Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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SS. U«brgtmg. Nr. 5 Berlin, 31. "Januar ISIS Der Demeindebote. Veilkise zur „Allsemeinen Leitung des Judentums". korrrspondensm und Machrichtm. Lrutlchiand. » » Berlin, 28. Januar. Ein Bund jüdischer Frontsoldaten ist die neueste Gründung auf dem Gebiete des jüdischen Vereinslebens in der Reichshauptstadt. Die deutschen Soldaten jüdischen Glaubens, die in den vier Kriegsjahren in den Schützengräben ihre Hingabe an ihr deutsches Vaterland mit Leib und Leben bekundet haben, haben sich zu einem Verband zusammengeschlossen, der das wirksamste Argument gegen den beliebten antisemitischien Vorwurf der Drückebergerei sein wird. Der Verband jüdischer Frontsoldaten wird schon durch sein Bestehen allein dokumentieren, daß die „jüdische Drückebergerei" eine Zweckerfindung jener dunklen Mächte ist, die hoffen, auch im neuen Deutschland durch Volksverhetzung und Rassenhaß Einfluß zu gewinnen. Der Verband wird nur solche deutsche Juden aufnehmen, die als Frontsoldaten oder Angehörige einer zur See befindlichen Marinedivision längere Zeit an der Front gestanden haben. Es ist M Aussicht genommen, den Verband auf ganz Deutschland auszudehnen und in den einzelnen Bezirken bzw. Städten Ortsgruppen zu bilden. Diese Ortsgruppen sollen durch Vorträge und Diskussionsabende ihre Mitglieder zu tüchtigen Kämpfern der jüdischen und deutschen vaterländischen Gesinnung machen. Es ist beabsichtigt, die Vereinsmitglieder durch systematische Schulung dazu zu veranlassen, in ihrem Berufe und in ihrem gesellschaftlichen Leben, ebensowohl wie in Volksversammlungen und in politisch bewegten Zeiten auch auf der Straße den antisemitischen Anwürfen und Gehässigkeiten entgegenzutreten. Gerade der jüdische Frontsoldat kann dem Vorwurf der „jüdischen Drückebergerei" am wirksamsten entgegentreten. Der neue Verein will keine Trennung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen schaffen und auch seine Mitglieder nicht aus den allgemeinen Soldatettverbänden ausschließen, sondern im Gegenteil für eine Annäherung aller Kreise des deutschen Volkes - arbeiten. Der Verein wird ein wirksames Mittel zur Bekämpfung des gerade jetzt stärker als je auftretenden Antisemitismus sein, dem er in Wort und Schrift durch Veröffentlichung von Statistiken und ähnlichem Material scharf entgegentreten wird. Ter Zusammenschluß der nach zehn tau senden zählenden Kriegsteilnehmer wird das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der verlogenen Phrase von der „jüdischen Drückebergerei" darstellen und so den deutschen Juden eine bedeutungsvolle Waffe für ihren Kamps um die Gleichberechtigung in die Hand geben. <2/2 Berlin, 28. Januar. Das Problem der Fürsorge für die jüdischen Kriegsblinden hat die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden seit ihrer Begründung dauernd beschäftigt. In einer jüngst stattgehabten Aussprache zwischen Vertretern der genannten Körperschaft und Mitgliedern aus dem Vorstand und der Verwaltung der Jüdischen Blindeuanstatt für Deutschland ist die Frage eingehend l>ehandelt worden. Die Zahl der jüdischen Kriegsblinden ist nach bisherigen amtlichen Informationen! gering. Für die hilfsbedürftigen Blinden aller Konfessionen stehen neben den vom Reichsausschuß für Kriegsbeschädigtenfürsorge verwalteten Mitteln die reichen Mittel aus der allgemeinen Kriegsblindenstistung zur Verfügung: ergänzend können die für jüdische Kriegsblinde geschaffenen Stiftungen in einer Reihe von Gemeinden und insbesondere in Groß-Berlin herangezogen werden. Da außerdem die Invalidenrente herangezogen werden kann, wird die Veranstaltung von Sondersainmlungen für jüdische Kriegsblinde als völlig, überflüssig erachtet, ebenso die Schaffung eines besonderen Kriegsblindenheimes. