Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
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Vvrrüum, auf den bte Türen zu den drei geräumigen Jnnungsstuben führen, steht -als Ueberrest aus ehemaliger, allgewaltiger geistlicher Gerichtsbarkeit der „Pranger" mit seinen verrosteten Schelleneis-en; er stellt ein Stück Geschichte der polnischen Judenschaft ebenso vor wie die schon genannten drei Stuben, die den zünftigen Handwerken.eingeraumt waren. Dieses Zunftwesen ist wiederum — wie auch vieles in der interessanten Kunstbetätigung dieser Einwanderer — eine von dem ehemaligen deutschen (fränkischen) Heimatlande übernommene Erinnerung. Der Jnnenraum, den man durch Herabsteigen über zwei Stufen erreicht, ist ein Quadrat von 20 X 20 Meter, das in der Mitte von vier starken, achteckigen Pfeilern getragen wird, zwischen die sich Kreuzgewölbe'spannen und in deren Gehege, also inmitten des Raumes, der „Almemor", die Estrade zur Berlesung des Pentateuch, seinen Platz gefunden hat. Dem Kunsthistoriker fallen die Blendarkaden auf, die triforienartig die hohen und fensterlosen unteren Wände wirksam schmücken. Einen stimmungsvollen Abschluß gibt b$m fast 11 Meter hohen Raume die monumental aufragende, fast fensterlose Ostwand, an die altarartig der Schrein mit den Gesetzesrollen vorgebaut ist. Südlich von diesem — eine Erinnerung an den Salomonischen Tempel — hat der „Leuchter" feinen Platz gefunden, ein gewaltig schweres und großes Prunkstück, das — man kann es wohl ohne Uebertreibung behaupten — das schönste und künstlerisch vollkommenste Exemplar dieser Art auf dem Erdenrund darstellen dürfte, soweit es sich um jüdische Gotteshäuser handelt. Ebenso verdienen die in erdrückender Fülle von der Decke herabhängenden Messiugleuchter — meist fromme Spenden —- als Schmuckteile erwähnt zu werden; sie sind in ihrer keuch den den Farbe ein höchst wirtungsvolles Gegenstück zu den altersgrauen, düsteren Wänden und erzeugen im Berem mit diesen eine Raumstimmung, die nicht verfehlt, auf den Beschauer liefe Wirkungen auszuüben. An dem Kapital erner der vier steinernen Mittelstützen fehlt eure Ecke; sie ist beim letzlen Polenaufstand „zur Strecke" gebrach: werden. Die Rußen haben zu Beginn des Krieges die drer alten, schönen Synagogen Lenrbergs - ~ die älteste stammt aus dem Jahre 1582 - geschont. Wer vermag die heutigen Schäden zu zählend I Die gememdlrchen Einrichtungen der Lemberger Inden sind durchaus westeuropäisch. Ein monumentales Gemeindehaus und ein großes, dem Berliner oder Breslauer Jüdischen Krankenhaus an Ausdehnung gleichtommendes „Spital" zeugen von der guten Verwaltung der Gemeinde. Der alte, stimmungsvolle Friedhof mit seinem alten Baumbestände dürste zu den schönsten und bemerkenswertesten des Kontinents gehören. George JEiiiot; Ssmei Sekunda. Bon Ludwig Geiger. iefer frühe, wenn nicht erste zionistische Roman ist vor nunmehr 42 Jahren (1876) in England veröffentlicht worven, dem Lande, in dem wohl danmls am wenigsten die Sehnsucht der Juden vorhanden war, ihr Heimatland zugunsten Palästinas zu verlassen. Der Roman erregte in England großes Aussehen und fand in Deutschland in der Ueversetzung Adolf Strodtmanns Anerkennung und Verbreitung. 