfeier, über die wir in der nächsten Nummer ausführlich berichten werden. * Am Sonnabend. den 1. Februar, ist die Begründung der freien jüdischen V o l k s h o dh f cf) li f c unter Beteilimmp des Vorstandes d e r Jüdischen Gemeinde, des ZentralVereins d e n t s cd e r Staatsbürger j ü d i s ch e n Glaubens, des (zionistischen") Ausschusses für silbische Kulturarbeit, des Vereins für indische Ges ch i ch t e und Literatur und des Verbandes der S v n a g o g ende r e i n e i ü r Berlin u n d V o r v r t e erfolgt. D'e genannten Verbände hatten ihre Vertreter zu einer konstituierenden Sitzung abaeordnet. an der auch zahlreiche führende Persönlichkeiten des geistigen jüdischen Berlin?- teilnalnnen. Als Beauftragter des Vorbereitenden Komitees eröffnete Rabbiner Dr. B e r g m a lt n die Verhandlungen mit einer Begrüßungsnnsvrache. in der er die Delegierten herzlich willkommen hieß. Er entwickelte die Geschichte des Hochschulgedankens, der von verschiedenen Kreisen der Berliner Gemeinde ausgegangen ist, die nahezu gleichzeitig die Notwendigkeit erkannten, eine Stätte zn schaffen, von der aus die Wissenschaft des Judentums in weitere Schichten getragen werden kann. Die jüdische Volkshochschule bezweckt die Verbreitung des Wissens von Juden und Judentum, insbesondere durch die Veranstaltung populär-wissenschaftlicher Vortragsfolgen. Sie will durch die gesickerten Ergebnisie wissenschaftlicher Forschung Liebe und Interesse für das Judentum erwecken. Die Hochschule soll sich von jeder Parteinahme für irgendwelche religiöse oder politische Strömlingen im Judentum freihalten. An der Spitze der neuen Anstalt soll ein K u r a t o r i u m stellen, das aus Angellörigen der verschiedenen Richtungen im deutschen Judentum zusammengesetzt ist; ein G e sch ä f t § fü h r e n d e r Ausschuß, den Vertreter der großen Organisationen bilden, leitet die Geschäfte: ein Wissenschaftlicher Beirat von namhaften Gelehrten entwirft den Lehrplan und beruft die Vortrageuden. Der Lehrplan soll alle Gebiete des jüdischen Geisteslebens umfassen. Neben den Kulturgütern der Vergangenheit sollen auch die Gegenwartsfragen mit wissenschaftlichem Ernst erörtert werden. Außer Vorträgen sind seminaristische Uebungen und anderes mehr vorgesehen. Das Wissen, das die neue Anstalt verbreiten will, soll weite Kreise befruchten. Deshalb soll der volkstümliche Charakter des Unternehmens gewahrt bleiben; nicht gelehrte Hppothesen, sondern nur gesunde geistige Kost, die gesicherten Ergebnisie wissenschaftlicher Forschung, soll den Hörern übermittelt werden. . Die Frage, ob die Gegenwart mit ihren Stürmen und Nöten geeignet ist, ein volkserzieherisckes Werk zu beginnen, hat die Mitarbeiter oft beschäftigt. Sie haben diese Frage rückhaltlos bejaht. In bewegten Zeiten hat Israel immer wieder in der Thora und im jüdischen Schrifttum Kraft und Hilfe gesucht; auch heute soll in bewegter Zeit eine geistige Wiedergeburt des deutschen Judentums vorbereitet werden. Es wird ein Ehrenzeichen der deutschen Judenheit sein und bleiben, daß sie in der Zeit der größten materiellen Not ihre geistige Erneuerung vorbereitet hat. Aufbau und Organisation der Hochschule behandelte Dr. Leszynsky. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur, der Verband der Synagogengemeinden in Groß-Berlin und der Kulturausschuß der Zionisten haben sich zur Errichtung einer jüdischen Volkshochschule vergingt, um in gemeinsamer Arbeit eine neutrale Plattform für den Ausbau und die Förderung der jüdischen Wissenschaft zu schaffen. Das Statut der neuen Gründung gipfelt in der Forderung, daß die Anstalt eine Stätte voraussetzuugsloser freier Wissens,chaft werden soll, wo jeder lehren und lernen darf, was er will. Alle Organisationen sollen zur Mitarbeit herangezogen werden. Ein besonderer Dank des Vorbereitenden Ausschusses gebührt Herrn Benas Levh, der sich hingebungsvoll an den Arbeiten beteiligte, sowie den Herren .Justizrat Magnus und Professor Dr. L o e w e. Der Ausschuß erwartet, daß der neuen Hochschule aus allen Kreisen des Judentums Hörer Zuströmen werden. Dr. Eliasberg erläutert die Organisation des Lehrbetriebes. Das Studienjahr soll in Trimester ein