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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-07 · Heft 6 (7.2.1919) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 6 (7.2.1919)
Date
1919-02-07
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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58 Meine Damen und Herren, nicht, um hier zu rühmen, spreche ich das aus, sondern ein Worb der öffentlichen Abwehr zwingt mich zu dieser Aufklärung. Glauben Sie wirklich, daß das höchste Ehrenzeichen, das das deutsche Volk zu verleihen hat, Drückebergern, Pflichtvergessenen verliehen worden ist? Mißachten Sie nicht dieses höchste Gut und zerren Sie es nicht in den Schlamm! Meine Damen und Herren, wir sind nie besser gewesen als di? änderen, und wir wollen es nicht sein. Es sind Gute und es stnd Schlechte in unseren Reihen gewesen. Stellen Sie die Schlechten — ich spreche es noch einmail aus — an den Pranger! Aber vergiften Sie nicht diejenigen, die miit Ihnen gemeinsam zu gleichen Zielen streben; die sich in dieser schweren Not an Ihre Seite stellen wollen, nicht zu ihrem Vorteil, sondern, um die schweren Aufgaben der Zukunft zu vollenden, die wir künftigen Geschlechtern schuldig sind. Meine Damen und Herren, mit diesen Worten lassen Sie mich schließen. Wir wollen weiter arbeiten, wir wollen in Gegensätzen auch weiter gegeneinanderstehen, wir wollen aber -in Wahrhaftigkeit und in Sittlichkeit unseren Weg ziehen, wie es Deutschland frommt, allezeit zu unserem Heil und zunr Heile unserer Zukunft. (Stürmischer Beifall!) * Als eine sehr vernünftige Aeußerung lasse ich hier einen Artikel von, Hans Leuß aus der „Welt am Montag" folgen: Kriegs-Antisemitismus. Der letzte Anker der Hoffnungslosen, Gestürzten! Seit, Beginn des vorigen Jahrhunderts die dritte antisemitische Welle, die das Volksmeer bewegt. Eine Welle nur, keine Woge. Dazu ergreift sie nicht Massen genug. Größere Dinge, stärkere Fragen, mächtigere Impulse, als der judenfeindlichen Bewegung zu Gebote stehen, bestimmen den Puls des Werdens, den politischen Willen des Volkes. Diese höheren, stärkeren Interessen — wirtschaftliche und ideale — .geben der Zeit das Gepräge. Der Antisemitismus, tomn auch durch Kriegserlebnisse mit neuen Kräften -ausgerüstet, kommt gegen den Siegeslauf der Volks- Herrschaft, gegen das Ideal des ewigen Friedens und der Menschenbruderschaft nicht auf; und vergebens müht sich die mit schwerer Schuld belastete Herrenkaste, dem Grimm der Voltsmasse einen Prügelknaben anznbieten. Nicht «einmal die „Untertanen" aus ihrer: Gütern stimmen gegen die Juden, sondern — «auf vielen Güter:: in großer Mehrheit — gegen die Junker, für die Sozialdemokraten. Immerhin ist eine neue antisemitische Welle da, und wenn sie auch nur eine Episode und «eine Begleiterscheinung ist, wie früher auch, so beschränkt sie sich doch nicht aus die Wähler der vierzig konservativen Mitglieder der Nationalversammlung. Auch Demokraten-, sogar Wähler der Deutschen demokratischen Partei, äußern scharfe Urteile gegen das Verhalten der Juden im Kriege, aber sie sind nicht so beschränkt, gleich der antisemitischen. Mystik die Judenfrage zum Angelpunkt der Weltgeschichte zu machen. Sie sind zu klug, um den Toren zu. glauben, die aus der Judensrage ein politisches Prokrustesbett machen und dahinein Gott und die Welt pressen. Diesle Ueberschätzung des Judentums lehnen die Vernünftigen ab, und sie wissen auch aus Erfahrung-, daß die Junker immer dann, wenn sie in der Klemme sitzen, am heftigsten gegen die Juden toben. Als der Krieg begann, sing auch der neu«e Antisemitismus an. In der ersten Zeit war'H '-der blöde Haß, -den« selbst das offenbare, reinnationale Interesse nicht zu bändigen vermochte. Als die jüdischen Todesairzeigen mit dem Kriegskreuz in den Zeitungen in- Massen stände::, brachten .antisemitische Blätter Hetzartikel und Schinrpsgeschichten von: ärgsten Kaliber. Als der Jude Ludwig Frank — eines der ersten Opfer der Schlachten in Frankreich — gefallen war, als viele, sehr viele Juden freiwillig in den- Krieg zogen, da schwieg der:::och der Haß der Fanatiker nicht. Aber dieser Haß wäre ein elendes Gewächs im Winkel geblieben, wenn nicht im w,eiteren Verlauf der vier Jahre sich manches ereignet und -entwickelt hätte, was die Kritik -ernster Menschen -angeregt hätte. Die Kriegswirtschaft -war auf die Teilnahme von Kaufleuten angewiesen, des Getreidehandels, der Börsen u:rd Banken, vieler anderer Zweige, in denen Juden sehr zahlreich oder gar in der Mehrheit sind. Natürlich traten Juden in den Vordergrund'. Der Grimm gegen die Zwangswirtschaft kehrte -sich natürlich gegen den großen jüdischen Teil ihrer Leiter u:rd