Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229397--74658-3287120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kür ihn war ja dieses Gerichtsurteil ohne jegliche Bedeutung; für ihn war es nur noch eine possenhafte Nebensächlichkeit bei einem unabänderlichen Entschluß, den er schon lange, lange vorher in seinem Herzen getroffen. Im Gegensatz zu seiner eigenen apathischen Gleichgültigkeit hätte er es gern gewußt, wie dieses Resultat von der bleichen, bebenden Frau in Birkenfelde ausgenommen würde, die sich sicherlich die ganze Zeit über der Furcht nicht erwehren konnte, daß irgendein böser Zufall ihr Opfer, noch mehr aber das ihres Helfershelfers zwecklos und vergeblich machen könnte. Nach der ersten Erschütterung, die ihn bei Ellens Flucht fast überwältigte, kam noch bald ein eingehendes Prüfen, ein gründliches Durchforschen seines eigenen Benehmens ihr gegenüber während der Zeit ihres Beisammenseins, um vielleicht dadurch einen Lichtblick über die Ursache zu gewinnen, die ihr die Trennung zur Notwendigkeit machte. Aber er mochte suchen und forschen, so viel er wollte; er fand nichts, das ihm Aufschluß hätte geben können. Er hatte sich ihr gegenüber so gezeigt, wie er für sie gefühlt, wie es alle mit Recht auch jetzt noch bestätigten, als ein toleranter, hochsinniger Mensch. Das einzige, das er sich vielleicht zur Last legen mußte, war seine Kurzsichtigkeit, die ihn für das Doppelleben blind gemacht, das sie während ihres ganzen Zusammenseins geführt, für die Gedanken und Empfindungen, die sie in den Raum gezwängt, der nur von ihrer gegenseitigen Liebe ausgefüllt sein sollte. Inniglich, wie sie ihm angehangen, war es doch nicht inniglich genug, um äußere Einflüsse abzuwehren, die sich zwischen beide Ehegatten gedrängt. Es machte dabei keinen Unterschied, ob dieser Einfluß Strömer geheißen, ober ob es eine andere verwirrende Verblendung gewesen: eine flüchtige Laune -oder eine fortgesetzte Pein, absichtlich oder ungewollt, genug, daß sie die ganze Zeit ein Doppelleben geführt, und das noch angesichts seines einzigen, ungeteilten Einheitsgedankens. Sie hatte ein Leben der Lüge gelebt, deren Grund und Ursache ihm verborgen blieb, die wohl auch in aller Ewigkeit ihm verborgen bleiben würden. Und als der Gedanke seiner unverdienten Lage ihn überfiel. da entflammte sein Zorn gegen sie zu einer gewaltigen Glut und steigerte sich zu brennender Rachsucht, die jede Teilnahme und jedes Mitleid verzehrte. Es war eine niedrige Rachsucht, die er durch gemeine Mittel üben wollte. Er packte ihre Sachen, die er an den alten Dumont mit einem kurzen Begleitschreiben schickte, wobei er auch die wertlosesten Gegenstände, jeden Papierstreifen, jede Haarnadel beilegte, um ihr dadurch zu zeigen, daß er jede Spur von ihr gründlich ausmerzen wollte. Nach diesem Racheakt glaubte er eine gewisse Befriedigung zu finden: er hatte ihr dadurch gezeigt, daß er durch nichts mehr an sie erinnert sein wollte, daß sie für ihn zu existieren aufgehört. Er war in seiner kindischen Rache so verbissen, daß auch die Möbel, Bilder und Spiegel, die sie, ihrem verfeinerten Geschmack entsprechend, anders gestellt hatte, wieder ihren früheren Platz erhielten: die zwei billigen Kupferstiche, die ihr besonderes Mißfallen erregt hatten, gerade diesen wurde an bevorzugter Stelle an der Wand der Platz eingeräumt. Und er schämte sich nicht einmal dieser Torheiten. Und dann, als der wilde Ausbruch sich ebenso schnell erschöpft, als er gekommen, trat wieder der vollständige Stillstand aller Empfindungen ein, so daß ihm nur noch das einzige Bewußtsein blieb, daß er trotz allem doch noch ein lebendes Wesen war, Er hatte damals der Mutter gesagt, daß Ellen tot sei, und das wurde die Totenklage, die für alle seine Gedanken und Gefühle den Ton angab, so daß das ganze Haus mit einem Leichengeruch geschwängert zu sein schien. Von der Dachkammer bis zum Kellergelaß wurde ihm alles zu einer Totengruft, zu einer unheimlichen Leere. Oft fiel diese Leere mit der Wucht eines Eisenhammers aus ihn nieder, und mit schweren, schleppenden Schritten durcheilte er das ganze Haus, treppauf, treppab, hinein und heraus, immer aber das Zimmer vermeidend, das ihr Heiligtum gewesen, mit