Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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A —-—uberaumten Repräsentantenwahl nach dem Dreiklassensystem untersagt. Nachträglich hat aber die Negierung im Hinblick auf die Erbitterung die sie durch Einmischung in kirchliche Dinge im Lande zu erzeugen fürchtete, ihren Einspruch wieder zurückgezogen. Dadurch erhielt der Gemeindevorstand wieder freie Hand, und er hat neuerdings die Wahl zur Repräsentanz nach seinem alten System ausgeschrieben. Es hat sich aber in der jüdischen Gemeinde ein demokratischer Gemeindeverein gebildet, der die Demokratisierung und Neubetebung des jüdischen Gemeindelebens fordert und der nach der Wahl den Kampf üir das allgemeine Wahlrecht aufnehmen will. '2/D Frankfurt a. M., 24. Januar. Der Montesiore- Verein hielt vor den Mahlen Zur Nationalversammlung eine stark besuchte Versammlung ab, in der die Vertreter der deutschen politischen Parteien die Stellung zur Judenfrage klarlegten. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden, Dr. Löffler, der als erste Ausgabe der deutschen Juden die Treue und Liebe zum Vaterland bezeichnete, gaben Dr. Hans Fester im Namen der Deutschen (nationalliberalen) Volkspartei, Oberlandesgerichtsrat Linz für das Zentrum, Bürgermeister Dr. Luppe für die Demokratische Partei, Theodor Thomas für die Sozialdemokratie und Fräulein Kahn für die unabhängigen Sozialisten diesbezügliche Erklärungen ab. Der als Redner ebenfalls an gekündigte Pfarrer T r o m m e r s h a u s e n von der Deutschnationalen Partei, die nach Behauptungen aus der Versammlung mit jüdischer Unterstützung jetzt für die Kandidatur L a t t m a n n agitiert, war nicht erschienen. Unter den zahlreichen jüdischen Diskussionsrednern erregte Rabbiner Tr. M a h Aufsehen, als er sich als Zenlwumsm.itglied bekannte. Die wohlgelungene Veranstaltung hat allgemeines Interesse erregt. er. Mannheim, 24. Januar. Kommerzienra t E d u a r d Schweizer, eine der bekanntesten Persönlichkeiten unseres öffentlichen Lebens, ist hier im 80. Lebensjahre verstorben. Dcr Verstorbene! gehörte zu den führenden Männern der deutschen Tabalindustrie. j Die Tranerseier für den Verstorbenen fand im hiesigen Krematorium! unter sehr starker Beteiligung der Handels- und Jndustriekreise statt. Nack, einleitendem Harmoniumvortrag hielt Stadtrabbiner Dr. St eckel macher eine Ansprache, der er das Wort zugrunde legte: „Es geht vor dir die Gerechtigkeit und die Herrlichkeit des i Herrn nimmt dich auf." Er sprach von der erfolgreichen Berufsarbeit des Verstorbenen, von seinem rastlosen Fleiß und der Gerechtigkeit, die ihn auszeichnete. Ter ehemalige Ungar habe in Mannheim seine zweite Vaterstadt gesunden unb ihr wertvolle Dienste geleistet. Er sei ein warmfühlender' Bürger und Menschenfreund gewesen, erfüllt von religiösem Sinn. Für den Mannheimer Kunstverein sprach Oberamtmann a. D. Eckhard. Eduard Schweizer sei ein begeisterter Kunstfreund gewesen, den tiefes Verständnis ausgezeichnet hat. Er habe vielen Künstlern reiche Anregung und Unterstützung zuteil wer-! den lassen und besonders auch den Mannheimer Kunstverein zu i warmem Dank verpflichtet. Tie O b e r r h e i n i s ch e V e r s i ch e - r u n g, der bet Verstorbene über drei Jahrzehnte lang als Aufsichtsratsmitglied anaehörte, ließ ebenfalls Abschiedsworte widmen. Unter Harmoniumklängen sank der Sarg, den auch ein mit Stadtsarben geschmückter Kranz zierte, in die Flammen. Stuttgart, 24. Januar. Ein.schönes Wert der Nächstenliebe haben kürzlich die I f r a e l i t e n W ü r t t e m b ergZ gefchafsen. Sie haben in einer Versammlung ani 5. Januar den Württembcrgischen Landesverband für israel n'we Wohlfahrtsbestrebungen errichtet nnt dem Zweck des Zusammen schließe ns der vielen im Lande bestehenden Wohlfahrtsoereine und Gemeindenzwecks gegenseitiger Beratung, Austausch ihrer Erfahrungen, gemeinschaftlicher Förderung größerer Hilfsaktionen, gemeinsamer Vertretung gegenüber den Behörden. Die Mitgliedschaft kann von Gemeinden, Wvhltütigkeitsvereinen und Stiftungen erworben werden. Die Mittel werden aufgebracht durch einen bereits bewilligten Betrag aus der Sammlung anläßlich des Negierungsjubiläums, Mitgliedsbeiträge und Zuwendungen. Es handelt sich also nicht um einen neuen Wohltätigkeitsverein, sondern um die Bereinigung aller bestehenden derartigen Vereine zu gemeinsamem segensreichen Wirken zum Wähle der Armen und Notleidenden, deren Zahl der Krieg wesentlich vergrößert hat. Vorbildlich war eine in Baden bereits bestehende derartige Vereinigung. Bereits ist eine größere Anzahl von Gemeinden und Vereinen des Landes dem Verbände beigetreten, und es ist zu wünschen und zu hoffen, daß alle anderen in Bälde Nachfolgen und damit ein weiterer Schritt zur Vereinigung der israelitischen'Reliaiionsgerneinschast in Württemberg getan ist, die gerade jetzt, da die Trennung von Staat und Kirche vor der Tür steht, besonders not tut. Löhmrn. 