Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
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44 protestierten gegen diese Beschimpfung«, und es kam zwischen Offizieren und Christlich-Sozialen zu einer b l u t i g e n Schlägerei. M e h r e r e O f f i z i e r e wurden g e o h r f e i g t. Schließlich schritt eine starke Abteilun g der V o [ f 3 w ehr ein und sprengte die Versammlung auseinander. Eine Gruppe der Christlich-Sozialen zog über die Ringstraße und drang in die K. a f s e e h ä u s e r ein und trieb d i e j n d i , s> ch e n Gäste hinaus. Ins Cafe Ochon kam ein Korporal mit etwa 50 Mann, forderte die Gäste auf, das Kaffeehaus zu verlassen, da die Juden geohrfeigt werden müßten. Alle Gäste verließen darauf fluchtartig das Kaffeehaus. In dem so entstandenen Wirrwarr wurden 25 Winterröcke gestohlen. Im Cafe „New Port" wiederholten sich die Vorgänge; hier wurde überdies außer 20 Wnterröcken eine Anzahl silberner Kaffeelöffel gestohlen, Marmortifche zerbrochen und auch sonst großer Schaden im Lokal angerichtet. Eine andere Gruppe von Demonstranten drang in das N a t io n a l t h e a t e r , st örte unter antisemitischen Rufen die Vorstellung und z w a n g d i e jüdischen Besucher, das Theater 311 v e r l asse n. Im Laufe des Aberrds wurden mehrere Offiziere und Universitätshörer verhaftet, gegen die die Anklage erhoben wird, die Menge zu rvyalistischen und antisemitischen Kundgebungen veranlaßt zu haben. * Dem Jüdischen Preßbureau in Wien entnehmen wir folgende Nachrichten: P a1ä st i n a s Bert r e t e r a in F r i e d e n s t 0 n g r e ß. Bei der am 20. Dezember 1918 in Jaffa abgehaltenen Konferenz der palästinensischen Juden wurden die Mitglieder der zionistischen Aktionskomitees, Professor Chaim Weizmann und Nahum Sokololo, als Vertreter der palästinensischen Judenheit zur Friedenskonferenz nominiert. Weizmanu und Sokolow befinden sich bereits in Paris. — * D e r polnische K a m p f g e g e n die jüdische P r e s s e. Dem jüdisch-polnischen Tageblatt „Nowh dziennik" in Krakau ist auf Veranlassung des polnischen Armeeoberkommandos für Galizien und Schlesien das Postdebit entzogen worden. Bereits seit einiger Zeit liegen Nachrichten vor, nach welchen polnische Eisenbahnbeamte usw. den Versand dieses Blattes bei jeder Gelegenheit verhinderten und die Zeitungsballen verbrannten. Statt diesem Terror der Bevölkerung Einhalt zu tun, sanktioniert die polnische Regierung das. Vorgehen nunmehr offiziell. Mit solchen Mitteln, welche an die reaktionärste Zeit der Kriegsjahre erinnern, glauben die Polen die Presse unterdrücken zu können. Lin Wtimmpker aus dem Jahre 1870. Von S. A n d 0 r n (Krefeld). n der zweiten Oktoberwoche ist in Grüsen, im einstigen \ Kurfürstentum Hessen, ein Mitkämpfer aus dem Jahre siebzig „zur großen Armee" abgerufen worden, dem ein Gedenkwort auch in der jüdischen Oeffentlichkeit gebührt. Der damalige Musketier DavidMarx hatte sich vornehmlich durch eine Leistung in den Kämpfen mit Orleans hervorgetan. „Die Regimentschronik der Dreiundachtziger" (Berlin 1891, E. S. Mittler u. Sohn) berichtet über den Vorgang (S. 74): „Die heutige Vorpostenstellung (am 20. November) wurde in und bei Vaupillon bezogen, doch kamen wir während der Nacht, in Anbetracht der Nähe des Feindes, nur wenig zur Ruhe. Zu unserer Sicherheit und zwecks anhaltender Aufklärung wurden unablässig Patrouillen vorgeschickt. Unter diesen befand sich auch die von Musketier Marx der 8. Kompagnie geführte, welche im besonderen den Auftrag hatte festzustellen, ob das -eine halbe Stunde vor den Vorposten gelegene Gehöft von dem