Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
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eo Uuitbc schon tapfer über bk Doktorfrage disputiert, bei. welchen Stellen des Psalms 118 der Feststrauß geschüttelt werden müsse (vgl. Sukka III, 9; IV, 8). S. A s ch n e r. <- LesefrÄchte. Zn dein umfangreichen, ungemein interessanten Werke „Ernst von Bergmann" von Acend Buchholtz (Leipzig 1911, Verlag von F. C. W. Vogel) sinden wir manche Stelle, die auch verdient, dem geschätzten Leserkreise dieses Blattes zur Kenntnis gebracht zu werden. Im Juni 1870 weilte der Dorpater Dozent Ernst von Bergmann in Amsterdam. Darüber schreibt er: „In Amsterdam hat sich der Jude in orthodoxer Eigentümlichkeit erhalten. Seit fast dreihundert Jahren hat man hier die Juden geduldet, ja ihnen gleiche Freiheiten wie den Christen gegeben. Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts sind sie, aus Portugal vertrieben, hierher übergesiedelt und haben sich längs der Amstel im echten holländischen Stil angebaut. Aber nur ihre Häuser gleichen denen ihrer anderen Mitbürger, sie selbst sind völlig isoliert geblieben. Alle sind strenge Talmudisten. Freitags um halb sechs wird es aus ihren Straßen still, das Heer alter Kleider, Kessel, Bilder usw-, das sonst in Bergen aus den Gassen liegt, ist verschwunden, in den Häusern brennt nur am größten Fenster der Mitteletage das siebenarmige Licht, und in den Fenstern liegen, aufgeputzl im weißen Leinenkleide und tief entblößt den dunkelbraunen Hals, die Jungfrauen Israels und hören der schnarrenden Stimme des Hausherrn zu, der die Geschichte des Auszuges aus Aegypten verliest; dazwischen ertönt ein Psalm: „Das Meer stand lind wich, der Jordan trat zurück", und dann weinen sie alle laut, und wieoer fängt der Lesende an. Ich bin stundenlang am vorigen Freitag und Sonnabend umhergegangen in den ausgestorbenen Straßen, d. h. nur am Freitag sind sie ausgestorben: am Sonnabend geht der Jude die erlaubten Sabbatwege Schritt vor Schritt im lächerlichen Staat. Alter und neuer Samt, schwarz und rot, prangt am Anzug der Männer, und Las -Heer der Anilinfarben fchmüctt die schwarzäugigen Frauen mit Habichtsnasen, wie ich sie noch nie gesehen, und mit Locken, schwärzer als der Tinto, von dem sie einst vertrieben wurden. In den Synagogen wird noch heute der große und der tleine Bann geübt, wie damals, als sie Spinoza verfluchten und aus ihrer Mitte ausstießen." — In seinen „Briefen aus dem Elsaß" 1870 schreibt Bergmann aus Luneville u. a.: „T.e Vermittlung aber zwischen den beiden Stationen, zwischen dem hungrigen Soroaten hier und dem besitzende:: Bauer dort, übernimmt allemal der stets internationale Jude. Wie oft haben die Requisitionskolonnen vor Metz im Hauptquartier zu Corny berichtet: Tie Gegend ist aus Meilenweite ausgesogen, kein Hahn kräht mehr längs den Moselufern, und gleich daraus ist gekommen Moses Schacher zu dem gnädigen Herrn von der Intendantur und hat gefragt, ob man nicht brauchen könne ein paar Hundert Hammel und etliche fünfzig oder sechzig von Rindvieh, ganz gesunde, echt koschere Kühe, die nicht haben gelitten von der bösen Viehseuche. Und diese Hammel und diese Kühe hatte Moses in dem nächsten Torfe gekauft." — Kann: hatte sich Bergmann zu Ostern 1894 ein paar Tage in Gries erholt, als er eine Beruftrng zu einem Patienten in Nikolajew annahm, den: zweiundachtzigjährigen Patriarchen der dortigen jüdischen Gerneuide, der an einem fortschreitenden Gangrän des rechten Fußes und, wie sich an: Krankenbett erwies, noch dazu an hochgradiger Herzschwäche litt. „Leichte chirurgische Aufgaben," schrieb er seiner Frau, ,,werden mir in: Leben nicht mehr gestellt, aber die schweren werden durch die äußere Umgebung noch besonders ins Schwere gesteigert." Ter Alte hat mehr als vierzig Kinder, Enkel und Urenkel. Alle diese waren im Hause versammelt, während Hunderte im Hof und auf der Straße standen. Auch unter den Nüssen ist dieser Jude höchst angesehen. Ter Goirverneur-Admiral und Kommandeur der Flotte des Schwarzen Meeres und der. Polizeimeister waren hier, um mir zu erklären, daß es im ganzen Bezirk keinen Mann gebe, der durch seine Wohltaten