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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-14 · Heft 7 (14.2.1919) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 7 (14.2.1919)
Date
1919-02-14
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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1871). Seine ausgebreiteten literarhistorischen Studien, die vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert so manche . Beziehung der allgemeinen Kultur und des jüdischen Geistes--! lebens seinem Gesichtskreis zuführten, kamen dem nie er-! löschenden Interesse für die Geschichte der Juden zustatten. Er! wurde Redakteur der von der historischen Kommission des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ins Leben gerufenen „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland", die | es auf fünf Bände brachte. (Braunschweig 1886 bis 1892),? und war einer ihrer fleißigsten Mitarbeiter. Wiederholt be-! leuchtete er die ehrwürdige Gestalt Moses Mendelssohns. Er! .hielt bei der Enthüllung von dessen Denkmal im Borgarten! der Berliner Gemeinde-Knaben- und Lehrervovbildungsl schule die Weiherede. Er veröffentlichte kostbare Stücke aus j Mendelssohns Briefwechsel („Mendelssohns Briefe an seine Braut." Privatdruck. Hermann und Hedwig Simon zur! silbernen Hochzeit. Berlin 1906. — „Briefe von, an und über Mendelssohn" im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Lite-; ratur"). In zahlreichen verschiedenen Zeitschriften einver- ' leibten Artikeln hat er, zumeist nach ungedruckten Materialien, ' über Leopold Zunz, den Altmeister der Wissenschaft des Juden-! tums, gehandelt. Ebenso hat er bei Benutzung des Nachlasses; von Moriz Veit für Veröffentlichung interessanter Korresponi denzen („Michael Sachs und Moriz Veit. Briefwechsel."! Frankfurt a. M. 1897, u. a. m.) aus dem vollen schöpfen j können. In zusammenfassender Weise hat er den ihm am! Herzen liegenden Gegenstand, der in vielen seiner Arbeiten zu! berühren war, in dem Werk „Tie deutsche Literatur und die! Juden" (Berlin 1910) behandelt. Hervorgegangen aus Univerj sitätsvorlesungen, setzt sich dies Werk, wie der Verfasser selbst j sagt, mit „einem völkergefchichtlichen Problem" auseinander.! Er darf „mit tiefer Berack>tung alle die offenen und heimj lichen Insinuationen zurückweisen, daß ein deutscher Gelehrter j jüdischen Glaubens bei Beurteilung irgendeiner Zelt oder? irgendeiner Leistung der deutschen Literatur befangen wäre".! Er darf sich der Ueberzeugung rühmen, „daß der deutsche Ge-! lehrte und Schriftsteller jüdischen Glaubens voll und ganz in Sprache und Gesinnung ein Deutscher ist". Die Leser unserer Zeitung, zu denen er so oft gesprochen hat, können die Wahrheit dieser Worte am besten bestätigen. Ludwig Geiger war ein deutscher Jude, im wahrsten und! edelsten Sinne des Wortes. Seine Liebe für das Deutschtum wurzelte in seiner Treue zum Judentum, das unbedingte Liebe und Hingabe zmn Vaterland fordert, ja als ein unverbrüchliches religiöses Gebot vorschreibt. Für ihn waren Deutschtum und Judentum keine divergierenden, sondern sich ergänzende Begriffe, in deren Vereinigung, die ihm seit seiner frühesten Jugend als erstrebenswertes Ziel vorschwebte, er das höchste Ideal seines Lebens erblickte. Diesem Ideal, von dem er bis an sein Lebensende beseelt war, galt seine nimmer rastende schrist-! stellerische Tätigkeit, war seine reiche Lebensarbeit geweiht. Er i war ein Gegner der Orthodoxie und ein noch größerer Gegner! des Zionismus, ailsschlietzlich aus dem Grunde, weil er in der j unvermeidlichen Absonderung vom deutschen Volke, zu der, j nach seiner festen Ueberzeugung, ganz besonders der Zionisj mus führt, eine Gefährdung seines Ideals, ein Hemmnis auf! dem Wege zur Vereinigung zwischen Deutschtunr und Judenj tum gewahrte, deren .schnelle Verwirklichung er zum Heile! beider Teile von reinstem Herzen herbeisehnte. i Er verhehlte sich nicht, daß der Weg zu dieser von ihm! propagierten Vereinigung eiu unendlich weiter fei, er der-! kannte auch nicht