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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-31 · Heft 5 (31.1.1919) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 5 (31.1.1919)
Date
1919-01-31
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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46 - Mchwkltung einer LäWung Lhamberisins. Bon I. B. M ü n 5. ouston Stewart Chamberlain ist auf Spinoza nicht nicht flut zu sprechen. Der Grund hierfür liegt offen und klar zutage, und er macht auch gar kein Hehl daraus, daß ihm der Jud e Spinoza ein Greuel ist, zumal die Fachphilosophen eine unwandelbare Vorliebe für ihn bekunden. Gerade das Schlechte an ihm, das der lebendigen Anschauung entfremdete, alle Widersprüche, die die Wahrheit bietet, gewalttätig tilgende Logisch-Systematische ist es, das nach seiner Meinung sie anzieht. Spinoza ist ein Jude, und dies wirkt auf Chamberlain, wie auf den Stier das rote Tuch. Für den blindwütigen Judenhasser ist dies Grund genug, den allverehrten Philosophen vor sein Jnquisitionstribunal zu zerren. Um seinem Haß indes ein Mäntelchen umzuhängcn, weist er in seinem dickleibigen Kant-Buch .darauf hin, daß ihm alles Mythische fehlt. Während die Inder gelehrt hatten, selbst Götter könnten das Geheimnis des Daseins nicht ergründen, und Aristoteles - der so positive Geist — alle Philosophie vom „Sichverwundern" den Anfang nehmen tind in zahlreiche Aporien, d. h. unlösbare Fragen, ausgehen läßt, kenne Spinoza gar kein Mysterium; er verwundere sich über nichts und sage ausdrücklich, keine Frage übersteige die menschliche Fassungskraft und alles lasse sich auf das allerbcqucmste erklären (eommodissimo explicari). Was hier fehle, sei jener Springbrunnen der Natur, aus dem nicht nur alle Mythologie, sondern auch alle Wissenschaft und alle Weltanschauung flieht: die Phantasie. Die Mythen, sagt Renan, „verwandeln sich unter den Händen der Semiten zu flacher historischer Berichterstattung"; genau dasselbe geschehe bei Spinoza. Vortrefflich erwidert in seinem eben erschienenen Buch: „Tie Genicreligion" (Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1918) Edgar Zilsel, welcher Chamberlain als Vertreter und abschreckendes Beispiel des persönlichkeitsbegeistcrten Halbgelehrtentums hinstellt, daraus: „Die Quelle jenes Spinoza-Zitats, aus das allein die anschließende Beurteilung des Philosophen gestützt wird, ist nicht angegeben. Es sind aber die beiden Worte eommodwsnue explicari gar nicht Eigentum Spinozas; geschrieben hat sie vielmehr sein Freund, der Arzt Ludovicus Meyer, und zu finden sind sie in d e s s e n Vorrede zu dem Werk Spinozas: Renati Descartes principia philosophiae more geometrico demonstrata. Dort heißt es: „Nur vom Standpunkt des Cartesius ist es gesprochen, wenn es an einigen Stellen (nämlich des folgenden Werkes Spinozas) heißt, dies oder jenes übersteige die menschliche Fassungskraft. Dies ist nämlich nicht so zu verstehen, als ob unser Autor (Spinoza) solches nach seiner eigenen Meinung vorbrächte. Er glaube nämlich, daß all diese Probleme und noch andere mehr, die noch höher und subtiler sind, aufs allerbequemste gelöst werden können, wenn nur der menschliche Intellekt auf einem anderen Weg als aus dem von Cartesius gebahnten zur Erforschung der Wahrheit angeleitet wird." Aus der Unzulänglichkeit des Cartesianischen Systems in einigen Punkten will also Meyer auf die Ueberlegenheit des spinozistischen schließen; weder Meyer noch Spinoza behauptet dagegen, daß für den Menschen alles erkennbar wäre. Wie wäre es denn auch anders möglich? Spricht doch Spinoza ausdrücklich seinem Gott die Erke n n b a r k e i t a b, mit der Begründung, daß jede Bestimmung eine Verneinung sei; denn jede Bestimmung einer Definition gehöre nicht zum Wesen der Sache, sondern sei im Gegenteil ihr Nichtsein. Darum könne auch das-höchste Sein, auch Gott, nicht erkannt werden; darum können wir uns von seiner Persönlichkeit, von seinem