Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
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42 Diese Gerüchte dienen nur dazu, Verbitterung und Mißtrauen zu schaffen. Wenn ihr zum Woyle des Ganzen die Ordnung Herstellen und mit uns in Frieden leben wollt, so sorgt für Schutz von Person und Eigentum aller Mitbürger und zeigt durch die Tat, was eure Führer uns versichert haben, das; ihr bereit seid, mit uns in Eintracht zu leben. Wir sind dazu bereit. P o s e n , den 5. Januar 1919. I ü d i s ch e r B o l k s r a t. 4- Jm Anschluß daran sei folgende Mitteilung des Polnischen Volksrats zur Kenntnis gebracht: Gegen die Be r l e u nt düng e n! Es wimmelt in der deutschen Presse von unbegründeten und tendenziösen Mitteilungen über die letzten Posener Ereignisse. Unter anderem schrieb das „Berliner Tageblatt", die Synagoge sei während des Gottesdienstes beschossen worden, und es seien hierbei eine Anzahl Juden verletzt worden. In einer anderen Nummer wurde berichtet, daß die Polen in Posen Judenpogrome veranstaltet haben. Auch das Wolffsche Telegraphenbureau in Berlin hat sich diese Unwahrheiten zu eigen gemacht. Wir stellen fest, daß alles dies ungeheuerliche Lügen sind, bewußt darauf berechnet, die Polen als kulturloses Volk hinzustellen. Zur Brandmartung dieser Lügen berufen wir uns auf das Zeugnis der Juden selbst, und insbesondere des Jüdischen Volksrats, der in dem vorstehenden Aufruf die genannten Mitteilungen als unwahr bezeichnet. Ter Jüdische Volksrat ist bemüht gewesen, die Darstellungen in den Berliner Blättern richtig zu stellen, und will in Zutnnst daraus hinwirkcn, daß derartige Verleumdungen verhindert und wahrheitsgemäße Darstellungen gegeben werden. 'Wir uujerjeits stellen bei dieser Gelegenheit erneut fest, daß das polnische Volk wie in der Vergangenheit so auch weiterhin den Juden volle Toleranz und Gleichberechtigung gewährleistet. Wie den anderen nationalen Minderheiten, so billigen nur auch den; jüdischen Volke volle Gleichberechtigung zu. Indem wir das versichern, berufen wir uns aus unsere Geschichte, von ihrem Anfänge bis zur ewig denkwürdigen Konstitution vom Mai 179], svwie auf die gegenwärtigen Anschauungen und Ueberzeugungeu und den wahren Willen unseres polnischen Volkes, vor allem auch auf den in dieser Hinsicht vom polnischen Landtage vom 4. Dezember 191X gefaßten formellen ur-d feierlichen Beschluß. Zwar haben die unwahren und tendenziösen Nachrichten der deutschen Presse eine verständliche und tiefgehende Entrüstung in unserer Gemeinschaft wachgernfen. Wir haben jedoch von der maßgebenden jüdischen Instanz, den; Indischen Voltsrate, die Versicherung, daß die Inden nichts Gemeinsanws nn't der Verbreitung der falschen 'Nachrichten haben nnd diesen Nachrichten entgegentreten werden. Wir wenden uns daher an alle Polen mit der dringenden Aufforderung, den Kampf gegen die unsere Nationalehre berührenden iinfc grundlosen "1 lnschnldigungeu uns zu erleichtern. Man muß daher unbedingt und absolut alles vermeiden, was unseren Feinden auch m.r einen Vorwand geben könnte, Waffen gegen uns zu schmieden. Vor allem verbreitet nicht grundlose Nachrichten und wiederholt nicht leere Gerüchte über die Inden! Indem wir alles, was die nationalen oder religiösen Leidenschaften entfachen und reizen oder die Empfindungen anderer beleidigen tonnte, vermeiden, werden wir den glänzenden Ueberlieferungen unserer Vergangenheit treu bleiben, werden wir den Beschlüssen unseres Landtages gerecht werden und gleichzeitig für das zukünftige staatliche Gedeihen des erstehenden Polens arbeiten. Po seil, den 5. Januar 1919. Polnischer V o l k s r a t. * Herr Tr. L. Apfel aus Ezernowitz, wohnhaft im Haag, schickt uns folgenden Brief, den wir als Stimmungsbericht hier wiedergeben: . . Alle die Hunderte von gequälten und gemarterten jüdischen Scannern und Frauen, mit denen ich sprach, wiederholten das einzige Wort: „An unserem ganzen Unglück ist kein anderer schuld als