Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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41 mann-erversanunlung war man schon offener, man schreckte vor oer Lrüskierung jüdischer Atitglieder nicht zurück. Der „verderbliche jüdische Einfluß" (vergröbert jüdische Vorherrschaft genannt), den die große Volksbewegung unserer Tage aufweist, erweckt den Hellen Zorn unserer Nationalen. Wie steht es damit? Freimütig bekennen wir, daß, die politische Haltung der Juden von den obengenannten Blättern stärker beeinflußt war als von der „Deutschen Tageszeitung", der „Rheinisch>-Westfälischen Zeitung" und der ganzen annexwnistischen Presse. Wer aber behauptet, daß jene demokratischen Blätter während Les Krieges den vaterländischen Geist hätten vermissen lassen, sagt bewußt oder unbewußt die Unwahrheit. Er gesellt sich dem erbärmlichen Nasseantisemiten H. St. Chamberlain bei, dem ein preußisches Gericht bescheinigt hat, daß er verleumderische Behauptungen ohne Beweise tir die Welt schleudere. Es war nicht Schuld jener Blätter, wenn sie den Einfluß der Tirpitz, Ludendorf.f und Falkenhayn nicht überwinden konnten die uns ins Unglück führten. Was ist also so Verwerfliches an den inkriminierten Organen, wenn nicht eben, daß sie als jüdische geächtet werden müßten! Es ist doch gar zu bequem, das Unglück des Vaterlandes nach bewährtem Muster von den wahren Schuldigen abzutenken und auf die Juden abznwätzen. Man möchte alte Abneigungen aus dem Halbschlummer wecken und das „Nieder mit den Juden" aus beleidigtem Nationalstolz heraus mitschreien können. Vom Feinde draußen muß man sich zähneknirschend alles gefallen lassen; wozu hat man Fäuste? Aus die Juden zu schlagen, dazu reicht es noch. So rief man in Hungerkrisen des Mittelalters: „Plündert die Judenhäuser!", beim Schwarzen Tode: „Schlagt die Brunnenvergifter tot", in den Türkenkriegen: „Nieder mit den Verrätern!" Ganz de:: gleichen Zweck verfolgen unsere Nationalen mit dem beliebten Hinweis aus die unverhältnismäßig vielen jüdischere Namen bei den Trägern der augenblicklichen Gewalten. Am schwersten steht man die Juden belastet, wenn man ihnen Bolschewik! jüdischer Herkunft Nachweisen kann. Hat man bedacht, wer für diese hastbarist? Sicher nicht die polnische Judenschute mit ihrem Talmud und ihren Rabbis; wohl aber der blutige Zarismus, der Beamtenterror, der Fanatismus der orthodoxen Kirche, das pogromlüsterne Volk. Und wenn die preußischen Juden vor dem Kriege sich politisch röter und röter färbten, wo lagen die Gründe? Vielleicht bei ihren Rabbinern oder bei der systematischen Zurücksetzung im Staate, bei der reaktionären Verwaltung, die die verbriefter! Rechte vernichtete, dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Antisemitismus, der von oben her begünstigt wurde? Wenn gegen Ende des Krieges die Juden immer mehr am Vaterlande irre wurden, so war die Erklärungauch nicht weit zu suchen: Die berüchtigte Judenzählung wirkte wie eine seelische Atasseuvergiftuug, ebenso die Wühlarbeit der Fritsch, Henningsen und Genossen; der Antrag Hein, die Juden im neuen Preußen des Wahlrechts zu berauben, den dieser edle Nationalist unter dem Beifall der Freunde unseres Nationalen Vereins begründen durfte. Aber die zahlreichen Drückeberger? Will man zahlenmäßige Beweise, wie grausame Lücken der Krieg in jüdische Familien gerissen hat? Man sollte meinen, ein einziger jüdischer Freiwilliger, den eine jüdische Familie dem Daterlande opferte, wöge hundert angebliche Drückeberger auf! Alacht inan diese Rechnung - nicht mit, daun erkläre man uns, warum nicht sofort bei der Mobilmachung jeden: Juden gesetztlich untersagt mürbe, den Heldentod für Deutschland zu sterben? Dursten wir unser Blut für das alte- Deutschland vergießen, dann wollen wir auch.unsere Köpfe tätig sein -lassen, um das neue, bessere Deutschland zu begründen, mögen diese Köpfe einem Haase, Landsberg oder selbst Eisner gehören. Tatsächlich tragen die Juden selber die größten Bedenken, mehr jüdische Namen, als ihnen prozentualiter zukommen, obena«zu sehen. Sie sind gut erzogen und haben gelernt, mit den Gedanken der anderen zu denken. Dennoch sind sie in ihrer Ehre gekränkt, wenn man Angehörige ihrer Reihen durch den Beinamen „Jude" verächtlich zu machen wagt. Denn darauf laufen Stichworte, wie „Kurt Eisner gleich Salomon Kusnowski" hinaus. Was hat Politik mit dem Bekenntnis zu tun? Es ist eine politisch unanständige Kampfesweise, aus den Personalien die religiöse Zugehörigkeit herauszuschnüffeln; ein vergiftendes Element, das die vornehme