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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-07 · Heft 6 (7.2.1919) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 6 (7.2.1919)
Date
1919-02-07
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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zunehmett, und ihr ins Gewissen redet, eine treffliche Frau zu werden. ■ Dieser Nebenroman, der aber in dem Werke einen überaus breiten Platz einnimmt, hat mit der eigentlichen Tendenz des Werkes nichts zu tun; seine Bedeutung besteht nur darin, Derondas Edelmut und seine Mildtätigkeit für andere zu erweisen. Die wirkliche Tendenz besteht vielmehr in der Palästinasehnsucht und deren Erfüllung. Die Sehnsucht ist schwer begreiflich zu einer Zeit und in einem Lande, wo es den Juden, wie damals in England, zehr gut ging, und sowohl Mardochai als namentlich Deronda sind, wenn auch nicht durch Geburt, so durch Erziehung, vollkommene Engländer. Aber als kulturhistorischer Beitrag har das Werk eine merkwürdige Bedeutung. Man kann das Ganze als einen wirklichen Judenroman bezeichnen. Nicht etwa in deur Sinne, daß alle Inden als Lichtgestalten, alle Nichtjuden als Teufel erscheinen. Zwar ist, um von den letzteren zuerst zu reden, Herr Grandcourt ein recht widerwärtiger Bursche und Gwendolen eine wenn auch nicht schlechte, so doch ziemlich haltlose Frau, an deren vollkommene Umwandlung und an deren innere Besserung man schwer glauben kann; aber die Mitglieder der Familie Meyrick, bei der Mirah durch Deronda untergebracht worden ist, sind, so weit es Mutter und Töchter betrifft, treffliche, ja geradezu herrliche Personen, während der Sohn Hans, ein Maler, der Mirah liebt und sie ungern seinem Freunde Deronda überläßt, wenn auch kein Muitermensch, so doch ein im ganzen gutmütiger, robuster Bursche ist, ein Vollblutengländer, der durch feine Kraft und Ehrlichkeit imponiert. Vor allem ist Sir Hugo Mallinger, ein naher Verwandter Grandcourts, ein tadelloser englischer Adliger, bei dem es nur freilich etwas seltsam anmutet, daß er einen jüdischen Knaben fast an Sohnes Statt annimmt und ihn fast wie lein eigenes Kind erzieht. Und damit es auch bei den Juden neben den Jdealgestalten: Deronda, Mardochai und Mrrah, nicht an weniger erfreulichen, ja geradezu unangenehmen fehle, hat der Verfasser manche jüdische Nebenperfonen geichildert, die entweder mittelmäßig oder geradezu schlecht sind. Zu den ersteren gehören die Mitglieder der Familie Esrah Cohen, die zwar gut und hilfsbereit, aber doch Juden ganz gewöhnlichen Schlages sind: Menschen, die, aufs Verdienen erpicht, mit einer starken Dosis von Eitelkeit und Selbbespiegelung ausgestattet sind. Unter den letzteren ist ein vollkommener Lump. Das ist der Vater der Mirah und des Mardochai, ein gänzlich verkommener Mensch, der seine Frau gequält, seinen Sohn seinem Schicksal überlassen hat, der bereit war, seine Tochter zu verkaufen, und der, da er zum Schluffe des Romans leibhaftig auftritt, nach einem sehr abenteuerlichen und wenig rühmlichen Leben — bisher hatte man nur von ihm gehört — sich von feinen Kindern aushalten läßt und schließlich verschwindet, nachdem er Deronda einen wertvollen Ring gestohlen hat, den dieser von seiner Mutter als Erinnerung an seinen Vater erhalten hatte. Wir wollen der edlen Verfasserin wegen einer solchen, übrigens virtuosen Schilderung eines jüdischen Verbrechers durchaus nicht zürnen. Denn es gibt schließlich auch Verbrecher unter den Juden, und man darf annehmen, daß diese ganze Figur nur des Kontrastes halber erdacht ist. Aber wir hätten der Gerechtigkeit halber gewünscht, daß die Dichterin auch unter den Christen eine Art Gegenspieler gegen diesen verlumpten