Wollen oder seinem Verstände keine« Begriff machen. Spinoza kennt wohl das Wort P er sönlich keit, aber er kann sich nicht viel dabei denken. Was seine Pevsönlichkeit sei, werde.Gött wohl erst am jüngsten Tag seinen Gläubigen enthüllen, fügt er hinzu. — Von den unendlich vielen Attributen Gottes oder der Natur sind ihm überhaupt nur zwei, Ausdehnung und Denken, dem Menschen zugänglich. Deshalb erklärt er ausdrücklich: „Ich sage nicht, daß ich Gott völlig (omnino) erkenne, sondern daß ich einige seiner Attribute, nicht aber alle, ja nicht einmal den größten Teil (guaeckam eins attributa, rum autem omnia neque maximam partem) begreife". Sehr richtig läßt sich also Zilsel vernehmen: „Es ist also das einzige Spinoza- Zitat in Chamberlains Kant-Buch erstens nicht von Spinoza, zweitens falsch übersetzt und drittens antispinozistisch interpretiert. Bloß auf Grund dieses Zitats aber wird Spinoza ein „kluger, ahnungsloser Jude" und seine Philosophie eine „Verhunzung einer großartigen Weltanschauung" (nämlich der cartesianischen) genannt." Und milde fügt er hinzu: „Eine bewußte Fälschung ist trotzdem wohl nicht anzunehmen; es dürfte vielmehr gröbste Fahrlässigkeit sowie Unkenntnis der lateinischen Sprache und des spinozistischen Systems vorliegen." Es trifft aber auch sonst nicht zu, daß unser Philosoph gar kein Mysterium kennt, daß er der traumlose Mann ist. Er fühlt seinen Gott in der ganzen Welt, auch in sich selbst, als Ursache der Welt, als Ursache seiner selbst, und so liebt er ihn, leine mystische Weltseele; er liebt ihn mit übermenschlicher Liebe, mit lächelnder Resignation, ohne Hoffnung aus Gegenliebe, ohne Eifersucht: er liebt ihn, wie man die einzig Geliebte lieben würde, wenn sie zeitlos und körperlos wäre, ein Gedankenbild. Spinoza wäre nicht, der er war, der größte, tiefste und heiterste Denker, wenn er nicht bei allem Scharfsinn doch die blaue Blume der Romantik gepflegt hätte, die letzte Zuflucht des gequälten Denkens, die Mystik. „Diese Heiterkeit verliert," sagte Fritz Mauthner, „wer nicht in den mystischen Abgrund springt, wer jede Mystik für das Asyl der Verzweiflung hält und die Verzweiflung nicht fürchtet, wenn nur heiliger Zweifel zu ihr führt." Chamberlain ist es entgangen, daß Spinoza trotz seiner geometrischen Methode einen viel größeren inneren Wertreicktum in sich besessen hat als Kant, der außer den intellektuellen Erkenntniswerten im wesentlichen nur die rein moralischen Pflichtwerte als eigenes Erlebnis besaß. Nicht Spinoza, sondern der im Grurdp einseitig nach dem einen Begriffe des Wissenschaftstums gravitierende Kant war es, der die Gefühlswerte aller Mystik als Schwärmerei mißachtete und völlig übersah, daß das Kommensurable und das Inkommensurable stets aufeinander angewiesen sind und daß gerade dieser Bund des Unbewußten mit dem Bewußten im menschlichen Geiste, also eine Verobjektivierung des eigenen Ich und eine Versubjektivierung der Welt, außerordentlich belebend wirken kann und dem ersteren unter Umständen Siebenmeilenstiefel der Erkenntnis verleiht.! Noch merkwürdiger als Chamberlains Urteil über Spij nczas Lehre ist vielleicht sein Urteil über Spinozas Person, j Er meint einige Zeilen später: „Im Gegensätze zu Descartes j sitzt der „edle Baruch" von der Wiege bis zum Grabe in seinem! Hinterstübchen, denkt nach über das, was er bei Descartes und! Bruno gelesen hat, und kombiniert sich (mit unvergleichlichem Geschick) ein Gewebe von Syllogismen daraus. Die Folge ist, daß neun Zehntel von dem. was Descartes geleistet hat, von! unseren philosophischen Schulmännern unbeachtet bleiben; denn sie verstehen es nicht, es gehört nicht zu ihrem „Fach", was aber den ferneren Nachteil hat, daß sie darum auch das zehnte Zehntel in falscher Perspektive erblicken, wogegen ihnen aus dem Lebenswerk eines Spinoza nicht ein einziges J-Tüpfel l verlorengeht. Wir aber wollen daraus den Schluß ziehen,

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