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, daß die Unterbringung von Kriegsblinden in besonderen Heimen unzweckmäßig ist. Hingegen erscheint eine Förderung der allgemeinen Bestrebungen der I M scheu Blindenanstalö zum weiteren Ausbau ihrer Institution wünschenswert, insbesondere mit Rücksicht daraus, daß möglicherweise in Zukunft neben den Zivilblinden auch Kriegsblinde Aufnahme finden können. Es haben sich die anweseRden Vertreter des Vorstandes des Blindenheims bereit erklärt, sich der Fürsorge für die jüdischen Kriegsblinden zu widmen, und zwar in der Weise, daß für jeden einzelnen Blinden ein Pfleger bestellt wird, dessen Aufgabe es sein soll, neben der fürsorglichen und pflegerischen Behandlung des Blinden auch besten Familie zu beobachten, zu betreuen und für ihre genügende Versorgung einzutreten. Die Leitung der Blindenanstalt übernimmt es, aus ihren Kreisen Pfleger zu gewinnen, während es die Aufgabe der Zentralwohlfahrtsstelle sein wird, alle für die Durchführung der Pflegschaft erforderlichen vorbereitenden Maßnahmen zu treffen, so insbesondere die gegenwärtigen Verhältnisse ider bekanntgewordenen Kriegsblinden sorgfältig festzustellen. Aus diesem Grunde ist es wünschenswert, daß Mitteilungen über jüdische Kriegsblinde von den einzelnen Gemeinden und Privatpersonen möglichst bald an die Zentralwohlfahrtsstelle, Berlin W 35, Steglitzer Straße 911, gelangen. 22 Berlin, 28. Januar. Der I ü d i s che Franc n b u n d Ortsgruppe Berlin b>at in einer Eingabe an den Borstand der Jüdischen Gememde das Ersuchen gestellt, die bevorstehenden Revräsentantenwahleu so wie alle zukünftigen Wahlen nach dem vom November 1918 ab für öffentliche Körperschaften gültigen neuen Wahlrecht stattfinden zu lassen. Danach würde den Frauen das aktive und Passive Wahlrecht zusteben. Der Jüdische Frauenbund glaubt mit dieser Eingabe den Interessen und berechtigten Wünschen Zahlreicher Gemeindeiniitglieder zu entsprechen. Die Einaabe beschäftigt sich ferner mit der stärkeren Hinzuziehung von Frauen als st i m m b e r e ck' t i a t e M i t g l i e d e r m den Arbeiten sämtlicher Kommissionen der Jüdischen Gemeinde. Die Mitarbeit der Frauen auf allen Gebieten der Woblsabrrs- und Gesundheitspflege, des Bildunas- und Erz'ebungsweseus und der Verwaltunasarbeiten ist nicht mehr zu entbehren, und viele jüdische Frauen briuaen nach langjähriger Mitarbeit in den interkonfessionellen Orgar.natwnen wertvolle Kenntnisse nnd Erfahrungen mit. Es ift zu hoffen, daß durch eine Bmmcksichtiguna der Einaabe dem Geist der Zeit in entsprechender Weise Rechnung getragen wird. &&& Berlin 28. Januar. Wie der Verband indischer Frau e n f ü r Kulturarbeit in Palästina sich in seiner Tätigkeit und seinem Programm den Formierungen der?eit mmevaßt bat. zeigt die Versammlung, die kürzlich im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde unter dem Vorsiü von Frau Rabbiner Dr. Esch el halber stattfand. Die Versammlung wurde eröffnet durch ein Referat von Frau Dr. Maisel- S eh o ch a t. S'e gab als Leiterin der Farm Kmereth eine eingehende Schilderung ihrer Erlebnisie. Das Wichtigste in ihren inhaltsreichen Ausführungen aber war, daß sie zugleich aus Grund ihrer reichen Erfahrungen all die Wünsche aussprach, die bei k'"mftiger Arbeit berücksichtigt werden müssen, um mit noch größeren Erfolgen zu arbeiten und zugleich die vielen, die gedeihliche Arbeit erschwerenden llebelstände zu beseitigen. Wenn man hört, daß die Arbeiterhäuser nur aus einem Raum bestehen, obue kleinstes Nebenaelaß, ohne Ausgußmöglichkeit, ja selbst ohne Küchenherd, so daß die Frau auf offenem Feuer, dem dort oft starken Winde ausaesetzt, die Mahlzeiten bereiten muß, und Ruß und Staub ins Essen fällt, dann erkennt man als eine der ersten Forderungen an, bei den künftigen Bauten in den Kolonien eine Frau zu Rate zu ziehen, die mit praktischen Ratschlägen dem Palästina-Bauamt so zur Hand geht, daß in Zukunft für Hvgiene, Beauemlichkeit und rationellere Ausgestaltung des Arbeiterhauses bester gesorgt wird. Aber nicht nur in den Arbeiter- Häusern muß hier für größere Hygiene gesorgt werden, auch die Hotels lasten in bezug auf Reinlichkeit und vorteilhaftere Unterkunft für die Ankommenden, ganz gleich ob es Frauen, Mädchen, Männer oder ganze Familien sind, sehr viel zu wünschen übrig. Frau Dr. Maisel-Schochat denkt an die Einrichtung von Heimen, die gleichzeitig mit einer wohlorganisterten Auskunftsstelle und einem Arbeitsnachweis verbunden sein sollen, und die den Einwanderern möglichst zum Selbstkostenpreis freundliche, saubere Logis und Pensionen bis zum Antritt zur Arbeitsstelle bieten. Wenn nur vorerst in den Hafenstädten solche Unterkunftsgelegenheiten eröffnet wären, wäre schon viel gewonnen. - Frau Studienrat Calvary erzählte dann von den