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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-07 · Heft 6 (7.2.1919) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 6 (7.2.1919)
Date
1919-02-07
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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Was a«bev durchaus vermieden »vevden muß, ist die vor vierzi-g Jahren w beliebte und moralisierende und diffamierende Abwehr. Sie ha-t damals den Aa-Lifeiniben enorm genutzt. Ter Arrtifenrik-ismus ist an sich moralisch nicht anders, zu bewerten als andere politische Gegensätze. Der „Klaffenhaß", 'der. Kanins gegen „die Junker" und «andere Dinge sind moralisch nicht verschieden vom Antisemitismus. Sie werden nur -inoralisch verschieden „empfunden", je nach dem« Stande des Empfindenden. Mein Kollege v. Ger lach hat das Wortgeprägt: „Gegen den Antisemitismus immun ist nur, wer die Krankheit gehabt hat." Ich also bin es danach gewiß. Ich bin auch unterrichtet über die Meckmäßige und unzweckmäßige „Abwehr", und daraufhin erkläre ich noch einmal,- was ich schon öfter gesagt habe: Wenn jüdische Schriftsteller antisernitische Agitationsschriften nicht lesen können, ohne seekrank zu> werden, so müssen fle diese Schwäche für sich behalten. Vor allem dürfen sie nicht meinen, daß man dem Antisemitismus mit einem Haufen moralischer Entrüstung, schaden könne. Im Gegenteil! Hans Leuß. * Der „Jüdischen Korrespondenz aus Ungarn" entnehme ich nachstehenden Artikel: Die Zukunft der ungarischen Juden. Die Judenschaft Ungarns sieht bangen Blickes und bedrückten Gemütes der nächsten Zukunft entgegen. Tschechen, Rumänen, Serben haben ihre begehrlichen Fangarme ausgestreckt und trachten beträchtliche Gebiete aus dem aus zahlreichen Wunden blutenden Körper des tausendjährigen Ungarn herauszureißen — Gebiete, die sehr stark von Juden bewohnt sind, die sich in diesen Tagen der Bedrängung mehr -als je als Ungarn fühlen. Was wird aus diesen ihrem Vatevlande entrissenen Juden werden und was wird aus den im zerstückelten, fast vernichteten Ungarn zurückbleibenden Juden werden, wenn die Pläne der nach fremdem Boden gierigen, sich über die Wilsonschen Punkte schamlos hinwegsetzenden Tschechen, Rumänen und Serbenvon« der Friedenskonferenz sanktioniert werden? Diese Frage schwebt auf allen Lippen, diese Frage verursacht dem um sein Vaterland und um seinen Glauben gleich bangenden Judentum schwere Sorgen. — Diese wollen wir sine irn et studio an der Hand der Statistik beleuchten. Als Grundlage nehmen wir die statistischen Daten der Volkszählung von 1910 an, wobei freilich nicht außer acht gelassen werden darf, daß seither eine weitere bedeutende Zunahme der Bevölkernngsziffev, aber auch eine Verschiebung im.Prozentsätze der verschiedenen Rationalitäten und Konfessionenerfolgt ist. — Doch da diese Verschiebung erwiesenermaßen zugunsten des magyarischen Elementes und bei den Konfessionen reilweise zugunsten des Judentums erfolgt ist, können wir schon jetzt festst-ellen, daß die Folgerungen, die wir aus den Taten der Statistik für 1910 ziehen müssen, durch diese Verschiebung für heute nur eine Veränderung in pchus aufweisen können, daß also das Bild, das wir aus jenen Daten, für das ungarisck)e Judentum gewinnen, für heute nur noch düsterer erscheinen muß. Tie Tschechen beanspruchen die Komitate Poszonh, Arva, Trencsön, Zölyom, Li-ptä, Hont, Rögräd, Gömör, Szepes, Säros, Zemplän, Ung, Nyitva, Turöcz, Bars, Abauj-Torna und die Städte Poszony, Kassa und Selrnecbäiya mit einer Gesamtbevölkerung von 3 328 263 Bewohnern, unter denen sich 174 912 Juden befinden. Auf diesem Gebiete beträgt die Zahl der Slovaken 1 708 592, die der Magyaren 1 189 262 Seelen. Es ist auf den ersten Blick ersichtlich, daß hier die absolute Majorität der Slovaken gegen die gesamte übrige Bevölkerung kaum 89 000 Seelen, ihre Majorität gegen die Magyaren allein etwas über eine halbe Million beträgt. Berücksichtigen wir nun, daß die nichtslovakifche Bevölkerung zu ihrer Gänze das magyarische Imperium unbedingt dem der fremden Tschechen vorzieht, so erscheint die Forderung, dieses Gebiet dem magyarischen Imperium zu entziehen, gewiß für gänzlich unberechtigt — um so unberechtigter, als erwiesenermaßen ein großer Teil der slovakisck^en Bevölkerung, gleichfalls nichts von . dem Anschluß an das tschechoslovakische Reich wissen will. Wir können aber mit ruhigem Gewissen behaupten, daß -die überwiegende Mehrheit der Bewohner dieses strittigen Gebietes die Zugehörigkeit zum tausendjährigen ungarischen Staate im Rahmen der hier beavsichtigten ungarischen Föderativrepublik wünscht. Was nun das Judentum anbelangt, würden im Falle der Äbttcnttung. dieses Ge- I biet.es nahezu 175 000 Juden unter die Herrschaft eines Volkes gelangen, dessen Besetzungstruppen bisher 'schon zur Genüge bewiesen haben, was für feindliche Gesinnungen die Tschechen gegen die ungarische Judenschaft hegen-, dev sie ihre Zugehörigkeit zum Ungartum als Verbrechen anrechnen. 