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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-31 · Heft 5 (31.1.1919) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 5 (31.1.1919)
Date
1919-01-31
Page
Seite 43 (sequence 7)
Language
German
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Nun »hat sich etwas Unbegreifliches herausgestellt. Die Entente hatte die Wiederherstellung eines geeinten unabhängigen Polens fast „von Meer zu Meer" in ihr Programm auf- . genommen. Die Entente ist auch zugleich die Beschützerin der Juden. Um dieses neue, mächtige Polen wiederherzustellen, hat Wilson. Oesterreich-Ungarn zerbröckelt und Deutschland geschwächt. Aber eben diese Polen veranstalten Pogrome von einer Schrecklichkeit und Grausamkeit, wie sie im zaristischen Rußland nicht vorgekommen sind! Und die Entente schweigt beharrlich und läßt alles ruhig geschehen. Wie soll man sich das erklären? Aus dem neutralen Ausland, Haag, Kopenhagen, Stockholm, Bern, überflutet man uns mit Berichten sogenannter „jüdischen Preßbuveaus", in denen unaufhörlich von dem Glück erzählt wurde, welches die Entente über das jüdische Volk zu bringen im Begriffe ist. K a u m a b e r i st O e st e r r e i ch z e r t r ü m m e r t und Deutschland ge schwächt,und schonhat das MordenunterdenJudeninganzPolenundbesonders i n Galizien begonn en und ebenso im t s ch e ch o - s l o w a k i s ch e n Staat. Mir ist es nur rätselhaft, wer die riesigen Kosten dieser „jüdischen Korrespondenzbureaus" bestritten hat. Sie haben vielleicht jetzt Gelegenheit, sich über Holland mit den „führenden Geistern" unter den amerikanischen Juden in Verbindung zu setzen. Fragen Sie doch die Herren M o r g e n t h a u , W a r bürg, B r a n - deis, Sch iss an, wie es kommen konnte, daß das unter der Fahne Amerikas auf Geheiß Wilsons neuerstehende Polen und ebenso der tsckecho-slowakische Staat ihr freies staatliches Dasein mit dem Niedermetzeln von Hunderten jüdischer' Greife, Frauen und Kinder und unerhörten Plünderungen und der Verbrennung von Synagogen beginnen? Gleich nach der berühmten Erklärung Balfours versicherte Lord Rothschild in London, er werde die ganze Macht seines Hauses in den Dienst der Errichtung des Judenstaates stellen. Es wäre vielleicht heilsamer gewesen, wenn er die ganze Macht seines Hauses dazu benutzt hätte, um so viel furchtbares Unheil von Hunderttausenden von Juden in Polen, Galizien und dem tschecho-slowakischen Staat abzuwenden. Sollen wir f o r t - fahren, an die me s si a n i s ch e n Verheißungen Wilsons, Balfours und Lloyd Georges zu glauben und die Entente als unsere Erlöser a n z u s e h e n? . . . Ich sage es rund heraus: die a m erik a n i s ch e n u n d e n g l i s ch e n I u d e n h a b e n da an ihren osteuropäischen und besonders polnischen Glaubensgenossen, vielleicht unbewußt, einen furchtbar enBetrug begangen, der n o ch s ch were Folgen n a ch sich ziehen könnte. Aber selbst die verblendeten großen Massen fangen schon an, die Wahrheit zu erkennen. * Herr A. Schwa d r o n in Wien sendet uns zum Vordruck einen Artikel: „Von der Schande eurer Namen. Ein Ruf an die zionistische Jugend." Er weist in ihm darauf hin, daß die Vornamen von den Eltern frei gewählt seien, und sagt: Von morgen an gebe es bei euch allen, in allen euren Zusammenli'mften, Zirkeln, Gruppen, Kreisen, Bünden usw., in allen Anreden, Grüßen, Korrespondenzen, Tagebüchern, Zuschriften und Berichten t'm Zeitschriften — überall also und ausnahmslos in allen Nennungen,; Schreibungen, Verzeichnissen eures Namens, wo nicht gesetzlich oder dergleichen der unveränderten Matrikelname geschrieben oder genannt werden muß (über die eventuelle gesetzliche Aendernng von Vornamen und Namen wäre ein andermal zu sprechen), gebe es von jetzt an keinen Fritz, sondern nur Jakob und Rachel, nur Channa, Penina,; Timna, Riwka, Batschewa, Tamar, Dina, Ranana, Mirjam, Tirza, j Vilba, Esther, Schua, Atalia, Awischag, Naami, Schulamith, Kar-! ntela, Scharona, nur