Feinde besetzt sei. Musketier Marx schlich sich vorsichtig an dasselbe heran und fand mehrere Gewehre vor der Tür des Hauses zusammengesetzt, bemerkte indessen keine Posten. Schnell entschlossen packte er die Gewehre, warf sie in einen in der Nähe befindlichen Brunnen und drang in das Haus ein, während die beiden anderen Leute der Patrouille mit fertiggemachtem Gewehr sich an der # Tür aufstellten. So gelang es ihm, mehrere Franzosen, welche sich sorglos dem Schlafe hingegeben hatten, zu überrumpeln. Seine Gefangenen vor sich her treibend und mit mehreren Broten und verschiedenen Flaschen Likör beladen, traf er alsbald, von gerechtem Stolze erfüllt, wieder bei der Feldwache ein." In jener Kampfzeit wurden nicht so viele und vielfache „Auszeichnungen" vergeben, vermutlich nicht bloß aus Rücksicht auf die geringere Volkszahl. In den Aufzeichnungen seines Truppenteils fand Marx eine verspätete, aber um so wertvollere und dauerhaftere Anerkennung. Sie erfüllte ihn mit „gerechtem Stolz", ebenso aber auch das Bewußtsein der Teilnehmerschast an dem ganzen aufbauenden Kriege und die Erinnerung an die Zeit überhaupt, in der er „seines Kaisers Rock" getragen. Solche Gesinnung teilten alle seine jüdischen Kampfgenossen, teilten die Soldatengeschlechter der Folgezeit, wenn man auch dem einzelnen die Dienstzeit nicht immer leicht gemacht haben mochte . . . In den jüngsten Ferienwochen hatte ich Marx mehrfach wiedergesehen, immer noch die kraftvolle Gestalt, doch merklich gebeugt. Ich sah ihn auch in der Frühe der Selichothtage, andächtig in sein Gebet versunken und sichtlich kummervoll. Die böse Wendung im Kriegsglück hatte begonnen, bedrückte ahnungsvolle Seelen. Ihm schien es undenkbar, daß das große Deutschland, das er miterstritten, den glanzvollen Platz an der Sonne auch nur vorübergehend einbüßen könnte. Bei seinen Jahren durste er nicht hoffen, auch noch die Zeit erneuten Aufstieges zu schauen. Nun ist es ihm erspart geblieben — den Gang nach Washington zu erleben. Manche seiner Zeit- und Kampfgenossen werden ihn darum beneiden. Man kann heute die Umkehrung des alten Klagewortes verstehen: „Wohl denen, die vor solcher Zeit dahingingen!" Louis Lkwandowstri. Zu seinem 25 jährigen Todestag (3. Februar 1919.) Bon König,!. Musikdirektor A. F r i e d m a n n. s liegt nicht in meiner Absicht, zum 25jährigon> Todestag avermals eine Biographie des ansteMichen Meisters folgen zu lassen, sondern ich möchte ein kleines Stimmungsbild aus der Feder Eduard Birnbaums anläßlich des Todes des Komponisten und einige Briefe von Lewandowski selbst wiedergeben. „Gleich Jachin und Boas vor dem salomonischen Tempel", schreibt Eduard Birnbaum anläßlich des Hinscheidens Lewandowskis, „standen in unserem Zeitalter zwei Säulen des jüdisch-musikalischen Gottesdienstes so recht 'Ja bv vor dem „Hechal" im engeren Sinne des Wortes, vor dem „Allerheiligsten", von dem her die unvergleichlichen Weisen altisraelitischen Sanges an das Ohr tausender in Andacht versammelten Beter zu dringen hatte. Zur Rechten „Jachin", der unsterbliche Begründer des modernen Synagogengesanges, Salomon Sulzer, der unvergleichliche, gottbegnadete Sänger und zugleich erster Wegweiser auf dem Gebiete jüdischer Tonkunst — zur Linken „Boas", der mächtige, vielseitige Tonschöpfer, ein Heros unter den Synagogenkomponisten, Lazarus Lewandowski, seine ganze Produktionskraft vornehmlich in den Dienst der Synagoge stellend, zwar vorerst ausschließlich in den Dienst der Berliner „Wien Synagoge". Hier ward ihm im Verein mit Michael Sachs die Aufgabe, den Gottesdienst zu reorganisieren. Im Auf-