Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 48 .Beruhige dich, Mutter! Dein Fluchen hat es nicht verschuldet!" „Was denn?" „Ich weiß es nicht. Geh' zu Bett, Mutter! Ich werde mich auch zur Ruhe begeben", seufzte er mit verhaltenem Atem, noch einen Mick auf den Brief werfend. Seine Furcht vor dem Tageslicht, das ihn schon am Abend vorher gepeinigt, war begreiflich; denn als der Morgen endlich anbrach und mit diesem die Notwendigkeit, etwas zu unternehmen, da erst wurde es ihm klar, daß er die ganze Nacht nur auf die Glockenschläge der gegenüberliegenden Kirche gelauscht, ohne irgendeinen richtigen Gedanken fassen zu können. Nur einzig darin hatte sich sein ganzes Wahrnehmungsvermögen geäußert. Er wußte auch jetzt nichts weiter, als daß seine Frau ihn verlassen. Er tappte noch immer in der Finsternis herum. Um aber wenigstens doch einen Schritt weiterzukommen, entschloß er sich, den alten Dumont aufzusuchen. „Ich dachte es mir, daß Sie kommen werden, und habe Sie bereits feit einer halben Stunde erwartet," begrüßte ihn der Alte, ihm nur flüchtig die Hand reichend. Klaßner drückte diese warm. „Tann wissen Sie auch . . ." „Alles." Er zog einen zerknitterten Brief aus der Tasche, den er wortlos Klaßner überreichte. „Und Ihre Frau?" „Sie ist nicht wohl, daher will ich noch damit warten.' Es entstand eine Pause. „Was gedenken Sie zu tun?" fragte Klaßner endlich voller Spannung. „Entsprechend ihrem Wunsche, habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht. Sie bittet mich, daß ich sie nicht verdammen soll." „Aber sie muß doch irgendeinen Grund angegeben haben!" rief Klaßner und biß sich die Lippen wund, daß sie bluteten. „Wenn ich sie nicht so gut kennen würde, müßte ich glauben, daß alles nur ein schlechter Scherz von ihr ist." „Herr Klaßner — anders darf ich Sie wohl jetzt nicht mehr nennen —", entschuldigte sich Dumont, als er Klaßners verwunderten Blick bemerkte, „mir hat sie keinerlei Gründe angegeben, nur die Tatsache hat sie mir mitgebeilt. Wenn es Sie aber unter diesen Umständen ein wenig beruhigen kann, sollen Sie die Versicherung mit sich nehmen, daß Sie gegen meine Nichte wie ein Edelmann gehandelt, daß Sie darum keinerlei Schuld trifft." „Wenigstens Hab ich es immer versucht", erwiderte dieser einfach. „Für mich ist die ganze Sache ebenso ein Rätsel, wie es für Sie zu fein scheint", sprach der Alte weiter und fuhr sich mit der Hand über die Augen, „darum möchte ich mit meinem Urteil zurückhalten, bis ich etwas Bestimmtes erfahren habe. Was aber auch daraus entstehen mag, so wollen wir doch versuchen, freundlich von ihr zu denken. Ich bin fest überzeugt, daß sie diesen verzweifelten Schritt unternommen, weil sie in ihrer Bedrängnis keinen Rat und keinen anderen Ausweg wußte. Vielleicht, daß sie durch dieses oder jenes zu der Ueberzeugung gekommen, daß ihre Heirat mit Ihnen als ein Mißerfolg sich gezeigt, und darum hat sie diesen außergewöhnlichen Schritt unternommen, um den Irrtum zu beseitigen. Mit dieser Entscheidung werden auch Sie sich ab^ zufinden haben." „Was könnte ich sonst dabei tun?" rief Klaßner erbittert. „Was aber soll mit dem Vikar geschehen? Mit dem Diener Gottes, dessen Beruf es ist, den Bund der Ehe zu weihen und zu heiligen?" Der Alte antwortete nicht, und als Klaßner seinen Hut nahm, machte er keinen Versuch, ihn zurückzuhalten. Mit einem warmen Händedruck verabschiedete sich Klaßner und verließ daS HauS. „Was werden Sie tun?" fragte noch Dumont. „Mich mit Ihrer Entscheidung abzufinden suchen." „Werden Sie die Sache