Gesellen vorgeführt hätte. Aber wir wiederholen: das Werk ist interessant und führt uns trefflich in Zustände ein, die, wenn auch, längst vergangen, eine gewisse Analogie mit modernen Stimmungen und Hoffnungen haben. Nur läßt sich nicht leugnen, daß das Werk als Dichtung schwere Bedenken erregt. Trotz der ersichtlichen Mühe, die sich der neue Uebersetzer gegeben hat, das Ganze modern zu gestalten, mutet das Werk doch als blaß und veraltet an. Man kann wohl begreifen, daß die modernen zionistischen Kreise die Arbeit als eine Art von Offenbarung betrachten. Aber es ist nicht leicht, das Entzücken zu verstehen, mit dein das Buch bei seinem Erscheinen ausgenommen worden ist. Irhrm das Lemige. (29. Forts.) Roman von Al. P n l v e r in a n n. Dch weiß nicht, warum sich diese Annahme bei mir festgesetzt. Wahrscheinlich weil ich mich erinnerte, daß zwischen Ihnen und meiner Frau eine so intime Freundschaft bestanden. Jetzt fällt es mir auch ein: sie selbst hat es mir ja einmal erzählt, daß sie nur durch Ihr Zureden und nur durch Ihren in Aussicht gestellten Beistand sich entschlossen, mich zu heiraten. Sehen Sie jetzt ein, daß Sie damals Ihre ganze Energie unnötig verschwendet? So vieles Zureden, so viele gute Dienste, und das Resultat — der Vikar Strömer!" „Herr Klaßner," rief sie streng, während sie die Tränen aus ihren Augen entfernte, „ich verzeihe Ihnen aufrichtig den kränkenden Verdacht, den Sie gegen mich gehegt. Erstens, weil ich Ihren Schmerz mit empfinde, und zweitens . . ." „Und zweitens?" drängte er sie mit glühenden Blicken. „Und zweitens, weil ich mich des Gedankens nicht erwehren kann, daß ich für diesen traurigen Ausgang Ihrer Ehe tatsächlich nicht ganz unverantwortlich bin." Er brach in ein unhöfliches Gelächter aus. „Aus mein Wort, die Sache fängt an mich zu belustigen! Alle Welt scheint sich ja direkt verschworen zu haben, um mich glauben zu machen, daß weder sie noch ich irgendwelche Schuld dabei haben, daß wir beide sehr ehrenwerte Menschen und sittlich gefestigte Charaktere sind. — Wenn aber so, warum in aller Welt ist sie denn fortgelaufen? Nun, Fräulein Mahlow, sagen Sie mir jetzt offen, welchen Anteil Sie bei dem sonderbaren Vorgang haben, um sich selbst schuldig zu fühlen?" „Ich habe ihr gegenüber mein Wort gebrochen und mein gegebenes Versprechen nicht gehalten," sprach sie und sah ihn dabei fest an. „Ich versprach ihr zur Seite zu stehen und ihr zu Helsen, wenn sie meiner bedürfte. Ich habe das Gefühl, daß ich die ganze Zeit über hätte auf meinem Posten fein müssen; denn schon als sie vor etwa drei Monaten zu mir kam, merkte ich ihr eine innere Unruhe an; merkte ich, daß sie mich nötig hatte. Ich aber habe damals schon mein Wort gebrochen." „Waren Sie denn damals nicht mehr befreundet, um den Grund ihrer Unruhe zu erfahren?" fragte er, ohne für ihre Selbstvorwürfe ein besonderes Interesse zu zeigen. „Freilich wunderte ich mich, daß Sie sich gar nicht mehr bei uns blicken ließen. Aber ich schrieb es alltäglichen Abhaltungen zu, oder vielleicht hat Herrn Burgers Liebesgeflüster alle Ihre Gedanken in Anspruch genommen." Er zuckte mit den Achseln, um seine Gleichgültigkeit noch mehr zum Ausdruck zu bringen. „Ich erriet eine Katastrophe, einen schrecklichen Vorfall, als ich Sie vorhin erblickte," fuhr sie fort, ohne seine bissige Bemerkung zu beachten. „Ich hatte solche Ahnungen und meine Selbstvorwürse, die mich darin noch mehr bestärkten." Auch diese Worte schienen keinen Eindruck auf ihn zu machen; sie erzielte damit nur die einzige Wirkung, daß sie ihm die Größe seines Verlustes wieder zum Bewußtsein brachte und die Leichtigkeit, mit der er vielleicht hätte abgewendet

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