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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-31 · Heft 5 (31.1.1919) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 5 (31.1.1919)
Date
1919-01-31
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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trage der Gemeinde begab sich Lewandowski mach Stettin, um den für die vakante Berliner Kantorstelle vorgesehenen Kantor Lichtenstein mit dem Gottesdienst der „Alten Synagoge" vertraut zu machen. Lewandowski schrieb nun nach dem Probe- Vortrag Lichtensteins folgenden Brief an dessen Schwiegervater, Lehrer Reichart in Stettin: „Herrn Reichart, Wohlgeboren, Stettin. Außerordentliche Freude gewährt es mir. Ihnen Mitteilen zu können, -daß Ihr Herr Schwiegersohn, Herr A. I. Lichtenstein, mit dem größten Beifall hier am vergangenen Sonnabend vorgebetet hat. Die hiesige Gemeinde war sehr gespannt, den berühmten Mann, dessen Namen in eines jeden Mund wohltönend widerhallt, in seiner ganzen Größe kennenzulernen. Mit jedem Ton, den Herr Lichtenstein sang, steigerte sich das Entzücken des Publikums, und bis nach wsschomru getrauten sich die Leute kaum zu atmen. Am anderen Morgen war der Beifall grenzenlos. Der Vortrag wirkte tief in den Herzen der Leute, und der Schmäh jisroel entlockte Tränen und ergriff sie alle mächtig. Man könnte sehr viel noch hierüber sagen. Es herrscht hier nur eine Meinung und eine Stimme, nämlich, daß Herr Lichtenstein die besten Eigenschaften der drei größten Berliner Theatersänger in sich vereinige: Organ und Deutlichkeit von Bader, Zartheit im Gesang und Vortrag von Mantius und Kraft und Fülle von Zschiche. Das hiesige Kantorat wird ihm ohne Zweifel zuteil, und ich freue mich. Ihnen und Ihrer Familie hierzu gratulieren zu können. Ihr ergebenster Louis Lewandowski." Nach erfolgter Anstellung an der Alten Synagoge verband die beiden intime Freundschaft. Zu Lichtensteins 70. Geburtstag komponierte Lewandowski das in Berlin so gern gehörte Sk und sandte ihm diese Piece mit beifolgendem Schreiben: ' '//V? Musikdirektor gestorben am o ganzes Leben gewidmet haben. Sie dürfen sich deshalb wohl beruhigen, und wenn es eine Genugtuung für manche Unbill gibt, so ist sie in den Worten: 15T3W >6l TttPn nsmr *yi"IDn — beseligend und beruhigend in menschenwürdigster Weise ausgedrückt. Was ich Ihnen in alter Treue, als Ausdruck meiner Teilnahme, entgegembringe, ist in der Notenbeilage ausgesprochen. Dieses Gebet ist der Inbegriff all meiner Wünsche. Möge es Gott erhören und sie erfüllen zum Heile der Gemeinde, der Familie und zum Trost für diejenigen, die bei eintretender Verlegenheit und Not sich mit Zuversicht an Sie wenden. Ihr Lewandowski." Anläßlich des Erscheinens des Tando W sinrro richtete Josef Singer die Bitte an Lewandowski, ihm einige Notizen zu einer Biographie einzusenden. Lewandowski antwortete S. mit folgendem Schreiben: „. . . . Ihre Absicht, von mir ein Lebensbild zu entwerfen, will ich gern unterstützen. Mein Gedächtnis ist ein wenig geschwächt, und ich muß, um in meine Vergangenheit zu blicken, diese Schwäche durch Erinnerungen zu kräftigen suchen. Ich werde mich bemühen, wahrheitsgetreue Facta zu Papier zu bringen, und Ihnen genaue Notizen geben. Ihre geübte Feder wivd mit Leichtigkeit aus den Konturen ein erkennbares Bild entwerfen, von dem ich gerne annehme, daß es dem Original möglichst gleich wird. Sie wünschen zu dem Behufe eine genaue Angabe nieiner Geisteskinder. Wenn ich nicht irre, sind Sie im Besitz der synagogalen Arbeiten und all der Psalmen, die ich zu Ihrer Zeit für Nürnberg geschrieben habe. Mein letztes größeres Synagogenwerk ist der II. Theil vom Today Wsimrah, dessen Inhalt der Partitur für Nürnberg so ziemlich gleicht. Was ich an weltlicher Musik geschrieben, werde ich senden, freilich nur die im Druck erschienen sind. Von meinen Lewandowski Februar 1894. „Herrn Obervorsänger A. I. Lichtenstein, Wohlgeboren. Werter Freund! Eine iveundliche Mitteilung brachte mir die Gewißheit, daß Sie heute vor 50 Jahren zum ersten Male als wohlbestallter Vorbeter und Vorsänger an den heiligen Schulchan getreten sind. Ein halbes Säkulum! Wenn Sie diese Vergangenheit in der Erinnerung durchlaufen, welch eine Kette glücklicher und — wovon wohl kein Sterblicher verschont bleibt — auch trüber Ereigniffe müsien heute vor Ihre Seele treten. Als hilfloses Kind in die Welt hinausgetrieben, hat Ihnen Gott durch die wunderbare Gabe des Gesanges ein Mittel verliehen, welches Sie vor bitterer Not nicht nur geschützt hat, nein, das Sie in Stellung und Wirksamkeit geführt, die nur wenigen beschieden ist. Sie sind seit 31 Jahren Obervorsänger in 'der größten und gebildetsten Gemeinde Deutschlands, in welcher Sie nach jüdischer Auffassung als "NIL alle Gebete der Gemeinde zu dem Einigen Gott vermitteln und emporsenden. lieber Ihre Begabung und Leistung habe ich wohl nicht nötig zu sprechen; beide sind von je erkannt und bis auf den heutigen Tag anerkannt worden. Daß leider die materielle Ausbeute in keinem Verhältnis zu Ihren Leistungen steht, das, verehrter Freund, teilen Sie mit allen denen, die der Wissenschaft und der Kunst in treuer und reiner Hingabe ihr Streichquartetten ist bis heute nichts in die Oeffentlichkeit gekommen, und Sie werden es mir schon glauben müssen, daß sie gut und vielleicht auch schön sind —-" Ein anderer Brief von Lewandowski an Singer hat folgenden Inhalt: „. . . . Ich bin leider in den letzten Monaten durch einen! andauernden Schiwindel kaum zum Arbeiten gekommen. Mein Kops ist so bedrückt und benommen, daß ich mich nur ' in der Luft freier fühle. Der Aufenthalt bei meinen Kindern, i die Berg- und Waldlust soll mich verjüngen und stärken, i Gebe Gott, daß ich bei meiner Heimkehr die alte Lust; zur Arbeit und zur heiligen Kunst finden möge. - Ich habe; noch viel auf Erden zu tun, und bevor ich mit den E Engeln musiziere, möchte ich dieses Jammertal durch manche i Töne erfreuen. . Wenn auch Louis Lewandowski zu seinen Vätern einging, sein Geist wivd überall walten, seine Werke, Kol rinnoh i utesilloh, Today Wsimrah und Psalmen, dieser gleichsam seinen vollen Lebensinhalt austönende mächtige Dreiklang, wird noch lange nachklingen und ihm für alle Zeiten ein ehrenvolles Angedenken sichern."

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