'itun ist diese Ueversetzung wohl kaum mehr aufzutreiben, und es ist daher anerkennenswert, daß ein zionistischer Verlag sich entschloß, den Roman, in dem er eine Vorahnung seiner Partei erkennen mochte, neu herauszugeben. Die Ueversetzung liest sich gut. Sie ist nach Versicherung des Herausgebers sehr stark gekürzt und stilistisch ') Jüdischer Verlag. Berlin. Bearbeitet von A. Elinsberg. verbessert: ich habe im einzelnen keinen Vergleich zwischen beiden Uebersetzungen angestellt und kann daher meine Bemerkungen nur auf die neue Ueversetzung beziehen. Als Roman ist das Werk überaus schwach. ■ Daß Daniel Deronda, der als Mündel dpS vornehmen und reichen Sir H. Mallinger aufwächst, als rechter Engländer erzogen wird und bei allen seinen Bekannten als solcher gilt, in Wirklichkeit Jude ist, Sohn eines frommen Enkels eines begeisterten Juden (die Mutter, eine große Sängerin, die sich später mit einem Fürsten verheiratet, ist zum Christentum übergetreten und offenbart in ihren höheren Jahren, da sie sich schwer leidend fühlt, dem Sohne, dem übrigens das große väterliche Vermögen gesichert ist, das Geheimnis), ist an und für sich nicht sehr wahrscheinlich. Daß er eine jüdische Sängerin Miräh, ein hübsches Mädchen, das in Verzweiflung aus dom Leben scheiden will, gerade in diesem Momente trifft und rettet, ist ein ebenso seltsamer Zufall wie der, daß er in Mardochai, einem hochgebildeten, für das Judentum begeisterten Handwerker, der bei der Familie Esrah Cohen, guten, aber wenig gebildeten Leuten, das Gnadenbrot ißt, einem Manne, den er in einer Buchhandlung antrisft, den Bruder dieser Mirah entdeckt, ist immerhin selten genug. Durch diesen Mardochai wird Daniel Deronda dem Judentum gewonnen, und er entschließt sich, nachdem er Mirah geheiratet hat und nachdem Mardochai gestorben ist, nach Palästina auszuwandern. Die diesen Entschluß motivierenden Worte, die in der vorliegenden Ausgabe gesperrt gedruckt sind, mahnen gar sehr an das neue zionistische Programm und' würden, wenn sie wirklich von George Elliot geschrieben sind, was ich augenblicklich nicht feststellen kann, eine merkwürdige Ahnung späterer Anschauungen wittern. Sie lauten: „Tie Idee, die uns beherrscht, ist die, meinem Volke wieder eine staatliche Existenz zu verschaffen, es wieder zu einer Nation zu machen, ihm einen nationalen Mittelpunkt zu geben, wie die Engländer ihn haben, obgleich sie über den ganzen Erdball verstreut sind." Mit diesem einen Roman verschmilzt sich ein zweiter, der der der Gwendolen Harleth. Diese ist ein berückend schönes Mädchen, das, plötzlich verarmt, einen reichen, aber rohen Engländer Erandcourt heiratet, in dieser Ehe kinderlos bleibt, während Grandcourt aus einer früheren irregulären Verbindung mit einer Hauptmannsfrau einen Sohn besitzt. Die Verlassene warnt Gwendolen vor der Ehe und flucht ihr, als sie diese Verbindung doch eingeht. Gwendolen ist in ihrer Ehe sehr unglücklich, nährt eine heimliche Liebe zu Daniel Deronda, der sie kurz vor ihrer Verarmung am Spieltisch getroffen und ihr in zarter Weise einen Schmuck zurückgeschenkt hat, den sie in ihrer Notlage verkaufen wollte. Das beständige Zusammentreffen der Gwendolen mit Daniel Deronda ist so unwahrscheinlich und so schlecht motiviert, daß es manchmal geradezu lächerlich wirkt. So erscheint sie, steilich gezwungen, mit ihrem Gatten gerade zu der Zeit in Genna, da Daniel Deronda sich daselbst aufhält, um die entscheidende Zusammenkunft mit seiner leidenden Mutter zu haben. Infolge dieses zufälligen Zusammentreffens ist Deronda Zeuge des tödlichen Unglücksfalls, der Grandcourt bei einer Bootsahrt trifft, und hat die Aufgabe, Gwendolen zu trösten, die zwar nicht unmittelbar schuld an diesem Tode ist, also durchaus nicht als Mörderin betrachtet werden darf, die sich aber anklagt, durch ihre Wünsche, durch ihre Sehnsucht nach Befreiung von dem lästigen Gatten seinen Tod mittelbar herbeigeführt zu haben. Wiederum ist er es, der die verzweifelte Witwe, die auch darüber erregt ist, daß ihr Gatte ihr ein im Vergleich zu seinem Vermögen sehr geringes Legat hinterlassen hat — sein wirklicher Erbe ist der Sohn aus der illegitimen Verbindung —, dazu veranlaßt, die Erbschaft an-