die Macht des religiösen Bekenntnisses, die, wie eine unzertrennbare Scheidewand hoch aufgerichtet, alle Ausgleichsversuche illusorisch macht. Allein nicht der Vereinigung des Judentums mit dem Christentum, wie seine Gegner verbreiteten, redete er das Wort — denn er hing, das kann ich und. das können viele, die gleich mir ihn kannten-, mit gutem Gewissen bezeugen, in unverrückbarer Treue dem Väterglauben an —, sondern der Vereinigung zwischen Deutschtum und Judentum, der Verbindung deutschen und jüdischen Geistes, ausgehend von der Ueberzeugung, daß der jüdische Monotheismus, der schon jetzt das gebildete Deutschland beherrscht, auch die noch vorhandene Kluft übevbrücken wird. Er war, vom Geiste der Propheten getragen, des festen Glaubens, daß Israels 'alter Lehre von der Einheit Gottes, die zugleich die Lehre von der Einheit des Menschengeschlechtes ist, die Zukunft gehört, und daß sie früher oder später zu einer Verbrüderung der Menschheit, zu einem auf gegenseitiger Achtung und Treue begründeten Bündnis der Völker führen muß und führen wird. „Was Ludwig Geiger einmal von seinem Vater aussagt" — schreibt sein Biograph —, „gilt auch von ihm: „Er gehörte niemals der Klasse von Gelehrten an, die nur in ihrer Studiersiube ihr, Heil finden." Neigung und Begabung, durch Vorträge und Reden auf eine größere Zuhörerschaft zu wirken, auch wenn sie nicht aus akademischen Kreisen stammt, haben ihn von Stadt zu Stadt.geführt und ebenso an seinem Wohnort oft genug Gelegenheit geboten, ein dankbares Publikum zu belehren und zu erbauen. Auch der Lehranstalt der Wissenschaft des Judentums, deren Kuratorium er angehört, hat er sich gelegentlich als Vortragender zur Verfügung gestellt. Seine unermüdliche Feder hat — abgesehen von feinen Arbeiten als.Goethe-Forscher und sonstigen Werken auf dem Gebiete der allgemeinen Literatur — Zeitschriften und Zeitungen mit zahlreichen Beiträgen versorgt, in denen neben wissenschaftlichen Gegenständen auch Erzeugnisse der heutigen Dichtung oder Fragen des Tages besprochen wurden." Im Ehrendienst der Gemeinde wirkte er ein Vierteljahrhundert als Mitglied des Schul- und Talmüd-Thora-Vorstandes, 10 Jahre laug als Repräsentant und auch nach seinem Ausscheiden aus dem Kollegium als Mitglied der Rabbinerwahl- und der Bibliothekkommission mit seltener Hingebung und Pflichttreue, und immer den Blick auf die höchsten Ziele gerichtet. Er war ein Mann von lauterer Gesinnung und Reinheit des Herzens, streng gegen sich und nachsichtig gegen andere, dankbar für die geringste Aufmerksarnkeit, ein treuer Freund seinen Freunden und gerecht bei der Beurteilung seiner Gegner . Auf ihn darf das Wort unserer Weisen angewendet werden: „Die Tränen, die man um den Tod eines edlen geistig hervorragenden Menschen weint, werden von Gott gezählt und in seinen Schatzkammern aufbewahrt." Albert Katz. Die Woche. Berlin, 12. Februar 1919. ud) die Wochenübersicht dieser Nummer müssen wir mit einer Trnuerbotschnft einleiten: Im Alter von 76 Jahren starb in Berlin der älteste Rabbiner der großen jüdischen Gemeinde, Dr. Josef Stier, nach mehr als 25jähriger Wirksamkeit. Der Heimgegangene, ein geborener Ungar, besuchte das Preßburger Gymnasium und die dortige Talmudschule und studierte an den Universitäten Wien und Breslau, wo er am Jüdisch-theologischen Seminar seine theologische Ausbildung empfing. Sein erstes Rabbinat bekleidete er in Steinamanger, von wo aus er 1890 nach Berlin berufen wurde. In der Reichshauptstadt gewann er sich bald das Vertrauen der Gemeinde, zu deren geachtetsten Kanzelrednern er zählte. Zu seinen besonderen- Obliegenheiten gehörte die Mitarbeit an der Beaufsichtigung des Religionsunterrichts, der er sich, wie allen Erziehnngsfragcn, mit großer Hingabe widmete. Neben seiner Wirksamkeit als Rabbiner entfaltete Dr. Stier auch! eine rege wissenschaftliche Tätigkeit. Unter seinen gelehrten Arbeiten sind besonders hervorzuheben seine Schriften „Die Ehre in der - Bibel" und „Die Ehre im

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