Presse verschmähen sollte. Muß man Deutsche daran erinnern, daß die französische Invasion im Großherzogtum Berg den Juden zuerst den Bürgertitel gab, den Preußen ihnen vorenthielt; daß es untersagt war, in allen bürgerlichen Belangen den Abraham oder Moses anders als den Bürger Abraham und den Bürger Moses zu bezeichnen?! Noch sind die Deutschen jüdischen Glaubens in unserem Lande Vollbürger, und Antisemiten haben nicht das Recht, ihnen einseitig diese Würde abzusprechen. Ihr Judentum muß also als religiöser Glaube respektiert werden. Ungeachtet des Stolzes, der uns für unsere Didigion beseelt, verbitten wir uns, als Jude tituliert zu werden, wo es nicht hingehört, denn wir wissen ganz genau, es soll keine harmlose Charakteristik, sondern ein mittelalterliches Schimpfwort sein. Wir begreifen, daß der Nationale Verein in dieser für ihn so trüben Zeit nach Bundesgenossen seiner gegenrevolutionären Gesinnung ausschaut. Aber wir wundern uns auch nicht allzusehr, daß er sie bei manchen evangelischen Geistlichen findet, die für die Sache ihres Bekenntnisses besorgt sind. Es spricht nicht für ein gutes Gewissen, wenn diese die Juden als selbstverständliche Gegner der Kirche ansehen. Die jüdische Gemeinschaft hat unter der erdrückenden Machtstellung der bevorrechteten Kirchen beinahe den Atem verloren. Und dennoch haben Juden nicht dagegen angekämpft aus traditioneller Ehrfurcht gegen die Religion überhaupt und die herrschende insbesondere. Sind die Herren Hosfmann und Haenisch etwa Juden? Haben Juden zersetzende Tätigkeit am Christentum geübt oder Christen selbst, ein Feuerbach, Strauß, Nietzsche, Drews, Haeckel, Ostwald? Darum sollten uns Geistliche besonders mit ihren Bezichtigungen verschonen, die doch in dieser ernsten Zeit lieber alle Kraft aufbieten sollten, um die Gegensätze im Volke zu versöhnen und nicht zu verschärfen. Aber sollen die Kriegswucherer und andere Kriegsschelme straflos bleiben? Keineswegs. Wir sind die ersten, die ihnen exemplarische Strafen gönnen — aber in geordnetem Verfahren, Fall für Fall. Da es sich um typische Verbrechen handelt und etwa 7000 Kriegsparagraphen erlassen sein sollen, so wird ja jeder ersaßt; die Justiz kann maschinell arbeiten, doch hoffentlich mit der Binde vor den Augen, gegen Christen und Juden. Oder meint der Nationale Verein, Pogrom gegen die Juden, Plünderungen jüdischer Ladeninhaber, Lynchjustiz an der verhaßten Rasse führten schneller zum Ziel? Wer dazu aufsordert, oder auch nur Pogrome begünstigt, oder sie begreiflich bei der leicht erregbaren Menge findet, ist ein Schädling im deutschen Volke. Gewisse Vorgänge im dunkelsten Galizien, über das sich unsere Westdeutschen nicht erhaben genug dünken konnten, haben die Juden wachsam gemacht. Für sie gibt es kein Verbleiben in einem Nationalen Verein, der an Rumänien und Halbasien orientiert ist. Die Juden stellen sich unter den Schutz aller wohlmeinenden und freiheitlich gesinnten Bürger und Arbeiter, der gesitteten Bevölkerung, die auch nur den Gedanken an Pogrome weit von sich weist. Die Juden wollen nicht als Masse, sondern als Persönlichkeiten gewertet werden, sie lehnen Solidarhaft ab. Solche wird uns Deutschen vom Feinde auferlegt; wenn Bürger sie Bürgern auferlegen wollen, schüren sie den inneren Krieg. Den Antisemitismus nannte ein Hohenzoller die Schmach des 19. Jahrhunderts; sollte er die Ehre des 20. Jahrhunderts sein? * Von dem Jüdischen Volksrat in Posen wird folgendes verbreitet: An unsere polnischer: Mitbürger! Der Waffenlärm ist aus de:: Straßen Posens geschwunden. Es besteht die Gefahr, daß eine starke Verbitterung zurückbleibt. Diese Gefahr wird gesteigert durch die falschen Berichte Berliner Blätter über die hiesigen Vorgänge. Wir sind diesen übertriebenen und großenteils unwahren Berichten sofort entgegengetreten und werden in Zukunft gleichfalls allen Entstellungen hiesiger Vorgänge entgegentreten. Auch an dieser Stelle weisen wir wiederholt daraus hin, daß die Ausschreitungen keinen Pogromcharakter getragen haben. Wir haben auch das feste Vertrauen, daß bei den hiesigen Vorgängen eine derartige Absicht nicht bestanden hat. Um so mehr halten wir es für erforderlich, daß auch den Gerüchten aufs schärfste entgegengetreten wird, die geeignet sind, bei unseren polnischen Mitbürgern eine feindliche Stimmung gegen die jüdische Bevölkerung zu erzeugen. Polnische Mitbürger! Bekämpft alle diese falschen Gerüchte, die von einer durch nichts erwiesenen und nicht vorhandenen Feindseligkeit der jüdischen Bevölkerung gegenüber der polnischen sprechen!