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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-31 · Heft 5 (31.1.1919) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 5 (31.1.1919)
Date
1919-01-31
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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daß hier ein Mann von einem anderen Geschlechte vor uns steht, eine Art Jdealrabbiner." Dieses Urteil fordert Zilsel zu der von flammender, heiliger Entrüstung eingegebenen Bemerkung heraus: „Der Brillenschleifer Spinoza also sitzt in seinem Hinterstübchen, sein Werk veröffentlicht er nicht, seine Persönlichkeit bekümmert ihn nicht, er will recht haben und recht tun; ba kommt der moderne Geniepriester hereingestolpert, einen Wertmaßstab in der Hand, gleich einem Schulmeister: wer „schauen" kann, ist ein „Genie"; wer das Geheimnis der Erkenntnis vorzieht, eine tiefe Persönlichkeit. Die übrigen Denker dagegen werden als seichte Dutzendmenschen in die letzte Dank der philosophischen Schulstube verwiesen. Dabei tritt das Schauen bei Chamberlain in arger Doppeldeutigkeit aus; bald bezeichnet es den Gesichtss i n n, bald die Derstandestätigkeit beim Erkennen. Doch für diese Konfusion ist Chamberlain ebenso „blind" wie für die Regeln der lateinischen Sprache und den Gedankengehalt des spinozistischen Systems; er starrt nur aus den Kleinkinderbegriff des großen Mannes und ist vollauf damit beschäftigt, Plato, Bruno, Descartes, Goethe und Kant mit einem Schwall metaphysischer Gefühle zu übergießen. Statt eines zuverlässigen Berichtes über die Philosophie Spinozas empfangen wir also ein Werturteil über Spinozas Person. Die unter Philosophen höchst seltene Konsequenz jedoch, mit der Spinoza nach seiner Lehre auch wirklich gelebt hat, der beinahe vorbildliche sittliche Charakter des Brillenschleifers wird von Chamberlain nicht mit einem Worte erwähnt. Dieses merkwürdige Stillschweigen ertönt aber aus einem Buche, das in der kantischen Gedankenwelt zu loben glaubt und dem der Ausspruch Kants als Motto voransteht: „Die größte Angelegenheit des Menschen ist, zu wissen, was man sein muß, um ein Mensch zu sein." Da ist es wohl anr Platze, dem von Kant-Anbetung überfließenden Werk zwei weitere Kant-Stellen zu zitieren: „Die Gewißheit einer Gesinnung, die mit dem Sittengesetz übereinstimmt, ist die erste Bedingung alles Wertes der Person, und alle Anmaßung vor derselben ist falsch und gesetzwidrig", denn „der persönliche Wert wird ohne Uebereinstimmung mit dem moralischen Gesetz auf nichts herabgesetzt". Es sei mir gestattet, im Anschlüsse daran zu erwähnen, daß selbst Friedrich Heinrich I a c o b i, aus dessen religiösen. Gefühlen eine heftige Verbitterung gegen Spinozas System hervorgewachsen war, nicht einen Augenblick anstand, des Philosophen Erhabenheit und edle Reinheit zu feiern. Ja, er schmückte sogar seine Stirne mit dem Glorienscheine der Heiligkeit. „Sei du mir gegrüßt, großer, ja heiliger Benedictus!" ruft er voll Verzückung aus. „Wie du auch über die Natur des höchsten Wesens philosophieren und in Worten dich verirren mochtest, seine Wahrheit war in deiner Seele und seine Liebe war dein Leben!" Und Schleiermacher gibt seiner Bewunderung Ausdruck in der Mahnung: „Opfert mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen, verstoßenen Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein Anfang und Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe; darum steht auch er da allein und unerreicht, Meister in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft, ohne Jünger und ohne Bürgerrecht." Tie intellektuelle Liebe Gottes, der amor Dei intellectualis war es, welcher dem großen Heiligen seine Heiligkeit gewährleistete. „So