Rüben, Elischa, Amos, Awrhud, Jirmjahn,! Jehonathau, Aiharon, Amasa, Amnön, Glieser, Awschalorw Ächrtüw, Jochanan, Uriel, Awigdor, Elchanan — ihr braucht nur eine Bibel auszuschlagen und euch daraus die schönsten Namenperlon auszuwählen. Er setzt dabei auseinander, daß die Eltern ihren Kindern mit den sogenannten arischen Namen ein sehr fragwürdiges Geschenk bereiten, wendet sich gegen die Zionisten, die mit ihrer Namensgebung nichts Besseres getan hätten als die Assimilanten, und schließt: Zum Schlüsse noch das: Wie es viele, die Bedenklich-Nachdenklichen", geben wird, die da Probleme und Schwierigkeiten sehen werden, so werden andere, die „mit Tatsachensinn" finden, daß ich die Wichtigkeit von Namen, Wort, Schall übertreibe; sie werden es an sich für eine Bagatelle und, im Vergleich zu den schweren, großen Ausgaben und Pflichten des jungen Juden, für eine so leichte Sache halten, daß es sich nicht lohnt, daraus ein Wesen zu machen. Ich bin aber immer der Ansicht, daß das Gelingen oder Mißlingen der großen Sache meist nur davon abhängt, ob die kleinen Dinge, worauf sie ruht, gut oder schlecht gemacht worden sind — das ist das Große an den kleinen Dingen. Auch ist die Bagatelle bisweilen schwerer aus- Zusühr-en als das grundsätzlich Große, weil letzteres, das Ideal, als Vorsatz meist mehr oder weniger fern abliegt, das Kleine dagegen das Rhodus ist, worauf gleich gesprungen werden nmß. Entscheidet euch! — Heute! Ich will diesen warmherzigen Ausruf nicht abschwächen. Aber ich muß gestehen, daß ich es mit Steinthal haltender seinen Vornamen Hayim nre verleugnete, aber sich einfach H. Steinthal schrieb, und mit I. L. Perez, der es erst seinen Nachfolgern überließ, ihn als Jizchok Leib einzuführen. Ich kann mir nicht helfen: ich finde diese Namen nicht schön, sehein ihnen kein Ehrenzeichen, verdenke es deutschen jüdischen Eltern wohl, wenn sie die Kinder mit ausgefallenen ausländischen, französischen oder nordischen Namen zu schmücken meinen, halte sie aber für wohl berechtigt, ihnen deutsche Namen zu geben, da sie Deutsche sind. Ich danke meinem Vater, daß er mir statt den jüdischen Namen Leser den deutschen: Ludwig gab. * Vom Ausland ist nicht viel zu melden. Im „Berliner Tageblatt" lesen wir: A n t i s e m i t i s ch - r o y a l i st i s ch e Treibereien in Budapest. B u d a p e st, 20. Januar. Gestern nachmittag fanden hier Versammlungen statt, in denen reaktionäre Redner das Volk gegen die Juden aufz u stacheln versuchten. Eine Anzahl dieser Elemente benutzte die gegenwärtige trostlose Lage Ungarns zur Aufreizung; gleichzeitig wurde von Anhängern des alten Regimes versucht, royal i st i s ch e Kundge b u n g e n zu veranstalten. In einer Versammlung, die von dem. Szekler Nationalrat einberufen war, hielt Oberleutnant Szabo eine antisemitisch gefärbte Rede und richtete namentlich gegen die Budapester Zeitungen und deren Herausgeber heftige Angriffe. Die anwesenden Vertreter der Presse wurden beschimpft und geschlagen und mußten den Saal verlassen. Sodann wurde auf Antrag des Präsidenten der Beschluß gefaßt, vor dem Hotel „Donaupalast", wo die hier weilende amerikanische Friedensdelegation wohnt, eine große Kundgebung zu veranstalten. In den Nachmittagsstunden fand eine Versammlung der Franzstädter Arbeiter statt, die erklärten, daß die Arbeiter die antisemitischen Hetzereien nicht mit ansehen, sondern zu den Waffen der Gewalt und des Terrors greifen würden. Die unter dem Deckmantel der „erwachenden Ungarn" organisierten C h r i st l i ch - S o z i a l e n veranstalteten gestern abend im Politechnikum eine große Versammlung. Die Redner griffen die I u d c n u n £> d i e V o l k s r e g i c r u n g auf da s heftigste an. Es kam zu Rufen: „Fort mit den jüdischen Ministern! Fort mit Karoly, dem Judenfreund! Wir wollen keinen jüdischen Kriegsmrrn'ster!" Die Mitglieder des Landwehrverbandes

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