der verschwommenen Idee, diese Leere und dieses Schweigen tottreteu zu können oder aber zu einem verschlingenden, vernichtenden Wirbelkreis aufzustacheln und aufzupeitschen, um die in allen Ecken und Winkeln unheimlich lauernden Geister zu einem Widerhall zu wecken und die Stille zu verscheuchen. (Fortsetzung folgt.) Mistkllkn. Biblische Zitate. Wilhelm Goldstein hat unlängst einen hübschen- Artikel über das Mer unerschöpfliche Thema der „Biblischen Zitate" geschrieben („Allgemeine Zeitung des Judentums" 1918, Nr. 87, S. 439 bis 441), der um so näher zu Herzen geht, als er aus rührenden persönlichen Erfahrungen, und Erlebnissen still und ursprünglich hervorgewachsen. Es ist Wissenschaft des Herzens, persönliches Bekenntnis vom Heilswert der Heiligen Schrift und daher mehr wert als Büchmanns kalte und farblose Zitatenweisheit. Ter Versuch lohnte sich, nun einmal einen jüdischen Büchmann zu schassen, d. h. zu zeigen, wie die Bibelworte innerhalb der jüdischen lieber ti efer ung und des Bewußtseins unserer Gemeinschaft ihre Stelle allmählich einzunehmen begonnen haben, die sie honte darin einnehmen. Ich denke mir so etwas wie eine Geschichte des Zitats, wie sie auch vom Verfasser der „Geflügelten Worte" selbst noch nicht .entfernt in Angriff genommen wurde. So hat Goldstein ganz tretend den Ginscutz der Bibel auf unsere Gebete, wenn mich natürlich nur ganz, allgemein, hervorgehoben. Aber gerade hier beginnt die Aufgabe, die Weiterarbeit der Generationen anfzuweisen. Ist es nicht sehr bezeichnend, daß Adonai, Adonai El rachum, wozu Neh. 9, 17, Ps. 103, 8, Mendelsohns „Jerusalem" (Leipzig 1869), S. 197, zu vergleichen ist, gerade nur bis zu dem Liebeswort wenacke Zitat geworden ist, während die dem zweiten Gebot entsprechenden Androhungen der Vergeltung bis ins dritte Geschlecht einfach vergessen sind? Sie entsprachen \d)oi\ der späteren biblischen Moral nicht mehr, wie Deut. 24, 16, Ez. 18, 20, 11. Kön. 14, 6 (hierzu Kittels Anmerkung S. 260) dartun. Noch drastischer wirkt die Verderbnis eines der tiefsten Jesajas-Worte (45,7) iin 13'“Q des Morgengebets, wo aus den: gedankenvollen Attribut Gottes: „Der das Böse schasst" der Gemeinplatz wurde: „Ter das All schasst". Uebrigeus hak leibst die Philosophie eines Maimonides und dann wieder Rousseaus in der Profession du vicaire savoyard Gott als Urheber des (moralischen) Nebels nicht anzuerkennen vermocht. Doch die Bedenken der Redaktoren, des Gebetbuches ge geil das hohe Wort mögen freilich sehr viel niederer und trivialerer Quelle entflossen sein und wollten wohl nur das „Anstößige" darin ausmerzen. Das Psalmwort 118, 6: „Gott mit mir, ich fürchte nichts. Was können Menschen mir schaden?" hat wohl nicht direkt, wie Ber. fasse r an nimmt, Bismarcks markiges Bekenntnis veranlaßt: „Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts aus der Welt!", obwohl Bismarck bibelfest genug dazu war und sich zu Reden und Briefen oft in herzlicher Frömmigkeit von der Schrist leiten ließ. Gewöhnlich schreibt man sein Kraftwort von Racine her, der in Athaliel, 1 seinen Hohepriester Zoad sprechen läßt: de erains Oien, eher Abner, et n'ai point d'autire crainte. Keine Frage jedoch, daß der Franzose seinerseits aus dem Psalm geschöpft hat. Besonders beziehungsreich ist die Psalmstelle 106, 1, die, vom Verfasser übersehen, noch 118, 1 vorkommt. Sie ist sicher schon frühestens in Esras und- Nehemias Zeiten liturgisch angewandr worden, worauf das Zitat 1. Chron. 16, 36 schließen läßt, wie auch besonders 2. Chron. 13; denn hier wie da ist deutlicher Zusatz des Chronisten selbst, da es in der älteren Parallelstelle 1. Kön. 8, 10 f. resp. 2. Sam. 6 noch fehlt. Ob sie schon zu König Josaphats Zeit im Sängerdienst Vorkommen konnte, wie der Chronist 1l, 20, 21 behauptet, ist wegen feiner gänzlich unzuverlässigen Berichterstattung '(vgl. das richtigere Geschichtsbild 2, Kön. 3) leider unwahrscheinlich, was natürlich auch für das Tempelfest Hiskias (2. Chron. 29, 30) gilt. Immer schwebt dem Chronisten bei dergleichen Schilderungen das Tempelritual seiner eigenen Gegenwart vor. Im zweiten Tempel erklang jedoch schon wie heutzutage, namentlich l All Zukkauth, und zwischen den alten Gegnern Hillel und Schommm