dein Gericht übergeben?" „Jawohl", erwiderte Klaßner mechanisch. Als er sich wieder auf der Straße befand, fragte er sich ingrimmig, was er eigentlich bei diesem Besuch gewonnen? Den Vorschlag mit dem Gericht? Darauf wäre er wohl von selbst gekommen, wenn fein Gehirn erst wieder zu einem normalen Zustand gekommen wäre. Doch nein: etwas hatte er doch dabei gewonnen: das Bewußtsein verwerflicher Selbstüberhebung. Das hatte ihm der alte Mann gezeigt, der nicht nur in seinen verwandtschaftlichen Gefühlen, sondern auch, durch die Handlungsweise des Vikars, in seinenreligiösen Empfindungen tief verletzt sich fühlen mußte, dennoch eine ruhige, abwartende Haltung sich bewahrt. Es unterlag keinem Zweifel, daß auch sein Herz bei diesem Unglück brach, aber er blieb trotzdem gefaßt und ergeben, wie es die gute Erziehung erfordert, um -einen solchen schweren Schicksalsfchlag standhaft zu ertragen, als wäre es ein alltägliches Ereignis. Selbst in seinem eigenen Hause, selbst seiner eigenen Frau gegenüber, wo er sich doch nicht die geringste Zurückhaltung aufzuerlegen brauchte, wußte er sich vollständig zu beherrschen. Klaßner nahm sich vor, sich ebenfalls dieser Eigenschaften zu befleißigen, was auch über ihn verhängt seinmochte. Unter allen Umständen mußte er Ruhe, Festigkeit und Selbstbeherrschung sich bewahren. Sein- Blick traf jetzt zufällig das gegMüberlieg-ende Mahlowsche Hans, und ihm kam der Gedanke, daß dieses eine gute Gelegenheit biete, um bald eine Probe seiner Charakterfestigkeit abzulegen. Dort wohnt ja Alice, mit der er den ersten Versuch machen wollte. Bald stand er am Haufe, aber die Heftigkeit, mit der er die Glocke zog, machte es ihm klar, daß er bisher noch wenig Grund hatte, ans feine Selbstbeherrschung besonders stolz zu sein. Das Mädchen führte ihn nach dem Empfangszimmer und eine Minute später stand Alice vor ihm. Ihre unverhohlene Ueberraschung bei seinem Anblick erregte ihn noch mehr, als es für feine Absicht gut war. Warum war sie nicht felbstbeherrscht und versuchte ihr Erstaunen zu verbergen? Wie auch durfte sie bei einem Ereignis Unwissenheit Vortäuschen, wo fern Herz zerrissen, feine Seele zerschmettert war, wo ein tausendfacher Schmerz sein Inneres zerwühlt? — Unwissenheit Vortäuschen! Er klammerte sich an diese Phrase, die ihn aus einen neuen Gedanken brachte. Vielleicht gelang es ihm, hier etwas Bestimmtes zu erfahren. Er schien alle Fähigkeiten der Ueb-erlegung verloren zu haben, und anstatt der Selbstbeherrschung geschah alles bei ihm jetzt sprunghaft, impulsiv und launenhaft. Ehe sie ein Wort sprechen konnte, stieß er hastig die Worte hervor: „Waren Sie auch bei der Verschwörung beteiligt?" „Ich verstehe Sie nicht, Herr Klaßner." Sie sah ihn verwundert an. Er war sofort von ihrer Unkenntnis überzeugt, aber anstatt zu beschwichtigen, regte es ihn noch mehr aus. Sein Zorn flammte noch gewaltiger ans, da er nicht einmal einen Sündenbock finden konnte. „Meine Frau ist gestern mit dem Vikar Strömer durchgebrannt! Eigentlich dürfte ich dieses gemeine Wort bei solchen ehrenwerten, hochachtbaren Leuten gar nicht -anwenden," fuhr er mit heiserer Stimme fort. „Ich glaubte, daß man Sie dabei ins Vertrauen gezogen." Alice erbebte, aber äußerlich zeigte sie sich ruhig, als sie sprach: „Ich danke Ihnen, daß Sie wenigstens mir gegenüber nicht auch so ein gemeines Wort angewendet. Sie hätten ja ebensogut „Zwischenträger" oder gar „Kupplerin" sagen können." Versteinert, doch ohne sichtbare Reue, nahm er ihre vornehme Zurechtweisung hin. (Fmtfchung folgt.)