wird es deutlich," fährt Zilsel fort, ,chaß der Kant- Enthusiasmus Chamberlains keineswegs aus philosophischer Ueberlegung oder auch nur aus einer innerlich verwurzelten Ueberzeugung beruht. . . ein Autor, der in der leichtfertigsten und .unwissendsten Weise von der Sache eines Philosophen aus seine Persönlichkeit abschweift, dabei aber den ethischen Wertmaßstab vergißt, der zeigt, daß er von der Gedankenwelt 47 Kants himmelweit entfernt ist? Daß ghamberlain die Lebensführung Spinozas verhöhnt, die sittliche Größe des Philosophen aber totschweigt, ist im höchsten Grade unkantisch" Zilsel hat sich an dem Gesagten auf die Besprechung des einen Spinoza-Zitats beschränkt; er besitzt jedoch die Belege dafür, daß Chamberlain auch bei Auswahl, Wiedergabe und Verwendung der Plato- und Kant-Zitate sowie bei der Anführung der elementarsten mathematischen und philosophiegeschichtlichen Sätze nicht wie ein ehrlicher, gewissenhafter und zuverlässiger Mensch urid Forscher, sondern wie ein leichtfertiger Scharlatan vorgeht. Und er spricht jedem unvoreingenommenen, wahrheitsliebenden Menschen aus der Seele, wenn er zum Schlüsse erklärt, daß jede Minderung, die das hohe Ansehen Chamberlains, von dem die Zahlen der Auflagen seiner Bücher und Broschüren und zahlreiche Urteile über ihn Zeugnis ablcgen, erfährt, an sich einen großen Gewinn bedeutet; denn gerade er bewegt sich stets auf jenen Grenzgebieten, „auf denen Unwissenheit und tiefe Vorurteile mit Glück und Blut der Nebenmenschen bezahlt werden". KflL hetum das Leimge. (28. Forts.) Roman von M. P u I u c r m a;t n. s war nämlich so", fuhr sie traurig fort, „sie kam um zwölf Uhr nach Hause und ging nach ihrem Zimmer, wo sie in allen Schränken und Schieben räumte. Ich wollte ihr helfen, aber sie hatte die Tür verschlossen. Ich rief sie zum Essen, aber sie kam auch nicht, und die schöne Suppe ist kalt und schlecht geworden. Nach einer Stunde kam sie ganz leise die Treppe herunter; sie war sehr bleich, wie Kalk, und hatte ein kleines Bündelchen in der Hand. Als sie mich erblickte, fällt sie mir um den Hals und küßt mich hier und hier", sie zeigte auf Mund und Augen, „so sehr, als wollte sie ein Stück von mir abbeißen, und bevor ich recht zur Besinnung kam, war sie schon fort. Wehe mir! Das bedeutet gewiß einen großen Kummer für uns alle!" „Du hast es mir schon vorhin erzählt, Mutter", sprach er tonlos. „Schreibt sie denn! im Briefe, wann sie wiederkommt?" „Sie wird nie mehr zurückkommen." „Sie wird nie mehr zurückkommen?" Sie lächelte zweifelnd, schmerzlich-. „Sie ist doch aber deine Frau?" „Sie war es, Mutter; jetzt ist sie es nicht mehr." „Gott soll behüten! Ist denn meine Elle tot?" „Ja, tot für uns!" kam es leidenschaftlich von seinen Lippen. Traurig schüttelte die Alte den Kopf. „Wenn du es mit einer solchen Stimme sagst, dann wird es wohl wahr sein." Eine unheimliche Stille herrschte jetzt im Zimmer. Nach einer Weile aber stand Klaßner auf und streichelte zärtlich das eingefallene Gesicht seiner Mutter. „Geh schlafen, Mutter! Es ist doch nichts mehr zu ändern." Sie ließ sich seine Liebkosung gefallen, dann aber bog sie den Kopf zurück und stieß seine Hand fort. „Nein, nein! Du darfst mich nicht streicheln!" jammerte sie. „Schlagen mußt du mich mit einer ganz dicken Peitsche, denn ich bin doch der schuldige Teil. Ich habe den Tag verflucht, an dem sie ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses gesetzt! Ich fluchte dem Tage, ich fluchte ihr und fast hätte ich auch dich, mein Awromele, verflucht! Ich muß Wohl die Muchworte in einer bösen Stunde ausgesprochen haben, und der Satan hat sie schnell zu Gott emporgetragmi. Meine arme, arme Elle!"

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