Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 - werden können, wenn andere Leute seiner Che besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätten. — „Warum aber haben Sie Ihr gegebenes Versprechen nicht gehalten?" fragte er barsch . Alice errötete und Preßte die Lippen zusammen. Er wiederholte darum seine Frage. „Ich — ich — hatte meine — besonderen Gründe," stotterte sie. „Ihre besonderen Gründe?" wiederholte er noch strenger. „Möchten Sie nicht ein klein wenig deutlicher sein, Fräulein Mahlow? Sie sehen doch, daß ich alles wissen muß; jede noch so geringfügige Andeutung kann dazu beitragen, der Sache auf den Grund zu kommen." „Sie sollen es erfahren," rief sie kampfbereit, den Kopf zurückwerfend. „Ich lehnte es ab, sie noch ferner zu sehen, weil ich eifersüchtig auf ihr Glück war! Weil ich sie glücklich und zufrieden glaubte, während ich doch . . . ." „Sich selbst unglücklich fühlen," vollendete er ihren Satz. „Wirklich eine sehr praktische Sache, um eine übernommene Pflicht von sich zu weisen! Jeder ist natürlich sich selbst der Nächste!" sprach er voller Hohn. „Ich beglückwünsche Sie zu dieser Weltklugheit! Aber wie Sie sehen, haben Sie sich doch ein wenig geirrt." Sie gab keine Antwort, aber ihre Augen waren voller Tränen. „Etwa nicht?" 'fragte er mit erkünstelter Lustigkeit. „Aber ich muß Sie noch zu etwas anderem beglückwünschen. Bei Ihnen ist nämlich jede Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen, daß Sie Ihrem Manne fortlaufen werden. Mit Ihrer Lämmchengeduld werden Sie unbekümmert um andere die saftigsten Gräser und Wiesenblumen für sich selbst heraussuchen, sonst aber den lieben Herrgott einen guten Mann sein lassen. Meine Frau, dafür könnte ich den heiligsten Schwur ablegen, hat mich bei unserer Verheiratung inniglich geliebt, um aber sechs Atonale später..." Er brach ab. Er hatte zufällig den alten Dumont Vorbeigehen sehen; sicherlich begab er sich nach seiner Stammkneipe, um den üblichen Morgenschoppen zu trinken. Er stützte sich sehr schwer auf den Stock, aber er ging dabei ganz aufrecht, und was auch sein Herz empfinden mochte, das faltenreiche Gesicht war mild und freundlich wie immer. Klaßner wandte den Blick wieder Alice zu und fragte sich, was wohl dieses Mädchen von seiner eigenen Selbstbeherrschung denken mochte. Aber sie konnte ja denken, was ihr beliebt; ihm schien es eine Herabwürdigung seines Schmerzes zu sein, jetzt eine gleichgültige Maske aufzusetzen und nichtssagende Phrasen zu drechseln. Es hatte ihn schwer betroffen, warum sollte er nicht versuchen, Schlag weiter zu geben, auch wenn er einen Unschuldigen traf? Ach, wenn diese hier doch nicht so unmenschlich geduldig wäre, daß man immer das Empfinden hatte, mit einer schweren Keule in die Lust zu schlagen. Ehe er ging, wollte er ihr wenigstens noch einen Stoß versetzen. „Sie sehen also, welches Unheil Sie angestiftet, und das soll Ihnen für die Zukunft eine Lehre sein, nicht mehr Ihre Ueberredun-gskünste anzuwenden und bei anderen nicht mehr die Vorsehung spielen zu wollen. Es ist dies eine gar schwere Sache und cs gelingt nicht jedem." „Ich habe es doch nur gut gemeint." „Es genügt nicht zu meinen, sondern Sie hätten tun müssen," brauste er wieder auf. „Sie hätten Ihre Schutzengelrolle weiter spielen sollen, gegen sie und gegen — mich. Denn auch gegen mich hatten Sie Pflichten: Sie hätten mich warnen sollen!" „Ja, ich sehe es ein und bekenne mein großes Unrecht." Immer wieder leere Luft und nicht der geringste Widerstand. Wenn er noch länger bliebe, dann ließe er sich schließlich hinreißen, etwas zu sagen, das sie doch veranlassen könnte nach