sich so beliebt gemacht wie der alte Knppermann. Und diesen sollte ich unter den denkbar ungünstigsten Umständen in einem Alter, wo ein geringer Blutverlust schon tötet, unters Messer nehmen. Ich überlegte mir, daß die Operation das einzige Mittel sei, ihn zu retten, und schlug sie vor. Nach einer Stunde Kampf ging er daraus ein, und da ich in dieser Stunde alles hatte vorbereiten lassen, operierte ich unter Assistenz von noch drei Aerzten und Bades (langjähriger Gehilfe, den er mit sich führte) bekannter, aber heute ganz ausgezeichneter Mitwirkung — glücklich. Die Schwäche nach der Operation war nicht groß und eben nimmt der Patient Bouillon und Ei ohne Uebelkeit, während er dazwischen Milch trinkt. Während der Operation wurden zweihundert Rubel in Fünf- und Zehnkopekenstücken unter das rechtgläubige Volk, das sich unter den Fenstern des Operationssaales angesammelt hatte, verteilt." Regina Neißer. Lprechlasl. Folgender Aufruf geht uns zu: Reichsverband für jüdische Kriiegsgefangenenfürsorge (Landeskvmitee des Roten Mögen Dowid). Berlin, Dezember 1918. Wir sind jederzeit bereit, bei Aufgabe von Adressen jüdischer Kriegsgefangener in: feindlichen Auslande für Zusendung von rituellen Lebens- und Genußmittclrt, Gebetbüchern, jüdischer Literatur und Ritualien Sorge zu tragen, um hierdurch zur Erleichterung der Lage unserer Lieben in der Gefangenschaft beizutragen. A ufr u f! Ein Ausruf? In jetziger Zeit? Und für Kriegsgefangene? So hören wir fragen. Aber wir wissen, daß solche Frage auf niemandes Lippen ertönt, der die Waffenstillstandsbeding u n g e n aufmerksam, gelesen hat. Obwohl auf Grund der WaffenstillstandSbedingungen gerade dem Kontingent von Gefangenen in Deutschland, dem die vielen Zehntaus enoe unserer Glauvensbrüder angeyoren, am spätesten die glückliche Stunde der Rückkehr zu den Lieben der Heimat schlagen wird — das sind die Russen und Polen —, vielleicht erst nn Verlaufe von Atonalen, ergeht dieser Aufruf nicht in erster Linie für die ausländischen Brüder, sondern für unsere e i ge neu deutschen Söhne und Brüder im Feindesl n n d e. Tie Wasfenstillstandsbedingungen fordern schleunigsten Abtransport der Franzosen, Engländer, Italiener und Amerikaner aus Deutschland. Aber sie besnmmen die völlige Freiheit der Entschließung der E n ten tev ö l ker , zu welchem Zeitpunkt es ihnen belieben mag, den deutschen Gefangenen die Frecheil zurückzugeben. Dürften w i r a lt ch nur e i n e Na ch t ruhi g s chlaf e n , wenn wir nicht alles ausbieten, das Feinde 8 joch unserer Brüder in etwas, w e n i g ste n s i n Milderu> n g der H u n ge r q u a l e n , z u l i n d e r n , wo w i r es l i nbe rn können?? Sie wähnen vielleicht, wir übertreiben. Wir sind bereit, einen: jeden Einblick zu gewahren in die Flut von Zuschriften aus den femdlichen Gefangenenlagern, jedem, der es will, hunderte Belege zu geben von der Rot derjenigen, die für uns erst Jahre im Feuer tapfer ausgeharrt haben, uw dann die bittere Not des Darbens und Hungerns weit, weitab von allem, was dem Herzen lieb und teuer ist, kennenzulernen. Was wissen diese Briefe, trotz der gebotenen Kürze, nicht alleszu erzählen! Welches Seeleuteid enthüllen sie! Aber auch welch glückselige Freude, wenn ein Liebeszeichen aus der deutschen Heimat sie erreicht hat, wenn gar zu den: das Glaubensgesetz auch in der feindlichen Bedrängnis wacker und treu Behütenden rituelle Lebensmittel in bestimmten Zeitläuften gelangen. Wer dieser Herzenspflicht gerecht werden will, der gedenke unserer Lieben in tätiger Mithilfe. Noch wissen wir nichts über ihre Aiückkehr — ob nach Monaten, ob nach einem Jahr oder wann? Unterstützen Sie unsere Fürsorge. Wir haben allein im Monat November weit über 2000 Pakete mit Lebensmitteln durch :msere Versandstelle abgefertigt. Zur Fortsetzung benötigen wir großer Mittel. Wir zählen auf Ihre Unterstützung! Sie ist eine Ehrenpflicht, der sich niemand entziehen sollte. Beträge werden erbeten an unsere Zahlstelle Veit, Selberg & Co., Berlin W. 8, Französische Straße 49, durch Postscheck 4396. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Vorstand des Reichsverbandes für jüdische K riegsgefa n genien für sorge.