Werkzeuge. Juden waren unter den- Nutznießerndes Krieges, undsie wurden der allgemeinen Abneigung gegenden Kriegsgewinn willkommene, leicht „faßliche" Angriffspunkte. Sehr mit Unrecht, denn der Kriegsgewinn ist sehr Paritätisch und interkonfessionell gewesen, und die Arier nahmen ihn ebenso gern wie die Juden. -Gegen Schluß des Krieges war -die geschäftliche Demoralisation allgemein geworden. Bestechungen und Schiebungen verseuchten das Land und das Heer. Aber jedermann weiß, daß am skandalösen Bereicherungsfieber alle Rassen gleich schuldig sind. Ja, wäre die Geschichte der Schiebungen, Bestechungen, schäbige:: Bereicherungen genau zu «ermitteln, dann würde am Ende ein Uebergewicht der Klassen festgestellt werden, die jetzt in ihrem Politischen Zusammenbruch den Judenhaß ausbeuten. Seit -dem zweiten Kriegsjahre «hatte sich die Drückebergerei zu einem System entwickelt. „Druckposten" wurden hoch -bezahlt und mit täglichen Schmiergeldern, :ni«t Schinken und Champagner verteidigt. Man sah auch viele J«uden am sicheren Ort; aber wenn erst die Statistik der Reklamationen und „Druckposten" nach Konfession-, Stand und Gewerbe aufgemacht -wird, dann wird man den Beweis -erhalten, daß Herren vom Adel, antisemitische und sogar alldeutsche Rufer im Streit, sich «ebenso gern gedrückt haben wie Juden. Werden alle di«eje Dinge ehrlich erforscht und -betän-ntge:nacht, dann wird das für den neuen Antisemitismus keine Lustbarkeit sein, dann wird -er besonders nicht mehr die Kosten der konservativen Agitation bestreiten können. Der Adel und sein Anhang würden dann nämlich genau in der Lage der deutschen Juden sein, die sich gegenüber ihrem Anteil an der Kriegsfäute aus ihre Toten, aus ihre felbstlosen Patrioten, auf die enormen Leistungen vieler berufen müssen; —- ganz das gleiche müßte der Adsl auch. Blteve hier und da -ein Fehlbetrag auf jüdischer Seite, so würde er selbst bei ehrlicher Prozentoerechnung geringfügig und im Vergleich zu der allgenremen Statistik des SchinrpsUchen und seiner Träger und Rutznießer verMvindend sein. Idealeren Motiven 'nähert sich der An-tise:n-itis:nus. der sich aus den überragenden Einfluß von Juden im öffentlichen Leben, in den reoolunonaren Regierungen und Körperfchasten beruft. Dieser Anteil ist sehr groß. Weil das Regieren heute einsehr zweifelhaftes, aufreibendes und sogar gesähruches Vergnügen ist, kann der starke jüdftcye Anteil daran nicht ganz als «ein zurelckMwer Gr mW zunr kleide anerkannt werden; aber „ausoouten" latzt er sich als antftemitiicher Agitatwnsstoss dennoch. liebe rhaupt: «ausbeuten läßt sich vieles gegen die Juden. Die politlfche Demagogie hat nie nach Recht und Gerechtigkeit gefragt, sondern nur: „Was läßt sich daraus machen?" Aus den: Kriegserinnernngsoilde läßt sich sehr viel Material für dm Antiienntismus zurochtmachen. Dre vierzig Mitglieder der Nationa,lversan::nlung., die unsere Reaktion mit Proporz und Listenverbindung noch gerettet hat, sind keine überwältigende Frucht der reichlich und kräftig ausgestreuten amrsemirstchen octoifc. Schlimmer als jene ist eine ganz andere Wirkung der antisemitischem Agitation: die deutfchen Juden hatten aus der letzten antisemitifchen Bewegung viel gelernt. Sie waren besonnener geworden und halten es aümählich natürlich gesunden, daß gleich anderen Ständen, Klassen, Gruppen, Verbänden, R eligionsgemeinfchasten -auch Juden der Kritik öu&g£|ißfct stnd. Einige waren foga-r so weit vorgeschritten,, daß sie gerechte Kritik an «einzelnen Personen oder Vorgängen als eine zu Dank verpflichtende feindliche Aufmerksamkeit anerkannten. Ja, die Gesamth-eit der Juden w-uchs moralisch, erstarkte und hob sich durch den Gegensatz zum Antisemitismus. Die nervöse Empfindlichkeit ließ nach., die Selbstkritik nahm zu. Wi«e die katholische Kirche und die Sozialdemokratie ihrem Gegner Bismarck, so verdankten die Juden den: Antisemitismus sehr viel. Man muß den deutschen Juden dringe:w 'enrpfehlen. auf dieser Bahn zu bleibm. Man muß es deshalb besonders, weil viele Anzeichen beweisen, daß die heftige antisemitische Wahlagitation manche Juden wieder nervös macht. Dazu ist kein Anlaß, kein Grund zu erkennen. Die „Deutsche Tageszeitung" wird selbst bei konservativen Leuten im Lande mit Abneigung behandelt. Die Perfidie ihrer beiden Hauptleiter, die Albernheit ihres Kriegs- und Friedensschreibers, ihr schimpflicher Anteil am Kriegselend sind so klar, daß kein noch so dreistes Blasen auf der antisemitischen Drommete sie übertönen kann. Das beste Mittel von «außen her gegen die antisemitische Agitation bedrängter Schuldigen ist die vollständigste Gelassenheit der Juden.

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