dem Diener zu rufen. CSwäre Torheit, es so weit kommen zu lassen. „Ich empfehle mich Ihnen, Fräulein Mahlow, und es tut mir leid, daß ich Sie belästigt." „Ach, Herr Klaßnerwenn ich Ihnen doch irgendwie helfen könnte," jammerte sie, als sie ihn hinausbeglleitete. Unwillkürlich hielt er seine Schritte an, um ihr noch einen Blick zuzuwerfen. Er hatte eine nebelhafte, verschwommene Empfindung, daß, wenn erst Jahrtausende hinter seinem blinden Zorn, hinter diesen brutalen Schmerzen liegen würden, daß dann diese Worte vielleicht einen Sinn für ihn haben könnten; jetzt aber blieben sie ohne jeden Eindruck. Er ging fort, ohne zu antworten und ohne den Anstand zu wahren, indem er es ihr überließ, die Tür hinter ihm zu schließen. V i e r t e s B u ch. I u d e u n d I u d e. 23. Der Regen hatte schon am frühen' Morgen eingesetzt und schien auch noch den ganzen Tag anhalten zu wollen. Für Spaziergänger und Ausflügler mag es ja eine Enttäuschung oder einen vorzeitigen Abbruch des Vergnügens bedeuten, für Artur Klaßner aber, der am offenen Fenster seines Wohnzimmers saß, war es ein erfrischendes und neubelebendes Grünen und Blühen, eine Wiederauferstehung der Myriaden Schönheiten auf Flur und Feld, die in der Sonnenglut der letzten Tage bereits zu welken und zu schmachten begonnen. Seine Blicke wunderten oft von dem Buche, das er vor sich liegen hatte, nach den Laubkronen des nahen Parkes hin, die über das kleine Häuschen hinaufragten. Er bildete sich ein, ihr geschäftiges und gieriges Einsaugen des lebenspendenden Elementes durch die geborstene Rinde deutlich hören zu können, alles mit Säst und Kraft füllend, und als wäre irgendein harmonischer Zusammenhang zwischen ihm und den Bäumen vorhanden, lehnte er sich behaglich zurück und atmete tief auf. Es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein, seit er die Fähigkeit besessen, frei ausatmen zu können. Ihm war es, als wäre sein Geist und sein Körper, sein Gehirn und seine Seele seit Monaten und Monaten von einem Winterschlaf umfangen gewesen, als hätte eine geistige Starre seine ganze Energie zum Einfrieren gebracht, Stumpfsinn und Gleichgültigkeit über ihn ausgebreitet, so daß die Weltereignisse vor seinem offenen, aber nicht sehenden Auge, vor seinen verschlossenen Ohren vorüberzogen, ohne auf der vertrockneten Oberfläche feines Gemütes die geringste Spur zurückzulassen. Er war, zwischen Redaktionsraum und Wohnzimmer, zwischen Arbeit und Ruhe, zwischen Essen und Schlafen pendelnd, teilnahmslos beiden gegenüber. Er hatte sich oft über seine automatischen Instinkte gewundert, die an Stelle von Willen und Absicht getreten waren, die ihm auch bei großen und kleinen Angelegenheiten, die ein Anrecht auf Aufmerksamkeit hatten, das Richtige zu treffen geholfen. Diese Instinkte befähigten ihn auch, ununterbrochen seine Berufspflichten auszuüben in einer so regelrechten, systematischen Weise, daß er nahe daran war, sich selbst glauben zu machen, daß er überhaupt keinen Stoß und keine Erschütterung erfahren, die ihn je aus dem Gleichgewicht gebracht. Diese Instinkte führten ihn auch sicher auf den verschlungenen Pfaden des Gerichtsverfahrens, das der Scheidungsprozeß notwendig gemacht hatte. Durch irgendein Versehen war über diesen Prozeß kein Bericht in den öffentlichen Blättern erschienen, Dadurch wurde Klaßner das Unbehagen und der Verdruß erspart, 'dem er durch neugierige Fragen seiner Mitarbeiter ausgesetzt gewesen wäre, gegen den er doch noch nicht ganz abgestumpft sich gefühlt. Schon gegen Ende März war das Urteil ausgesprochen worden, und Artur Klaßner und Ellen Dumont konnten wieder getrennte Bahnen wandeln.