Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nr. 7 Allgemeine Berlin» 14. Februar 1919 eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 5 ITC. — Postscheckkonto 52% Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H5.-H9, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Ludwig Geiger. Von Albert Katz. — Die Woche. — Die yilljull.» Freie;: jüdische Volkshochschule. Von Dr. Rudolf Leszynsky. —Die Dozenten der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums: Dr. Jsmar Freund. Von L. G. — Ein alter Freimaurerbrief. — Jüdische Denker und Dichter: Seligmann Heller. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Lübeck, Magdeburg, Göttingen, Nürnberg, Zürich. — Von Nah und Fern. . [*"Ludwig Geiger. { ie „Allgemeine Zeitung des Judentums" hat einen schweren Verlust erlitten! Unser verehrter Herr Chefredakteur Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger ist in der Nacht zum 9. Februar plötzlich gestorben — zum großen Schmerz seiner Hinterbliebenen und zum aufrichtigen Bedauern eines großen Kreises von Freunden und Verehrern, die sein von erfolgreicher Geistestätigkeit gekröntes Leben kannten und zu würdigen verstanden. Mit ihm ist eine der markantesten Persönlichkeiten der deutschen Judenheit aus dem Leben geschieden, ein Mann, der, mit den Gelehrte und Forscher kennzeichnenden Geistesgaben und Charaktereigenschaften begnadet, seinen Zeitgenossen gewissermaßen als Pfadfinder voranschritt. Sein Name war ein Programm, das zwar von vielen bekämpft, von vielen aber nicht nur gebilligt, sondern geradezu als untrüglicher Wegweiser für das deutsche Judentum im Kampfe um seinen Fortbestand bezeichnet wurde. Dies kam besonders stark zum Ausdruck, als er am 5. Juni vorigen Jahres seinen 70. Geburtstag beging, der ihm aus allen Teilen des Deutschen Reiches zahlreiche Ehrenbezeigungen einbrachte und einer großen Schar führender Männer unserer Glaubensgemeinschaft als willkommener Anlaß diente, in dankbarer Anerkennung feiner hingebungsvollen Wirksamkeit für den geistigen und sittlichen Fortschritt der deutschen Juden eine seinen Namen tragende Stiftung bei der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu begründen. Ludwig Geiger, am 5. Juni 1848 in Breslau geboren, absolvierte das dortige Maria-Magdalena-Gymnasium und siedelte 1863, noch nicht 17 Jahre alt, mit seinem berühmten Vater Abraham Geiger, der dem Ruf als Rabbiner seiner Vaterstadt folgte, nach Frankfurt a. M. über. Der frühreife Jüngling - wir folgen hier der trefflichen biographischen Skizze des Professor Dr. Alfred Stern (Zürich) in der von unserem Verlag dem Verstorbenen anläßlich seines 70. Geburtstages gewidmeten, mit seinem Bild geschmückten Sonderbeilage — bezog die Universität Heidelberg, vornehmlich, um zur Vorbereitung auf den Berus des Rabbiners philologischen Vorlesungen zu folgen. Indessen nicht lange währte es, so hatte er nach starken inneren Kämpfen dem Vater durch die Erklärung seines Entschlusses, das Studium der Theologie aufgeben zu müssen, einen großen Schmerz zu bereiten. Wie der Vater sich damit abfand, „einen schönen Traum genährt zu haben", wie er „seinen Empfindungen Schweigen gebot, wo es den inneren Frieden des geliebten Sohnes betraf", zeigt der wundervolle Brief vom 14. Januar 1866, den der Sohn in dem Gedenkbuch „Abraham Geigers Leben und Lebenswerk" S. 177 ff. zum Abdruck gebracht bat. Die Universitätsstudien wurden in Göttingen fortgesetzt, wo Ludwig Geiger schon im Frühling des Jahres 1868 den Doktorgrad in der philosophischen Fakultät erwarb. Die Berufung des Vaters als Rabbiner nach Berlin führte auch Ludwig 1870 in die Hauvtstadt Preußens, die bald zur Hauptstadt des Deutschen Reiches wurde. An der Berliner Universität habilitierte er sich 1873 als Privatdozent. Einige Jahre genoß er noch das Glück innigen häuslichen Zusammenseins mit dem Vater, der ihm immer ein leuchtendes Vorbild blieb, und mit dem er so viele Züge gemein hatte. Die erschütternde Kunde des durch einen Hirnschlag im Schlaf Hinweggerafften traf ihn während einer italienischen Studienreise. Er selbst, seit 1880 außerordentlicher Professor der Literaturgeschichte, im folgenden Jahre durch den Bund mit einer an Geist und Herz ausgezeichneten Frau beglückt, entfaltete eine immer ausgedehntere akademische Tätigkeit und machte fein Haus zu einer Stätte edler Geselligkeit. Der wissenschaftliche Ertrag seines rastlosen Fleißes läßt sich unschwer in drei Gruppen von Gegenständen zusammenfassen, die unter sich durch mannigfache Verbindungsfäden verknüpft sind. Die erste Gruppe betrifft die Geschichte des Humanismus und der Renaissance, die zweite die Geschichte der neueren, insbesondere der deutschen Literatur, die dritte die Geschickte der Juden, zumal in Deutschland. Auf ganz natürliche Weise war schon in dem Studenten durch die Beschäftigung mit der hebräischen Svroche das Interesse an der Gestalt des großen Humanisten Reuchlin (in gräzisierter Namensform Capilion) geweckt, in dessen Leben der Streit um die Bücher der Juden eine große Rolle spielt. Dem Sohne Abraham Geigers, der dem Vater in der Herausgabe von dessen nachgelassenen Schriften (5 Bände. Berlin 1875 bis 1878) und in der liebevollen Biographie (in dem Sammelwerk „Abraham Geiger. Leben und Lebenswerk". Berlin 1910) ein würdiges Denkmal gesetzt hat, lag die Beschäftigung mit der Geschichte der Juden an sich nähe. Schon seine lateinische Abitllrientenarbeit „Urteile griechischer und römischer Schriftsteller über Juden und Judentum", die als Berliner Habilitationsschrift im Druck erschien, behandelte einen diesem Gebiet entnommenen Stoff. Eine andere Frucht der Vertiefung in ihr war die zweibändige, als Festschrift zur zweiten Säkularfeier im Auftrag des Vorstandes der Berliner Gemeinde bearbeitete „Geschichte der Juden in Berlin" (Berlin