'S£2 Prag, im Januar. Dieser Tage erschien eine Abordnung der böhmischen Rabbiner vor dem Landesoberhaupt M a s a r y k. Ter Sprecher der Deputation, Professor Tr. S ch w a r h , der nach dem tschechischen Vertreter den Präsidenten begrüßte, führte aus, daß seine Amtsgenossen der Freude Ausdruck geben wollen, einen Mann von solch tiefem ethischen Empfinden an der Spitze des neuen Staatswefens sehen zu dürfen. Für die Mächtigen der Erde rühren sich alle Hände; große Städte wählen sie dienstfertig, zu ihren Ehrenbürgern. Die Rabbiner haben keine Ehren zu vergeben, a>uch keine Bürgerrechte. Sie sind zufrieden, wenn sie in ihrer und des Judentums Ehre nicht gekränkt werden, wenn ihr Bürgerrecht nicht angezweiselt und angefeindet wird. Was sie zu vergeben haben, das ist das Wort der religiösen Ueberliesernng, nach dein die Gerechten aller Nationen Anteil haben am ewigen Leben, gleichem Ehrenbürger werden im Reiche des Allmächtigen. Daß der Präsident zu den Gerechten der Nation gezählt wird, das erfüllt die Rabbiner mit Akut und Zuversicht in der schweren Zeit, die wohl dem unglückseligen Kriege ein Ende gesetzt, aber noch lange nicht den ersehnten Frieden den Völkern gebracht hat. Tie jüdische Geistlichkeit vertraut auf die von aller Welt bewunderte, in sich geschlossene und gefestigte Persönlichkeit des Präsidenten. Das macht ihr leicht, in feierlicher Stunde zu geloben, daß sie auch fürderhin in treubewährter Vaterlandsliebe wirken wird aus Kanzel und Katheder im Sinne des Prophetenwortes: „Fördert das Heil des Staates, denn sein Heil ist euer Heil." Ter Präsident von seiner hohen Warte möge die weise Hand schützend halten über das heilige Amt der Rabbiner, und diese wollen nach altem Väterbrauch an Sabbaten und Festen in den Synagogen beten, daß Gott beschützen möge: das Vaterland und seinen Präsidenten. Ob nun der eine in deutscher, der andere in tschechischer und der Tritte in hebräischer Sprache für das neue Landesoberhaupt bete, sie alle wollen es tun mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. - Ter Präsident dankte wiederholt für die herzliche Huldigung der Organisationsverbände, in deren Namen die Delegierten erschienen sind, mib versicherte mit großer Wärme, daß unsere Glaubens- und Volksgenossen cs nicht nur oerdienen, sondern auch ein Anrecht darauf haben, daß ihnen in einem wohlgeordneten Staatswesen der Schlitz des gleichberechtigten Bürgers gewährt werde. Mit einigen herzgewinnenden Worten entließ der Präsident die Deputation. Drutlch-Nrltrrrrich Z. Wien, im Januar. Plünderungen jüdischer Läden mit judenfeindliche Exzesse sind', jetzt in Böhmen all. der Tagesordnung. Nach den Plünderungen in Pecek, in Brandeis, Kolin itfiu. erhalten wir, schreibt die in Prag erscheinende „Selbstwehr", über die Ausschreitungen in K l a t t a n einen Bericht, bent wir folgendes entnehmen: Tie Ausschreitungen Der Menge, die anfangs den gewöhnlichen Krawallen glichen, nahinen bald einen jndenseindlichen Charakter au. Es lvurden fast nur jüdische Läden geplündert und die Menge zog unter Drohrnsen zur Synagoge, um dort die Plünderungen svrtzusetzeu. Ter Tewpeldiener, der sich der Menge entgegenstellte, erklärte, daß nicht im Tempel, sondern in der naheiljüdischen Schule Vorräte lagern, die für die jüdischen Flüchtlinge bestimmt, aber von .der Behörde weder an diese noch an die Bevölkerung verteilt lvorden waren. Diese Nachlässigkeit der Behörden kam den Juden teuer zu stehen. Ihre Schule wurde vollständig ausgeplündert. Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen, aber -- ein unglaublicher Fall! — als 'die Menge eine drohende Haltung einnahm, wurden die Verhafteten in Freiheit gesetzt. Tie Behörden haben nicht einmal die Macht, die Schuldigen der Strafe zuzusühren. — Die Plünderungen in Strakonitz währten bis nach Mitternacht, und mit einer Ausnahme wurden nur Juden von ihnen betroffen. Kein Jude burfte sich ans der Gasse sehen lassen. Die Ee-ndarmerie war machtlos und militärische Assistenz nicht vorhanden. Die Intelligenz und das Bürgertum sahen dem Treiben küchelnd zu.. Bor den Geschäften, die ansgeplündert