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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-07 · Heft 6 (7.2.1919) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 6 (7.2.1919)
Date
1919-02-07
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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Judentums, mit beiten es sich bisher die Anerkennung aller europäischen GlaübenÄgenoisien erworben hat, aufrechtzu-erhalten, leuchtet auf den ersten Blick ein. Die gewaltsame Lostrennung von mehr als einem Drittel der bisherigen ungarischen Judenschaft muß notgedrungen den Verfall des ungarischen jüdischen Geistes nach sich ziehen. Will dieJudenschaft Europas ei ne blühende jüdische Kultur, ein emp o r streb en de s opferwilliges jüdisches Gemeinwesen nicht dem vollständigen Niedergang aus liefern: dann ist es ihre Pflicht, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dahin zu wirken, daß die beabsichtigte Zerstückelung Ungarns nicht erfolge, muß sie im Interesse ihrer bedrohten ungarischen Glaubens b rüder selbst ihre w a r «n ende Stim m e mit alle m N a ch d r u ck g e g e n ein solches Beginne n erheben. * Wir schließen mit folgenden rührenden Worten aus der „Franks. Ztg.", die ein jüdischer Jüngling kurz vor seinem Tode geschrieben hat: A b s ch i e d s -b r i e f. U nter den „Kriegsbriesen gefallener Studenten", die Prof. Philipp Witkop (Freiburg i. Br.) in Verbindu'ng mit den deutiMen Kultusministerien (bei B. G. Teubner., Leipzig und Berlin 1918) hera-usgab, finden sich auch die folgenden Abschiedsworte des vierundzwanz:gjährig gefallenen Frankfurters Otto Heinebach, die er vor Verdun am 18. Februar 1916, am Vorabend seiner tödlichen Verwuuldung, geschrieben hak: „Im Sanitätsunterstand, wo wir für einen Tag in Reserve liegen; es herrscht eine erstickende H i he; der Raum ist gestopft von Menschen; draußen Regenwie immer. Vorhin kam die Nachricht, daß der Angriff weiter um 24 Stunden verschoben, und bald darauf die Parole, daß er nunmehr auf den 20. festgesetzt sei. Das scheint definitiv zu sein, trotzdem 'keine Aussicht auf eine Besserung des Wetters besteht. Uebrigens soll es mit Tornister gehen > unter Zurücklassung alles Entbehrlichen. Ich nehme in dieser schweren Stunde Abschied von Euch, Ihr geliebten Eltern und Bruder, aus tiefstem', übervollem Herzen; Da>nk, innigen Dank für alles, was Ihr an mir getan. Sollte ich bleiben, so tragt es, ich bitte Euch herzlich, mit Fassung; bedenkt, daß ich doch wohl nie zu einem vollen Glück und Zufriedenheit gelangt wäre, vielleicht wäre bis zum Ende ein klaffender Ritz durch mein Leben hindurchgegangen. Der Widerspruch zwischen Wollen und Können, Streben und Gelingen, Sehnen und Wirklichkeit, die Tragik halbbegabter Naturen, die sich durch ewige Selbstkritik, da ihnen der Weg zum schöpferischen Gestalten für immer verschlossen bleibt, im langen Zersetzungsprozeß zugrunde richten. Ich bin ja von Hause aus ein Melancholiker. Und auch von Dir nehme ich heute Abschied, geliebter Freund. Sollte ich bleiben, so bedenke, daß Edlere, Wertvollere als ich dem dumpfen Verhängnis der Rassen zum Opfer fielen; Du weißt es, daß ich ungern, sehr ungern sterben würde, aber es steht nicht in meiner Macht. Wir hätten noch schöne, köst¬ Lemberg: Synagoge in der Vorstadt. liche Jahre miteinander genießen können, vielleicht müssen wir daraus verzichten. Halte auch Du Dich aufrecht, sollte Dir die Kunde von meinem Tode kommen, und ehre mein Gedächtnis im ferneren rücksichtslosen Streben nach Erkenntnis!: der Erkenntnis, wie wir sie miteinander verstanden haben; die vor keinem Abgrund zurückschreckt, der keine Wahrheit zu furchtbar ist. Das intellektuelle Gewissen bleibe auch künftig Deine und unsere Scham. Lebt wohl. Ihr wißt und kennt die, die meinem Herzen noch nahe gestanden, und Ihr werdet auch ihnen meine Abschiedsgrüße sagen. Und so lösche ich denn mein Dasein aus in Gedanken am Vorabend der furchtbaren Schlacht und denke mein Selbst hinweg aus dem teuren Kreise, dem es als geliebtes Glied angehören durfte. Auch die Lücke, die ich hinterlassen werde, muß sich schließen — der unendliche Reigen der Geschöpfe 'läßt sich nimmer beirren —, ich. segne ihn, ein winziges Glied,. das ihm angehörte, in alle Zukunft! Und bis in Eure letzten Tage gedenkt mein, ich bitte Euch, in milder Liebe, ehrt mein Gedächtnis, ohne mich zu vergolden, und bewährt mich in treuen, zärtlichen Herzen!" Die große Synagoge in Lemberg. Von Professor Tr.-Ing. Grotte (Posen). 7k-> er furchtbare Pogrom *mJ der letzten Wochen lenkt die Aufmerksamkeit der ganzen?Welt auf Lemberg, die Hauptstadt Galiziens, in denen die Juden ein stattliches Gemeinwesen bilden. Im Gegensatz zu Krakau ist hier das Getto weniger abgeschlossen; die Siedlung ist weiter verzweigt und zerfällt in zwei räumlich weit ausc'inanderliegende Gebiete. Den Gettocharakter gewahrt man eigentlich nur in der „Vorstadt". Hier ist der Marktplatz mit seinem lebhaften Treiben an den Markttagen der Mittelpunkt des geschäftlichen Lebens. Hier steht auch, trutzig wie eine Zwingburg, die alte, 1632 erbaute große Synagoge, ein Bauwerk, das kunstgeschichtlich recht bemerkenswert ist und für die Erstellung zahlreicher östlicher Synagogenbauten vorbildlich war. In meiner dieses Gebiet betreffenden Forschungsarbeit reihe ich dieses Bauwerk den „Festungssynagogen" ein; es gehört demnach zu jener interessanten Gruppe der „Klrchenburgen", die die Katholiken gleichfalls im Osten, die Protestanten in Siebenbürgen als letzte Auslucht bei feindlichen Ueberfällen errichteten. Und als eine Art Festung müssen wir auch das massive Bauwerk betrachten, das mit seinen erst 6 Meter über Gelände angelegten kleinen Fenstern und nahezu 2 Meter dicken Mauern wohl geeignet zur Verteidigung schien. So nüchtern aber die Synagoge von außen anmutet, so gewaltig ist die Wirkung des Jnnenraumes. Eine breite und auffallend lang Vorhalle bereitet auf diesen vor. In diesem

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