Wilson." Ein merkwürdiger Umschwung hat sich vollzogen: noch vor einem Monat schworen | alle Juden auf Wilson, als auf den Messias, der sie erlösen > und in das gelobte Land führen wird; es war gefährlich, j einen Zweifel an Wilson zu äußern, und jetzt ist er der meist-; gehaßte Mensch unter den Juden des ganzen Ostens. Ich! bin nur ein einfacher Geschäftsmann und kein Politiker, ich i meine aber, daß Wilson hier nur die Rolle eines Werkzeuges in den Händen der Ententepolitiker spielt, denen er in die! Hände arbeitet; ich glaube auch, daß die Amerikaner bald j zur Einsicht kommen werden, daß Wilson sie für die Eng-- I Länder die Kastanien aus Lein Feuer hoben läßt, daß er die > Geschäfte der Engländer besorgt, indem er nach der Auflösung : Oesterreich-Ungarns nun auch an der Zerstückelung und! dauernden Schwächung Deutschlands arbeitet. Was können die Vereinigten Staaten für ein- Interesse daran haben, daß sich ganz Europa in eine Reihe kleiner, sich gegenseitig ewig befehdender Staaten auflöst, die auf die Stufe von englischen; Kontinental-Kolonien herabsinken, von London ewig kontrolj liert und beherrscht? Das würde den Engländern eine! Macht in die Hände geben, die den Vereinigten Staaten! alsbald sehr gefährlich werden könnte ... Was aber | uns Juden betrifft, so bin ich der Ansicht, daß! W i l s o n an unserem Schicksal viel weniger schuld i st als das Häuflein englischer und! amerikanischer Politiker jüdischen Glau- bens, die im Namen eines mißverstandenen und verfälschten Zionismus seit ungefähr zwei Jahren unter den Juden des; Ostens eine rasendeProPaganda für die Entente entwickelt haben, die in der ganzen zi o n i st i - s ch e n Presse, auch Oe st e r r e i ch s und D e u t s ch - : Lands, ein gewaltiges Echo fand. Die Erklärung B a l f o u r s , die England nicht einen Pfennig kostete, hatte i unter den amerikanischen Juden einen unerhörten Freudentaumel geweckt, öffentliche Umzüge wurden veranstaltet. Feste! gefeiert; es war, als sollte für die gesamte Judenheit eine! neue Epoche der Glückseligkeit beginnen. Jede Nummer j der zionistischen Zeitungen brachte neue von I r et j ender Begeister n n g ü b e r q u e 11 e n b c A r - : tikel über die Entente und d i e E r k l ä r u n g e n i h r er Staats m anner, daß Palästina dem jüdischen V o l l e g e h ören s o l l e. Für meinen gewöhnlichen Verstand war das unbegreiflich, da vom ganzen jüdischen Volke nur ein kleiner Bruchteil in Palästina wohnt. Es war als o g a n z s v , w i e wen n m an uns Vers p r o ch-e n hätte, daß der Mond uns gehör e n w ü r d e. Ich hätte Ihnen gewünscht, das zionistische „Lemberger Tageblatt" zu lesen; dort war jeden Tag ein förmlicher Freuden- und Fest-; tU'tifcf abgedrnckt. Bald hatte dieser, bald jener führende Ententeftaatsmann sich zugunsten des Zionismus und des; Judenftaates geäußert. Darob riesige Freude in ganz Israel, j Am auffälligsten war, daß alle in Deutschland und Oester-! reich erscheinenden zionistischen Blätter uneingeschränkt das , Lob der Entente sangen. Das Stärkste leistete sich hierin dle! Monatsschrift „D e r I u d e" in einem Leitartikel des 5. Heftes!! 9 j 8. Ich habe natürlich das Heft hier nicht zur Hand, kann Ihnen den Text nicht Zitieren, aber der Sinn war, daß die gesamte Judenheit das Vertrauen Zur Politik der Mittelmächte verloren habe, dagegen alle Hoffnung aus die Entente setze. Ich weiß nicht, was diese jungen Herren ermächtigt hat, im Namen der ganzen Judenheit zu sprechen, aber während unsere jüdischen Soldaten sich für die Mittelmächte schlugen, während die Berichte des österreichischen Hauptquartiers die jüdisch-galizischen Soldaten in den italienischen Gefangenenlagern belobten, weil sie allen Verlockungen widerstanden und auch ihre polnischen Kameraden zurückhielten, daß sie nicht in die sog. „slawische Legion" eintraten, welche gegen die Zentralmächte! organisiert wurde, sangen alle zionistischen Blätter unaufhör- 1 lich Hymnen zu Ehren der Entente! ...