geteilt werden, von denen das erste die Zeit bis zum Pessachfeste, das zweite bis zürn Juni, das dritte bis zum Dezember dauern wird. Der Lehrplan soll freibeweglich sein und Rücksicht daraus nehmen, daß die Hörer nur einen Teil ihrer Zeit widmen können. Die Freiheit soll jedoch keinesfalls zur Systemlosigkoit werden; auf einen geregelten Studiengang soll der größte Wert gelegt werden. Für die Vorlesungen stehen an vier Wochentagen je drei Stunden zur Verfügung. Für alle Wissensgebiete sind Dozenten vorhanden. Der Lehrplan sür das erste Trimester weist folgende Vorlesungen auf: Dr. Bleichrode: Mischna-Lektüre; Dr. Loewenthal: Ausgewühlte Dichtungen von Jehuda. Halevi: Dr. War sch auer: Einleitung in die Bibel: Dr. Bernfeld: Geschichte der neuhebräischen Literatur; Dr. Bergmann.: Judentum und Griechentum; Dr. Tykocinski: Jüdische Geschichte des Mittelalters in Deutschland und Frankreich; Dr. K e l l e r m a n n : Geschickte der jüdischen Religionsphilosophie; Seminarlehrer L i P schitz : Der Chassidismus: Dr. Baeck: Judentum und Christentum; Tr. Wilhelm Lewy: Das jüdische Religionsgesetz: Professor Tr. Loewe: Allgemeine jüdische Volkskunde; Dr. Hirsch seid: Trennung von Staat und Kirche: Dr Cohn-Wiener: Jüdische Künstler des neunzehnten Jahrhunderts und der Gegenwart (mit Lichtbildern): Dr. Strauß: Der Zionismus: David Trietsch: Palästina: Direktor Tr. Gntt - ui a n n : Der religiöse Gehalt der Bibel; Dr. L. A. R o s e n t h a l: Der Talmud; Frau Wronsky: Die Ausgaben der jüdischen Wohlfahrtspflege. — Die Vorlesungen sollen am 15. Februar beginnen. Herr David Wolpe trägt den H a i\ s haltsPI a n vor. . Für eine großzügige Propaganda sind in den ersten Etat 8000 Mark einaesetzt worden. An alle Mitglieder der Berliner Jüdischen Gemeinde sollen Aufrufe versandt werden; Aushänge in den Berliner Synagogen und anderen öffentlichen Gebäuden der Reickshauptstadt sowie eine wirkunasvolle Plakatreklame an den Litfaßsäulen sollen die Freie jüdische Volkshochschule bekanntnmchen. Für Dozentenhonorare sind 15 200 Mark vorgesehen; außer einem Vortesunoshonorar von 20 Mark für jede Stunde erhalten die Dozenten die Hälfte der Hörgebühren. Auf Bureauunkosten und kleine Ausgaben entfallen 6500 Mark. Tie Gesamtausgaben belaufen sich auf 29 700 Mark, deren Ausbringung der Gesichäftssührende Ausschuß für aesichert hält. Von einer Anzahl von Körperschaften liegen bereits Zusagen in einer Gesamtböhe von 6500 Mark vor. Andere, unter ihnen der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, haben die Höhe ihres Beitraaes noch nicht festgesetzt. Der Ausschuß ist der Auffassung, daß die Mittel für diese wichtigste Kulturarbeit der Berliner Judenhe.it reichlich fließen werden. Den einleitenden Berichten folgt die Aussprache, die Geheimer Regierunasrat Professor Dr. Geiger eröffnet. Ter Redner bezweifelt die Möglichkeit, am 15. Februar mit dem Lehrbetrieb zu beginnen, da bis heute weder Programm noch Aufrufe gedruckt sind und eine ungenügende Vorbereitung den Erwlg gefährden könnte. Er empfiehlt deshalb, mit den Vorlesungen erst im Oktober d. I. zu beginnen und daun nack Klärung der politischen Lage mit größter Energie zu arbeiten. Auch gegen den Vorlefungsplan in acht Geheimrat Tr. Geiger Bedenken geltend. Er rügt, daß z. B. nur eine Vorlesung über den. Zionismus augekündigt ist, während Vorträge über den Liberalismus und die Orthodoxie fehlen; eine Ungleichheit, welche gegen die Freiheit der Wissenschaft verstoße. Trotz feiner Ausstellungen glaubt Geheim rat Dr. Geiger an die Notwendigkeit der Freien jüdischen Hochschule und an die Möglichkeit ihrer Schaffung zu gegebener Zeit. (Es war feine letzte öffentliche Rede. Die Red.) Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld (Vorstand der Jüdischen Gemeinde) kann sich mit der sofortigen Aufnahme des Lehrbetriebes nur einverstanden erklären, wenn bereits jetzt genügend Hörer vorhanden sind, um das Vorlesungswesen im vollen Umfange aufzunehmen. Die Bevorzugung einer einzelnen Richtung im Lehrplan sei nicht erkenntlich, da von konservativer Seite ein Vortrag über das jüdische Retigionsgesetz angezeigt ist; auch ist es unmöglich, in jedem Trimester