175 000 Juden blicken hier bangen Zeiten entgegen, denn sie müssen-es* auch bisher schon an ihrem eigenem Leibe, an ihrem. Hab und Grit fühlen, daß die neuen Gebieter sie sowohl wegen ihrer, unverbrüchlichen Anhänglichkeit an den ungarischen Mutberstaal wie auch wegen ihrer Konfession verfolgen und daß sie — sind sie einmal die unbestrittenen, voni europäischen Aeropag anerkannten Besitzer dieses Gebietes — 'sich auch nicht scheuen werden, diese Juden ihrer bisherigen Rechte zu berauben, wofür ja die letzten Ereignisse in Prag, wo die judenfeindliche Stimmung beveits bedenkliche Dimensionen angenommen hat, eine charakteristische Kostprobe bieten. Das neue serbische Imperium soll die Komitate Bäcs-Bodtog, Krassöszörony, Temes, Torontäl und die Städte Baja, Szabadka, Ujvidök, Zombor, Temesvär, Bersecz und Pancsova mit einer Gesamtbevölkerung von 2 414 518 Personen, hiervon 605 670 Magyaren und 429 392 Serben, umfassen. Die Zahl der Juden beträgt hier 38 887. In dem von den Serben beanspruchten Gebiete überragt also die Zahl der Magyaren allein schon die der Serben; es erscheint mithin unbegreiflich, wie die Serben auf dieses Gebiet, in dem sie bloß ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen, auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker überhaupt Anspruch erheben können. Und was die historische Zugehörigkeit betrifft, ist es doch allgemein bekannt, daß die Serben in diesem ganzen Gebiete erst vor wenigen Jahrhunderten eingewandert sind, hier eine gastfreundliche Stätte bei ihrer Flucht aus dem serbischen Mutterlande gefunden haben. Also weder die Geschichte noch das Selbstbestimmungsrecht lassen diese Forderung für berechtigt erscheinen. Was die Judenschaft dieses Gebietes anbelangt, so wäre sie verhältnismäßig am besten daran, denn es muß der Wahrheit gemäß konstatiert werden, daß die Serben sowohl in ihrem Lande als auch während der Besetzung des Banates und der Bäcska in diesen Teilen Ungarns die konfessionelle Gleichberechtigung obwalten lassen und daß hier bisher niemand wegen seiner konfessionellen Zugehörigkeit Verfolgungen ausgesetzt war. Am traurigsten würde sich das Schicksal jener 172 332 Juden gestalten, die in den von Rumänien geforderten Gebieten Ungarns seßhaft sind. Die Rumänen beanspruchen die Komitate Arad, Bihar, Alsöfehör, Besztercenaszöd, Braflo, Csik, Fogaras, Häromszök, Hunyad, Kisküküllö, Kolosz, Marostorda, Ragyküküllö, Szeben, Szolnokdoboka, Tordaaranynos, Udvarhely, Märamaros und die Städte Arad, Raghvärad, Koloszvär, Marosvasärhely und Rtäramarossziget mit einer Gesamtbewohnerschaft von 4 006 761 Personen, darunter 1 461 029 Magyaren, 2 061384 Rumänen. Auch hier ergibt sich das Bild, daß eine verschwindende geringe Majorität das Imperium über eine ihr zahlenmäßig fast gleichkommende anderssprachige Bevölkerung! usurpieren will, die überdies in überaus großen Gebieten kompakt angesiedelt ist und umfangreiche wichtige, kulturell auf besonders hoher Stufe stehende Enklaven — wie die Szökler oder die Sachsen Siebenbürgens — bildet. Was für Schicksal harrt der Juden dieser Landesteile? Rumänien hat bis zum heutigen Tage trotz unzähliger Versprechungen und Zusagen die Judenschaft nicht nur nicht emanzipiert, sondern im Gegenteile immer mehr unterdrückt und sich als das klassische Land der Pogrome erwiesen. Und nun sollen über 172 000 Juden, die bisher die vollste Freiheit und bürgerliche und konfessionelle Gleichberechtigung genossen, mit einem Schlage aller ihrer Rechte beraubt, zu vogelfreien Parias herabgedrückt werden! Gewiß, die Rumänen versprechen, die Rechte der neuen Bevölkerung, zu bewahren. Was aber von den Versprechungen Rumäniens zu halten ist, das haben wir leider auch bisher schon in den zahlreichen Judenverfolgungen in Siebenbürgen während der jüngsten traurigen Epoche zur Genüge erfahren. Betrachten wir nun die Gesamtlage der ungaraischen Juden. Von 911 227 Juden des heutigen Ungarn sollen 386 131 anderen Staaten angegliedert werden. Es würde mithin nur etwas mehr als eine halbe Million Juden in Ungarn verbleiben. Daß diese geringe Zahl nicht imstande sein kann, die altbewährten, , blühenden . Humanitären^ kulturellen und religiösen Institutionen des ungarischen

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